Umdenken erforderlich: Nachhaltigkeit wird immer wichtiger

Beim Thema Nachhaltigkeit überschlagen sich die Marketingabteilungen der OEMs mit Superlativen. Da ist von „innovativsten Technologien“ die Rede, von „besten Umwelttechnologien“ oder sogar von „360­Grad­Betrachtungen“. Broschüren oder Websites berichten über „maximale Nachhaltigkeit“ und von einer angeblichen „globalen Verantwortung“ ihres Unternehmens. Folgerichtig stehen Produktionsleiter, Vorstände oder Geschäftsführer mit Gummistiefeln und Schippe in kleinen Bachläufen, um Biotope von Fischottern zu schützen. Was veranlasst das Topmanagement eines Unternehmens dazu, sich in diesen exotischen, management-fremden Regionen zu bewegen? Ein Grund ist die Suche nach dem Konsumenten der Zukunft. Der wird mit den fünf Buchstaben „Lohas“ beschrieben – man nimmt an, dass die Käufer der Zukunft den „Lifestyle of Health and Sustainability“ leben. Diese Kundschaft trägt lieber Kröten über die Straße anstatt Formel­1­-Rennen zu verfol­gen. Ein Desaster für Rennveranstalter – ein Paradies für ökologische Aktivisten. Folglich werden die Verkäufer in Zukunft über CO2-Emissionen eines Produktes plaudern und ganz ne­benbei den Ausdruck „Carbon Footprint“ fallen lassen.

Doch niemand sollte sich etwas vormachen. Hinter den Marketingsprüchen steht eine knallharte Unternehmens­- und Produktstrategie. Die IT-Systeme zur Steuerung des Umwelt­managements oder der Energie­- und Emissionseffizienz basieren auf Normen, Kennzahlen, Prozessen und Vorgehensweisen. Hier befindet sich der Manager in seinem angestammten Le­bensraum, die Gummistiefel bleiben im Schrank. Fast unbemerkt von der Öffentlichkeit diskutiert man auf Vor­standsebene schon längst standardisierte, unternehmensweite Produktionssteuerung nach Nachhaltig-keitskriterien. Und hier sprechen die Beteiligten nicht von einem Öko­-Trend, sondern von einem betriebswirtschaftlichen Umdenken, das sich nicht mehr aufhalten lässt. Für die Verantwortlichen besteht kein Zweifel, dass für das Management einer komplexen Organisa­tion wie einer Automobilproduktion standardisierte Prozesse erforderlich sind. Und dieses Managementsystem kann wegen der Einbeziehung externer Partner und Logistikunternehmen nicht intern definiert werden, es wird sich an anerkannten Standards orientieren. Ein wichtiges Instrument, das die Kon­zerne für die Planung und Steuerung ihrer Produktion und der ihrer Partner zur Verfügung haben, ist das Umweltmanagement nach den ISO­14 000er­-Normen. Key­Performance­Indikator ist die Belastung der Atmosphäre mit CO2. Das dahinter stehende wirtschaftliche Paradigma besagt, dass das vormals freie Wirt­schaftsgut, die Luft, knapp ist und immer weiter verknappt wird. Folgerichtig können die Unternehmen es in Zukunft nur noch teuer einkaufen. Wirtschaftsprüfer freuen sich über die Monetarisierung der Luft und richten sich auf neue Regeln für die Bilanzierung der Ökologie ein. Mit einer beachtlichen Aus­wirkung: Früher galt die ökologische Ausrichtung eines Konzerns als eine Art Marketinggag, mit dessen Hilfe man eine Öko-Kundschaft anzusprechen hoffte. Heute haben sich mehr als 500 weltweite Konzerne auf die Einhaltung von Richtlinien für Nachhaltigkeit – gebräuchlicher ist das englische Wort Sustainability – verpflichtet und fordern im „Copenhagen Communiqué on Climate Change“ schon heute möglichst hohe Kos­ten für künftige CO2­Emissionen.

Was Manager treibt, spiegelt sich in einer langen Liste von Vorteilen wider, die sie für ihre Umweltmanagementsysteme nach ISO 14000 aufzählen. Produktionsleiter oder Produktverantwortliche erhielten damit Instrumente, um Schwachstel­len in Fertigung und Logistik zu identifizieren sowie einheit­liche Qualitätsstandards in diesen Bereichen festzulegen. Sie könnten Haftungsrisiken minimieren, zeitgemäße Produkte entwickeln, Einsparungen beim Ressourcenverbrauch oder im Abwasser-­ und Abfallbereich erzielen. Ein Erfahrungswert sei, dass ein Unternehmen allein bei einer Schwachstellenanalyse, die einem ISO­14000er-System vorausgeht, auf einen Schlag bis zu zehn Prozent der Energie­- und Abfallkosten senken kann. In großen Produk-tionsstandorten kann diese Verbesserung Millionenbeträge ausmachen, die dann natürlich Lust auf weitere Umsetzung machen. Ein spannender Aspekt ist die Abbildung von Nachhaltigkeit in der Informationstechnologie. Grundlage ist, dass die ISO-Normen Prozesse definieren, standardisieren und sie mit Kenn­zahlen unterlegen. Damit ist Nachhaltigkeit digitalisierbar, automatisierbar und kann innerhalb der IT-Systeme mit maschineller Intelligenz ausgewertet werden. Aus dieser großen Datensammlung werden sich immer mehr Verantwortliche bedienen. Sie rufen Kosten-Nutzen­-Rechnungen für jeden Schritt ihrer Produktion ab. Und auf Basis dieser Zahlen steuern sie die Prozesse innerhalb der Fertigung anhand von Umweltkriterien. Sie verfolgen auf ihren Monitoren den Energieverbrauch und den Emissionsausstoß ihrer Fertigungslinien. Anhand der CO2­-Messungen kontrollieren sie die Abläufe entlang der Produktion auf ihre Umweltverträglichkeit. Über eine weltweite Verknüpfung der eigenen Daten mit denen der Zulieferer und Logistiker werden sie einen Carbon Footprint erstellen können – dieser CO2­-Fußabdruck ist noch nicht möglich. Wenn Vorstände künftig wieder ihre Gummistiefel aus dem Büroschrank holen, haben sie eine Gewissheit: Kennzahlen und Prozesse haben auch in Bachläufen eine Berechtigung.

Autor: Christian Raum

Bild: Sally Ann Norman

Kommentare

  1. Corinna sagt:

    Innerhalb der EU wird häufig auch nach EMAS (Eco-Management and Audit-Scheme) zertifiziert. Aber auch hier stellt sich die Frage, ob sinnvolles Label oder Greenwashing…

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