Klaus Draeger, Vorstand Entwicklung bei der BMW Group, im Exklusiv-Interview mit automotiveIT über das Zusammenwachsen von Internet und Auto, die aufkommende Elektro-Mobilität und neue Verkehrskonzepte.
Herr Draeger, das Thema IT genießt bei BMW einen hohen Stellenwert. Sie bauen dafür extra ein Zentrum für Informationstechnologie, das Mitte 2009 eröffnet werden soll. Können Sie mit uns schon mal eine Art virtuellen Rundgang machen?
Die IT-Community der BMW Group operiert weltweit, 24 Stunden am Tag, „anywhere” – „at any time”. Zwei Drittel der IT-Mitarbeiter haben ihren Arbeitsplatz am Standort München, ein Drittel ist in den international verteilten Standorten der BMW Group tätig. Diese Standorte sind Werke, Niederlassungen, Handelsorganisation und Standorte von Financial Services sowie die Rechenzentren in den verschiedenen Regionen. In diesen internationalen Rahmen eingebettet erfüllt das neue Informationstechnologiezentrum die zwei wesentlichen Funktionen als Heimat der Group IT München sowie als internationale Kommunikations- und Kooperationsplattform der Group IT.
Das neue Zentrum befindet sich in unmittelbarer Nachbarschaft zu dem FIZ. Welche Synergien lassen sich da künftig heben?
Die bisher über sieben Standorte verstreuten Münchner IT-Funktionen werden mit dem IT-Zentrum in einem zentralen, FIZ-nahen Standort gebündelt. Dann können wir alle die Vorteile für die Group IT und die gesamte BMW Group erleben und nutzen. Ein wesentliches Ziel war und ist es, durch kurze Wege, durch ein „Tür-an-Tür-Arbeiten”, schneller und besser agieren zu können…
…also effizientere Arbeitsabläufe?
Die Arbeitsabläufe innerhalb der IT werden so beschleunigt und direkte Kontakte werden gefördert, was die Projektarbeit vereinfacht. Die verbesserte Arbeitsumgebung für Einzel- und Teamarbeit und die moderne technische Infrastruktur erhöhen zudem die Effizienz der Arbeit.
IT und das Automobil wachsen zunehmend zusammen. Das Thema ConnectedDrive gilt als Schlüsselthema bei BMW. Sie statten Ihre Navigation „mit künstlicher Intelligenz aus und bringen ihr das Lernen bei”. Welche Potenziale stehen künftig dahinter?
BMW ConnectedDrive bedeutet eine weltweit einzigartige Vielfalt an Mobilitätsdienstleistungen aus den Bereichen Verkehrsinformation, Notruf, Fahrzeug-, Auskunfts- und Bürodienste, Reise- und Freizeitplaner sowie Internet. All diese Funktionen sind konsequent auf drei Ziele hin ausgerichtet: den individuellen Komfort zu steigern, die Sicherheit aller Fahrzeuginsassen zu optimieren und den modernsten Ansprüchen an das Infotainment im Automobil zu genügen. Dazu gehört auch die ‚Lernende Navigation’, die derzeit als Prototyp bei der BMW Group Forschung und Technik getestet wird.
Wie funktioniert das System?
Die Navigation kann auch ohne Zieleingabe voraussagen, wo die Fahrt hingeht und welche Route gewählt wird. Diese selbstlernende Routenschätzung kann dann das Auto auf zukünftige Ereignisse konditionieren. Für diese Vorausschau muss das Navigationssystem zunächst lernen. Für jeden Fahrer wird ein geschütztes Profil angelegt, das Informationen zu dessen Fahrten speichert. Ziele, Abkürzungen und Schleichwege, aber auch Uhrzeit und die Sitzbelegung können hier als Informationen dienen. Mit all diesen Daten wird die Fahrt um einiges komfortabler. Rechtzeitige Stauwarnungen, die Schnellauswahl des wahrscheinlichsten – nicht des letzten oder gespeicherten – Ziels und der Abgleich mit dem individuellen Kalender im Smartphone sind nur die ersten von vielen möglichen Ideen.
Und die Zuverlässigkeit? Ist „Voraussagen” nicht mit einer gewissen Ungenauigkeit verbunden?
Für unsere technischen Innovationen ist die Zuverlässigkeit die entscheidende Schlüsselqualifikation, denn nur damit sind sie kundenrelevant. Wir bieten dabei eine Orientierung an, der der Kunde folgen kann, aber nicht muss. Der Fahrer bleibt bei uns der Souverän. Wir helfen ihm dabei, kritische Situationen zu meistern, die Effizienz zu steigern und das Fahren zu genießen.
Eine „philosophische” Zwischenfrage zum Thema ConnectedDrive: Erobert das Internet das Auto oder das Auto das Internet?
Das Internet vernetzt das Auto mit der Umwelt und integriert es mit der Lebenswelt unserer Kunden. Da ist es unersetzlich. Aber das Gefühl des Fahrens – oder in unserem Fall die Freude am Fahren – kann es allenfalls simulieren, aber nie ersetzen. Es ist also keine Frage der Eroberung zwischen Auto und Internet, sondern vielmehr eine der Verbrüderung.
Welche Einsparpotenziale sind mittelfristig möglich, wenn Spritspartechnologien wie EfficientDynamics oder neue Antriebskonzepte wie Hybridsysteme mit „intelligenten” Navigationssystemen vernetzt werden?
Der nächste Schritt bei der ‚Lernenden Navigation’ ist die fahrzeuginterne Vernetzung des Navigationssystems mit den anderen Systemen. Dafür werden die Informationen der intelligenten Navigation mit den Energie-sparmaßnahmen von BMW EfficientDynamics kombiniert. Die Bremsenergierückgewinnung wirkt heute nur im Schubbetrieb, also beispielsweise erst beim tatsächlichen Bergabfahren. Mit einer vorausschauenden Navigation kann sie möglicherweise schon dann Sprit sparen, wenn das Gefälle noch ein Stück voraus liegt. Sie ist in der Lage hochzurechnen, dass dort die Batterie wieder voll wird. Mit diesem antizipierenden Energiemanagement kann der Verbrauch um fünf bis zehn Prozent gesenkt werden. Das heißt: mehr Komfort, mehr Dynamik und all das bei weniger Verbrauch – eben EfficientDynamics.
Der nächste Schritt wäre dann die gezielte Kommunikation der Autos untereinander. Damit würde das reale Geschehen auf den Straßen noch besser erfasst und – in Echtzeit – von Auto zu Auto übermittelt. Wann wird diese Technologie großflächig einsatzbereit sein?
Die Arbeiten an diesen Systemen sind für die BMW Group ein langfristiges Thema mit großem Potenzial. Für die Realisierung ist jedoch das Zusammenwirken mehrerer Fahrzeughersteller sowie gegebenenfalls Infrastrukturbetreiber erforderlich, um die notwendigen Penetrationsraten ausgestatteter Fahrzeuge im Straßenverkehr zu erreichen.
Wie ist diesbezüglich der Stand der Dinge?
Das Car2Car Communication Consortium, in dem mittlerweile mehr als 30 Unternehmen und Forschungseinrichtungen zusammenarbeiten, spielt hier eine entscheidende Rolle. Wir begrüßen dabei die rege Beteiligung aller Automobilhersteller, da die Fahrzeug-Fahrzeug-Kommunikation nur gemeinsam durch einheitliche Schnittstellen und Technik zu verwirklichen ist. Zur weiteren Erprobung insbesondere der erforderlichen Penetrationsraten finden gerade Untersuchungen, beispielsweise im Projekt „SIM-TD” (Sichere Intelligente Mobilität – Testfeld Deutschland), auch mit Beteiligung der BMW Group statt. Hessen, mit der Rhein-Main-Region und Frankfurt, gilt dabei als Testregion für Car2Car- sowie Car2Infrastructure-Kommunikation. Bis zur Serienreife ist es noch ein Stück. Wir bewerten neue Systeme konsequent nach dem „Mehrwert für den Kunden” und führen sie erst dann ein, wenn sie die notwendige technische Reife erreicht haben und hinsichtlich Umfang und Güte den Erwartungen unserer Kunden gerecht werden.
Der Hightech-Verband Bitkom fordert den zügigen Ausbau von Verkehrsmanagement-Systemen. Der Weg zu einem fortschrittlichen Verkehrsmanagement scheint aber immer noch holperig zu sein. Fehlt hier europaweit eine Bündelung der Kräfte? Man hat den Eindruck, es gibt viele Player und noch mehr Lösungsansätze.
Wir bitten um Verständnis, dass die BMW Group die Bitkom-Aktivitäten nicht kommentiert.
Dann fragen wir anders. Im Idealfall sollten doch alle Verkehrsteilnehmer – also Individualverkehr, öffentliche Verkehrsmittel sowie die Infrastruktur – intelligent verknüpft werden. Welche Visionen hat BMW dazu – ist der Autoschlüssel mit Kreditkarte sozusagen ein Anfang?
Der Autoschlüssel mit Bezahlfunktion ist ein interessanter Ansatz, um zum Beispiel Fahrkarten für den öffentlichen Nahverkehr darauf zu speichern, um den reibungslosen Übergang zwischen den unterschiedlichen Verkehrsträgern zu ermöglichen. Wir rechnen damit, dass das Mobilitätsbedürfnis weiter zunehmen wird. Daher ist die BMW Group bereits seit mehr als 20 Jahren im Bereich Verkehrsmanagement aktiv. Natürlich berücksichtigen wir dabei alle Verkehrsteilnehmer und beschränken uns nicht auf das Automobil. Wir sehen Verkehr und Mobilität als Basis für die gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung. Unser Ziel ist dabei die stadt- und umweltverträgliche Abwicklung des Verkehrs statt einer Einschränkung der Mobilität.
BMW und E.ON Energie starten diesen Monat ein gemeinsames Pilotprojekt zur Elektromobilität in München. Mit dem Projekt sollen umfassende praktische Erfahrungen zur Weiterentwicklung von Fahrzeugkonzepten, Batterien und Lade-Infrastruktur gesammelt werden. Werden moderne Verkehrsmanagement-Systeme und Antriebstechnologien von morgen eine Symbiose bilden – und wie sieht die aus? T-Systems plant ja bereits intelligente Abrechnungskonzepte.
Eine erfolgreiche, breitere Markteinführung setzt voraus, den Einsatz von Elektrofahrzeugen im Rahmen eines Gesamtkonzepts künftiger Mobilität zu betrachten. Dazu müssen noch viele offene Fragen geklärt werden.
Welche Ihrer Meinung nach?
Speziell die begrenzte Reichweite von rein batterieelektrisch betriebenen Fahrzeugen in Kombination mit einem zeitaufwändigen „Tankprozess” könnte sich schnell als schwer zu überwindende Hürde herausstellen. Es müssen daher schon frühzeitig vor der Markteinführung geeignete Konzepte zu ihrer Überwindung entwickelt und getestet werden, die zu einer signifikanten Effizienzsteigerung und einer dadurch deutlich erhöhten Nutzbarkeit und somit Akzeptanz führen. Der Nutzer muss darauf vertrauen können, dass er schnell und unkompliziert auf Informationen zugreifen kann. Das können Auskünfte zur nächstgelegenen E-Tankstelle sowie zu Alternativen für die Weiterreise und spätere Rückkehr sein. Unsere ‚Lernende Navigation’ berücksichtigt dabei weitere Fahrtziele, Termine und Präferenzen des E-Fahrers. Die Kosten für die Mobilitätsbausteine sollen kalkulierbar bleiben und in einem Paket abrechenbar sein.
Herr Draeger, stehen wir an der Schwelle zu einer völlig neuen Mobilität, die nicht mehr nur auf PS und Hubraum aufbaut – sozusagen einer Art von Neudefinition der Freude am Fahren?
Mobilität ist bei der BMW Group niemals eine Frage von PS und Hubraum gewesen und wird es auch nie sein. Vielmehr gilt es die unterschiedlichen Einflussgrößen, die sowohl die Mobilität als auch die BMW-typische Freude am Fahren bestimmen, immer neu zu bewerten und unsere Entwicklung darauf auszurichten. Am Ende dieses Prozesses stehen dann Fahrzeuge, die zukunftsfähig sind und unseren Kunden immer wieder die Freude am Fahren ermöglichen.
Das Gespräch führte Hilmar Dunker
Klaus Draeger
Klaus Draeger wurde 1959 in Konstanz geboren und studierte zwischen 1975 und 1981 an der Universität Karlsruhe Maschinenbau. Er startete seine Karriere als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität, es folgte die Promotion. 1985 kam Draeger als Trainee im Bereich Fertigung zur BMW AG. Beim Autobauer durchlief Draeger diverse Stationen, darunter Leiter Einkauf Sondermodelle. In der zweiten Hälfte der neunziger Jahre war Draeger für den Bereich Technischer Einkauf (BMW Südafrika) verantwortlich. Zwischen 2002 und 2004 führte der Maschinenbauer die Karosserie-Entwicklung, seit 2006 ist Draeger Mitglied des Vorstandes der BMW AG (Entwicklung).





