Die Public Cloud dürfte für den Automobilsektor auch langfristig kaum Thema sein. Anders sieht es aus mit Private-Cloud-Lösungen und maßgeschneiderten Angeboten für die Branche (automotiveIT 06/07 2011).
In schlechten Zeiten rasch den Gürtel enger schnallen, im Wachstum ebenso schnell aufstocken: Das ist über klassische Softwarelizenzmodelle schlichtweg nicht möglich. Der Kostenaspekt ist der wichtigste Treiber hinter den Themen Cloud und Software as a Service (SaaS). Schon lange dümpeln die Technologien unter wechselnden Namen wie Application Service Providing oder On-Demand vor sich hin. Jetzt sind Infrastrukturen und Bandbreiten ausgereifter und die Wirtschaftskrise hat Unternehmen nachdenklich und affiner für flexiblere Angebote gemacht. „Bei den OEMs und im Mittelstand besteht zunehmend der Wunsch, ITLeistungen bedarfsabhängig abzurufen. Das ist letztlich eine Lehre aus der Krise gewesen“, sagt Dirk Schürmann, Director Automotive bei HP. Insofern komme Cloud diesem Wunsch entgegen. Für HP gilt die von CEO Léo Apotheker verkündete Devise, die Ausrichtung auf Cloud Computing jetzt massiv zu vollziehen. Ein bestehendes Angebot sind die Utility Services, mit denen sich SAP-Lösungen aus der Cloud verbrauchsabhängig beziehen lassen. „Wir beschäftigen uns stark damit, künftige Cloud-Lösungen zu definieren“, sagt Schürmann. Gelebt werde das Thema derzeit vor allem im Bereich Infrastruktur und Anwendungen (IaaS und AaaS). Bei Berechnungen, die den Inhouse-Betrieb von SAP-Lösungen mit dem Einkauf der gesamten Leistung als Cloud-Lösung vergleichen, kämen viele Anwender auf Einsparungen von bis zu 30 Prozent beim Auslagern. „Es geht Unternehmen nicht darum, bestehende On- Premise- durch On-Demand-Lösungen zu ersetzen. Sie wollen ihre fest installierten Lösungen mit On-Demand-Angeboten erweitern können, je nach Bedarf. Wir sprechen von ‚hybriden‘ Geschäftslösungen“, stellt Andreas Barth fest, Vertriebsleiter Industry Solutions bei SAP. SAP gewährleiste die Sicherheit, indem das Unternehmen die Lösungen in einer Private Cloud im Rechenzentrum bei SAP selbst betreibt.
Noch scheint die Bereitschaft der Anwender, sich auf das Experiment Cloud einzulassen, recht begrenzt. Besonders in Deutschland treffen die Anbieter auf eine vielfach mittelständische Klientel, die traditionell auf die Datenhaltung im eigenen Haus schwört. „Derzeit lässt sich schwer sagen, ob Cloud Computing außer in Teilbereichen wie CRM in großem Stil umsetzbar ist. Die nächsten ein, zwei Jahre werden zeigen, wie das Potenzial von Cloud-Lösungen angenommen wird“, meint Michael Unruh, Leiter des Competence Centers Integrated Customer Solutions beim IT-Dienstleister Cirquent. „Die CIOs sind noch stark durch On-Premise-Lösungen geprägt. Andere Versuche werden nur in einzelnen Bereichen gestartet“, führt Unruh weiter aus. So nutze beispielsweise Rolls Royce das CRM von Salesforce und Volkswagen verwende eine Cloud-ähnliche Lösung im Bereich Dealer Management. „Der Nutzen für die Fachabteilungen liegt in der flexiblen Skalierbarkeit und Entlastung beim Betrieb der Anwendung. Für OEMs sind die schnellere Time-to- Market, Kosteneffizienz und das bessere Abfangen von Lastspitzen vorteilhaft“, berichtet Unruh. „OEMs haben sehr komplexe Infrastrukturen, die sich nur schwer auf Cloud Services migrieren lassen, am ehesten gelingt dies im Bereich Services für Importeure und Händler. Bei anderen Kernprozessen sehe ich schon aus Sicherheitsgründen wenig Möglichkeiten für die Public Cloud, Private-Cloud-Konzepte werden bei den OEMs dominieren“, meint auch Hans Marzik, Prokurist und Leiter Innovation/ Strategie beim Dienstleister H&D International Group. Eine Umfrage des Marktforschungsinstituts Gartner unter 2000 CIOs weltweit ergab hingegen Erstaunliches hinsichtlich Cloud und SaaS. Beide Technologien wurden von den befragten CIOs als Top-Two-Themen für 2011 genannt. Die IT-Verantwortlichen gehen davon aus, dass neue Cloud Services deutlich schneller als erwartet adaptiert werden. Während derzeit drei Prozent den Hauptanteil ihrer IT in der Cloud oder auf SaaS-Basis betreiben, sollen es innerhalb der nächsten vier Jahre schon 43 Prozent sein.
Aus der OEM-Praxis erklingt derweil ein zwar noch vorsichtig formuliertes, aber dennoch fundiertes Interesse: „Externe Cloud Services werden derzeit nur in wenigen nicht Business-relevanten Randbereichen genutzt. Insbesondere dort, wo keine Integration in Enterprise- Anwendungen notwendig ist und die Sicherheit der Daten beherrschbar bleibt“, erklärt Frank Wienstroth, Sprecher der BMW Group. Der derzeit wesentliche Vorteil bestehe in der schnellen Bereitstellung von Services in nicht kritischen Bereichen. Doch das sei erst der Anfang. „Mittelfristig sehen wir Potenzial für die Verlagerung von Anwendungen in diverse externe Cloud-Modelle. Hierzu werden wir zunächst die BMW-Infrastruktur um Private-Cloud-Technologien erweitern. Viele Sicherheits- und Risikothemen sind derzeit in externen Cloud-Modellen nicht gelöst. Wir setzen uns sehr intensiv mit diesen derzeit noch bestehenden Herausforderungen auseinander“, berichtet Wienstroth. Als Gründungsmitglied der Open Data Center Alliance (ODCA) stehe BMW voll hinter den Zielen dieser Anwendergemeinschaft. „Wir erwarten hier die dringend notwendigen Standards für einen effizienten und sicheren Einsatz von Cloud Services weltweit“, erklärt der BMW-Sprecher. „Die Chancen werden deutlich wahrgenommen. Cloud Computing ist ein wichtiger Schritt auf dem Wege zu einer Industrialisierung der IT und was das bedeutet, weiß man in der produzierenden Industrie genau. Die Risiken werden aus meiner Sicht derzeit etwas überschätzt. Mit dem Erfolg des Cloud Computings in anderen Branchen und erfolgreich durchgeführten eigenen Pilotprojekten wird sich das in den nächsten Jahren jedoch ändern“, konstatiert Hans Marzik.
Autorin: Daniela Hoffmann
Foto: Audi, iStockphoto/halfshag, Illustration: Sabina Vogel





