Die IT-Industrie bringt stetig neue Produkte auf den Markt – und das mit teilweise atemberaubender Geschwindigkeit. Das Problem: Neuanschaffungen sind schon veraltet, bevor die Finanzabteilung sie abgeschrieben hat. Ein Erneuerungsprozess, der mit dem Tempo Schritt halten kann,  ist deswegen kaum möglich. Regelmäßige Updates der gesamten IT-Landschaft, Kostenvorteile und vereinfachte Prozesse durch Umstellung auf Standardsoftware – das Outsourcen der IT-Systeme kann für Unternehmen eine Lösung sein. Beispiele aus der Autoindustrie.
Wir schreiben das 23.Jahrhundert: Die Raumtransporter-Flotte eines großen Weltraumunternehmens gilt als hochkomplex, mit den modernsten Computersystemen gesteuert und als Inbegriff von Hightech. Doch Experten werden stutzig, als die Eigner der Flotte im Internet nach völlig veralteten Computerkomponenten suchen, um hiermit den Betrieb ihres Weltraumlogistik-Services aufrecht zu halten. Das Problem: Die IT-Hersteller produzierten die gesuchten Komponenten schon lange nicht mehr. Die Besitzer der Raumflotte haben offensichtlich bei ihrer Produktplanung die zwingende Notwendigkeit eines regelmäßigen Updates von Hardware und Softwaresystemen schlicht übersehen. Klingt nach Science-Fiction in bester Trash-Qualität.
Zurück ins 21. Jahrhundert. Die Zukunft hat längst begonnen, könnte das Urteil lauten. Der NASA ist dieses Missgeschick passiert. Und das ist kein Einzelfall. Viele Unternehmen kümmern sich weder um Updates noch um die Modernisierung ihrer IT-Systeme. Dies gilt für alle Industriezweigen und Dienstleistungen – von ‚A‘ wie Automotive bis ‚W‘ wie Weltraumindustrie: So lange die IT-Werkzeuge ihren Zweck erfüllen und damit Produktion und Vertrieb im Plan liegen, versuchen die Verantwortlichen mit der bestehenden Ausrüstung zu arbeiten. Selbst dann, wenn sie überholt oder völlig veraltet ist. Tatsächlich stoppt häufig erst der Mangel an Ersatzteilen die IT-Systeme und zwingt dann zum Nachbessern und Austausch der Installationen.
An dieser Entwicklung ist die IT-Industrie nicht schuldlos. Mit atemberaubender Geschwindigkeit bringen die Anbieter immer neue Technologien und Produkte auf den Markt. Damit stellen sie die IT-Verantwortlichen ihrer Kunden vor ein riesiges Problem: Neuanschaffungen sind häufig bereits veraltet, bevor die Finanzabteilung sie abgeschrieben hat. Schon aus diesem Grund ist ein stetiger Erneuerungsprozess der Rechenzentren aus eigener Kraft kaum möglich. Umso mehr suchen die Verantwortlichen die Hilfe bei ihren Dienstleistern. Deren Angebot: Sie übernehmen Computer, Netzwerke, Applikationen, Service, häufig die Prozesse und meistens auch das Personal. Dafür verpflichten sie sich zu jedem Zeitpunkt die jeweils beste Technologie zur Verfügung zu stellen.
Das Ideal ist also ein stetiger Austausch im Rechenzentrum und an den Arbeitsplätzen: Neue Komponenten gegen alte Komponenten. Neue Softwaretechnologie ersetzt veraltete Systeme. Und damit kommen die Arbeitsprozesse in der Fertigung, in der Logistik, auf den Schreibtischen immer neu auf den Prüfstand und werden an die modernen Zeiten angepasst. Doch ist dieses Ideal bei hochkomplexen Systemen wie einem Raumschiff oder einer Fertigungsstraße überhaupt möglich?
Die Abwägung ist für den Dienstleister ist, wie viel Standardsoftware und Standardkomponenten innerhalb der IT-Landschaft betrieben werden können. Denn das Nutzen dieser Standardsoftware – oder auch der standardisierten Hardwarekomponenten – für möglichst viele Kunden mit möglichst ähnlichen Vorstellungen und Ansprüchen bringt den Preisvorteil und die Marge mit denen der Dienstleister Geld verdient. Dagegen stehen die Vorstellungen der IT-Verantwortlichen. Sie nämlich sehen in der von ihnen selbst erstellten Software – etwa für Fertigung oder Logistik – die Innovation, die den Vorsprung vor dem Wettbewerb sicher stellt. „Hinsichtlich ihrer IT lassen sich Unternehmen im Wesentlichen in zwei Kategorien unterteilen: ‚Make‘ und ‚Buy‘. Während beispielsweise Konsumgüter- und Chemieindustrie in hohem Maße an infrastrukturellem oder technischem Outsourcing interessiert sind, entwickeln und betreuen Automobilhersteller oder Banken und Versicherungen ihre IT-Systeme mehrheitlich noch selbst“, analysiert. Ferri Abolhassan, Mitglied der Geschäftsführung und Leiter Geschäftsbereichs Systems Integration bei T-Systems. „Dabei können die Kunden mit herkömmlichem Outsourcing von Skaleneffekten profitieren und bis zu 30 Prozent der Betriebskosten einsparen.“
Natürlich sind CRM-Systems oder eine ERP-Installationen die klassischen Outsourcing-Applikationen. Selbst umfangreiche, selbsterstellte Anwendungen wird der Dienstleister mit überschaubarem Beratungsaufwand auf Standardsoftware migrieren und mit dem damit verbundenen Prozessänderungen in seinen Rechenzentren betreiben. Wenn es aber um Kernprozesse der Unternehmen geht, behalten die Verantwortlichen lieber die Kontrolle über die Software. In den Augen der Verantwortlichen liefern häufig standardisierte Systeme lediglich Standardergebnisse. Mit Outsourcing fürchten sie ihren wichtigsten Wettbewerbsvorteil zu verlieren – und nicht nur das. Die IT-Dienstleister haben schon lange die Möglichkeit entdeckt, sich aus dem Mitarbeiterbestand ihrer Kunden neue, spezialisierte Mitarbeiter zu rekrutieren. Die werden im Zuge einer Outsourcingvereinbarung zusammen mit Servern, Netzwerken und Software übernommen. In der Kalkulation, ob Outsourcing-Leistungen für einen bestimmten Kunden Sinn machen, sind auch immer die Skaleneffekte der neuen Mitarbeiter mit eingerechnet. Der Kunde muss abwägen. Er kann seine Personalkosten erheblich senken und hat die Möglichkeit vom Wissen der Berater und Techniker seines Dienstleisters zu profitieren. Dafür wird er die Leistungen seiner ehemaligen Mitarbeiter in Zukunft teuer einkaufen. Und Mitbewerber können von dem Wissen profitieren, das in der eigenen IT-Abteilung entstanden ist.
Die Anbieter sehen das Problem und versprechen eine „faire Partnerschaft“ – an Stelle einer Dienstleister-Kunden-Beziehung. „Um die Voraussetzung für eine faire Partnerschaft zu ermöglichen, ist es notwendig Service-Level-Agreements zu verabreden. Sie bilden den Rahmen, in dem Innovationen zur Verbesserung der IT-Systeme stattfinden können“, sagt Scheidt, Alexander Leiter des Bereichs Automobil bei IBM Global Business Services. Eine Studie die von der Londoner School of Economics gemeinsam mit dem IT-Dienstleister Logica erstellt hat, spitzt die Frage der gegenseitigen Abhängigkeit von Kunden und Dienstleistern zu. Die Wissenschaftler fragen nicht nur nach der Win-Win-Situation, sondern beschäftigen sich mit dem Aufteilen der Risiken. Ihr Vorschlag ist die ‚Collaboration‘ – also die Zusammenarbeit von Anbieter und Kunden. Zusammenarbeit, Innovation und Performance gingen Hand in Hand und sollten das Fundament beim Outsourcing von IT-Dienstleistungen bilden, heißt es in den acht Thesen der Studie. Für die Weltraumtransporter kommt diese Erkenntnis wohl zu spät.
Beispiele aus der Autoindustrie:
• IBM übernimmt den Support von Anwendungen und Systemen in der Fahrzeugentwicklung bei BMW bis September 2013. Die Leistungen, die zuvor aus einem Pool von mehr als 40 verschiedenen Providern kamen, erbringt nun die IBM für die Bereiche ‚Computer Aided Design‘, ‚Engineering und Testing‘ sowie ‚Elektrik und Elektronik‘. IBM werde Betrieb, Wartung und Support von mehr als 530 verschiedenen Anwendungen und mehr als 280 Servern der BMW Group sicher stellen, heißt es beim Dienstleister weiter. „Im Rahmen der Vereinbarung behebt IBM Störungen, bearbeitet Fehlermeldungen, passt die Systeme bei Bedarf an neue Anforderungen an, kümmert sich um den Wissenstransfer, überwacht und sichert die Verfügbarkeit der Systeme“, sagt Ralf Malter, Partner bei der Unternehmensberatung IBM Global Business Service.
• Computacenter wurde von Daimler mit dem Betrieb einer Netzwerkinfrastruktur im europäischen Raum beauftragt. Der im Mai 2009 geschlossene Managed-Services-Vertrag umfasst ein Volumen von über 130.000 Netzwerkports und dazugehörige aktive Netzwerkkomponenten, die über ein zentrales Network-Control-Center – NCC – gemanagt werden. Über dieses NCC werden darüber hinaus alle Daimler Weitverkehrsverbindungen im Konzernverbundnetz überwacht. „Das Netzwerk ist das Rückgrat der IT und hat damit einen besonderen Stellenwert innerhalb der Daimler AG“, erklärt Dr. Hartwig Faber, Director IT Infrastructure & Operations bei Daimler. „Standardisierung, Verfügbarkeit und Sicherheit unseres Netzwerks sind erfolgskritische Faktoren. Computacenter hat uns mit seinem guten Leistungsangebot und einem effizienten skalierbaren Konzept überzeugt und uns eine signifikante Kostenreduktion ermöglicht“. Der Vertrag enthält zudem Optionen für den Onsite-Service für Telefon-Endgeräte und Netzkomponenten sowie das IT-Umzugsmanagement. Daimler verfolgt mit der Bündelung das Ziel, einen stabilen und sicheren Betrieb seiner Infrastruktur zu gewährleisten und die Kosten zu senken.
• MAN übergab am 1. Juli 2009 Services rund um Rechenzentren, Bürokommunikation und Netzwerke an T-Systems und IBM Deutschland. IBM werde künftig dezentrale Services leisten, also Dienste rund um Arbeitsplatz oder PC. T-Systems sei für zentrale Services wie Netzwerke und Rechenzentren zuständig, heißt es in einer Pressemitteilung. Die gesamte Partner-Lösung wurde gemeinsam und in enger Abstimmung mit dem Betriebsrat gefunden. Zentrale Punkte sind dabei die Sicherung der rund 320 Arbeitsplätze in Deutschland und Österreich sowie eine Wahlmöglichkeit, wonach die Mitarbeiter zwischen den neuen Partnern und dem Verbleib bei MAN wählen könnten. „Die Unternehmensprozesse und die IT-Anwendungen bleiben auch weiterhin in der Verantwortung von MAN. Die Infrastrukturdienstleistungen gehören aber nicht zu unserem Kerngeschäft. Diese Dienstleistungen lassen sich industrialisiert, in hoher Qualität und günstiger am Markt einkaufen“, erklärte Joachim Dürr, Senior Vice President Corporate Development der MAN. Die IT-Infrastruktur wird damit von Partnern betreut, die darin ihre Kernkompetenz und langjähriges internationales Know-how haben. Erforderliche Investitionen tragen künftig die Provider, die dies effizienter und zielgerichteter tun können, als es für MAN möglich wäre. Die Kapazitäten sollen künftig flexibel an den Geschäftsverlauf von MAN angepasst werden. So sehen die Verträge vor, dass die Betriebskosten über die Gesamtlaufzeit deutlich sinken.
• Die Entscheidung bei Lotus Engineering war, neue Märkte in Asien und Süd Amerika zu erschließen. Dazu sollten alle Ingenieure des Unternehmens über ein zentrales Rechenzentrum in Großbritannien zusammen arbeiten. Im ersten Schritt senkt Lotus Engineering zunächst die Kosten für die IT-Landschaft und baute eine flexible Infrastruktur auf. Die sollte im nächsten Schritt die weltweite Zusammenarbeit der Ingenieure unterstützen. Um die Zusammenarbeit der Ingenieure über die IT-Netzwerke zu ermöglichen realisierte Logica dann eine Infrastruktur aus Applikationen, IT-Netzwerken und Telekommunikationsanwendungen. Heute managt Logica die IT-Services für 1200 Lotus Mitarbeiter und betreibt Supercomputer und Workstations für weitere 200 Ingenieure.
Autor: Christian Raum

