Das Thema Elektromobilität (automotiveIT 05/10) beschäftigt derzeit intensiv nicht nur die Entwicklungsabteilungen der Autobauer, sondern auch die IT-Unternehmen in Deutschland. Die Dienstleister haben erkannt, dass die Bedeutung der Informationstechnologie in der Autoindustrie mit der neuen Form der Mobilität massiv wachsen wird. Nicht ohne Grund: Die Bundesregierung hat die Förderung der Informationstechnologie in diesem Bereich im Konjunkturpaket „Pakt für Wachstum und Stabilität“ fest verankert. Bestandteil dieses Pakets ist die Förderung anwendungsorientierter Forschung im Bereich Mobilität. Rund 500 Millionen Euro für Investitionen und FuE-Maßnahmen werden bis Ende 2011 dafür zur Verfügung stehen. Zehn Prozent dieser Mittel sind für die Förderung von IT-basierten Maßnahmen im Bereich der Elektromobilität vorgesehen. Das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie (BMWi) hat dazu im vergangenen Sommer einen Förderschwerpunkt „IKT für Elektromobilität“ geschaffen. Ziel ist es, mit Hilfe der IT Schlüsseltechnologien und Dienste für die Integration von Elektro- und Hybridfahrzeugen in bestehende Energie- und Verkehrsnetze zu entwickeln und zu erproben. Im Mittelpunkt stehen IT-basierte Lade-, Steuerungs- und Abrechnungsinfrastrukturen sowie darauf aufbauende Geschäftsmodelle, Dienste, Normen und Standards. Die hierfür notwendige Integration und Optimierung der bisher weitgehend unabhängigen Bereiche Fahrzeug, Verkehr und Energie und neue Strategien erfordern einen umfassenden IT-Einsatz.
Ein Beispiel hierfür ist die Stromrechnung für die Elektroautos. Neben einem dichten Netz genormter Ladestationen ist dafür ein leistungsfähiges Abrechnungssystem erforderlich. Unternehmen wie T-Systems arbeiten derzeit an praxistauglichen Lösungen für ein solches Portal. „Wir möchten uns diesbezüglich positionieren“, erklärte T-Systems-Chef Reinhard Clemens bereits im vergangenen Jahr gegenüber der Presse. Der Hintergrund: Für den vollwertigen Einsatz von Elektrofahrzeugen wird künftig eine anbieterneutrale Plattform zur sicheren und flexiblen Abrechnung von Strommengen, unabhängig von Standort und damit lokal gebundenen Stromanbietern, notwendig werden. Die technologische Basis könnte nach Auffassung des IT-Dienstleisters das Clearingsystem der Internationalen Flug-Transport-Vereinigung IATA oder das Abrechnungssys-tem von Toll Collect sein.
Einen anderen Weg geht SAP. Die Walldorfer Software-Schmiede packt das Thema Elektromobilität mit einer dualen Strategie an. Mit dem vom Ministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (BMU) geförderten Forschungsprojekt Future Fleet möchte das Unternehmen einen Beitrag zur Nachhaltigkeit leisten und neue Erkenntnisse über die Nutzerakzeptanz und Veränderung des Verkehrsverhaltens sowie Barrieren und Potenziale der Elektromobilität im Unternehmenseinsatz gewinnen. Partner ist der Energieversorger MVV aus Mannheim. Ein weiterer wesentlicher Aspekt des Projekts ist die Bilanzierung des Umweltnutzens von Elektrofahrzeugen im Rahmen von betrieblichen Flotten. Diese Fragestellungen werden gemeinsam vom Öko-Institut, dem Institut für sozial-ökologische Forschung (ISOE) und der Hochschule Mannheim untersucht. Der eigens aufgestellte Fahrplan (siehe Grafik) sieht drei Phasen vor: Vorbereitung, Feldtest und Analyse. Im ersten Step werden unter anderem Mobilitätsprofile der Nutzer, die Konzeption der Ladestationen sowie ein Softwareprototyp, mit dem das Management von Elektrodienstwagenflotten gesteuert werden kann, erstellt. Ab September 2010 folgt ein einjähriger Feldtest, der Aufschluss über den ökologischen und ökonomischen Nutzen bringen soll. T-Systems und SAP sind derzeit nur zwei Beispiele für neue IT-Lösungen zur Elektromobilität. Doch das allein reicht nicht aus.
Aus einer Potenzialanalyse der Regierung zur Elektromobilität geht hervor, dass gerade „die herausragende Position im Bereich industrieller Informations- und Kommunikationstechnik (IKT)“ als eine der großen Stärken des Industriestandortes Deutschland gesehen wird. Gleiches gilt für die „weltweite Spitzenposition in den Bereichen Automobilbau, Antriebstechnik und Leistungselektronik“. Gute Voraussetzungen also für die Entwicklung der Elektromobilität in Deutschland. Der große Schwachpunkt: Die branchenübergreifende Kooperation zwischen Automobilindustrie, Stromwirtschaft und Batterieherstellern steht noch am Anfang. Diesbezüglich gilt es, einen Gang höher zu schalten. Nur durch die schnelle und intelligente Vernetzung aller Beteiligten kann Deutschland – wie geplant – zum Leitmarkt für Elektromobilität werden und die Stromnetze, wie angedacht, durch die Nutzung der Informationstechnologie und die Integration der Elektrofahrzeuge effizienter machen.
Autor: Peter Rademacher




