Exklusiv: Microsoft auf dem Weg ins Auto

Microsoft ist auf dem Weg ins Auto: Einen guten Teil des Jahresumsatzes von 58 Milliarden US-Dollar macht Microsoft mit Unternehmen in der Automobilindustrie (automotiveIT 06/10). Kein Wunder, dass der weltweit größte Softwarekonzern den engen Schulterschluss mit den IT-Entscheidern in der Branche sucht. Regelmäßige Informationsveranstaltungen sollen das gegenseitige Verständnis und die Zusammenarbeit fördern, auch mit den Spezialisten aus dem Ökosystem der Microsoft-Partner.

Im Moment stehen bei solchen Gelegenheiten Windows 7 und Office 2010 im Mittelpunkt. Gestützt auf Analystenumfragen rechnet Microsoft mit einer großen Upgrade-Welle. Bei OEMs wie ihren Zulieferpartnern haben viele PCs und Notebooks das Ende ihres Lebenszyklus überschritten. Die Marktforscher von IDC sagen voraus, dass Windows 7 schon nächstes Jahr auf 75 Prozent aller Rechner installiert sein wird, die die Unternehmen neu beschaffen. Zudem haben sich Branchengrößen wie der Volkswagen-Konzern frühzeitig zum Umstieg auf Office 2010 entschlossen. Die neue Suite ermöglicht ihnen durchgängiges Arbeiten mit PC, Smartphone und Web-Browser – und erleichtert so den Einstieg ins Cloud Computing, dem Microsoft höchste Bedeutung zumisst (siehe auch Interview auf Seite 18).

Damit nicht genug. „Immer mehr Unternehmen in der Automobilindus-trie denken intensiv darüber nach, wie sie Cloud Computing am besten in ihre IT-Strategie integrieren können“, sagt Norbert Brändli, der bei Microsoft die Branchen Automobil, Luftfahrt und Industriebedarf weltweit betreut. Eine spannende Phase, weil das Bild, das sich viele IT-Leiter vom Cloud Computing machen, keineswegs schwarz-weiß ist. „Weder liegen alle Vorteile in der traditionellen Art und Weise, wie wir Software bisher genutzt haben, noch bietet Cloud Computing eine optimale Lösung für alle Unternehmen“, stellt Norbert Brändli klar. Das gelte auch hinsichtlich der Kosten: „Cloud Computing ist nicht grundsätzlich die kostengünstigste Variante.“ Der Microsoft-Manager rät dazu, jeden Fall individuell zu betrachten. „Der Aufwand für den klassischen IT-Betrieb muss den Vorteilen, die mit gehosteten Services verbunden sind, gegenübergestellt werden: keine Investitionen in eigene Hardware und Software, einfache Administration, höchste Flexibilität.“

Kein Wunder, dass angesichts solcher Argumente die Bereitschaft wächst, Standardservices wie E-Mail-Kommunikation und Teamkalender aus der Cloud zu beziehen. Wenn Unternehmen hier erste gute Erfahrungen machen, werden sicher Anwendungen mit unternehmenskritischen Daten folgen. Microsoft wird deshalb zusätzlich zur Business Productivity Online Suite weitere Varianten seiner bekannten Office-Applikationen im Web verfügbar machen.

Auch im Autocockpit selbst zeigt Microsoft Flagge: mit mobilen Apps rund um Windows Phone, die als lokal installierte Programme laufen oder als Webservice nutzbar sind. Ziel ist es, den Vormarsch von Googles Android einzudämmen, das sich bereits mit Erfolg in einigen Headunits eingenistet hat. Ab Herbst 2010 soll das überarbeitete Betriebssys-tem Windows Mobile 7 nicht wie bisher nur Fiat, Ford oder Kia als Plattform für Navigationsanwendungen und Infotainmentangebote dienen. Microsoft möchte es vielmehr zur Schaltzentrale für neue Online-Services ausbauen, die speziell Fahrern von Elektroautos helfen, den Stromverbrauch ihrer Batterien zu überwachen, sie aufzuladen und dafür einfach und bequem zu bezahlen. „Wir werden im Hinblick auf Elektromobilität sowohl Automobilhersteller als auch Ener-gieunternehmen unterstützen, passende Geschäftsmodelle aufzubauen“, stellt Norbert Brändli in Aussicht.

Dabei ist Microsoft allerdings nicht allein am Start. Praktisch alle bekannten IT-Firmen und -Dienstleister wollen am Milliardenmarkt „Smart Grids“ mitverdienen und tüfteln an Modellen, um Energieerzeuger- und Verbrauchernetz intelligent miteinander zu verbinden. In Deutschland droht Microsoft auf diesem Feld unter anderem ein Schlagabtausch mit T-Systems – die Telekom-Tochter will einen entscheidenden Beitrag zur Elektromobilität leisten und kooperiert mit dem Energie- und Automationskonzern ABB, um Lösungen für das Stromnetz von morgen zu entwickeln.

Ob die harte Konkurrenz das Geschäft für Microsoft belebt, bleibt jedoch abzuwarten. An die Koexistenz mit anderen Anbietern aber haben sich die Redmonder ja nun schon auf mehreren Feldern gewöhnen müssen.

Autor:Ralf Bretting

Interview mit CaGlayan Arkan: Caglayan Arkan erläutert die Strategie von Microsoft in der Automobilbranche und spricht mit automotiveIT über Trends wie Cloud Computing.

Herr Arkan, Sie verantworten bei Microsoft die weltweiten Aktivitäten in der Fertigungs- und Rohstoffindustrie und sind damit auch für das Segment Automobil zuständig. Was tun Sie, um die Präsenz von Microsoft speziell in dieser Branche auszuweiten?

Platz für Neugeschäft sehe ich reichlich: geografisch in den Wachstumsmärkten Asiens und in Südamerika, auf der Produktseite beispielsweise durch die schnell voranschreitende Vernetzung neuer Fahrzeuggenerationen.

Und wo genau setzen Sie mit dieser Strategie an?

Eine unserer größten Bestrebungen ist es, monolithische Zentralsysteme durchlässiger zu machen. Egal ob Unternehmenssteuerung, Produktentwicklung oder Kundenbeziehungsmanagement: Wir sind davon überzeugt, dass sich Mitarbeiter nur dann aktiv in den Innovationsprozess einbringen können, wenn sie Informationen schnell finden, bearbeiten und über geeignete Tools mit ihren Kollegen in anderen Bereichen und Abteilungen austauschen können. Ein zweiter wesentlicher Aspekt scheint mir, technologische Trends und neue Produktfeatures über Online-Communities und Sozialnetzwerke abzusichern. Über solche Kanäle können Unternehmen heute eine genaue Vorstellung von den Bedürfnissen und Erwartungen ihrer Kunden entwickeln. Je intensiver dieses Wissen den Produktentstehungsprozess begleitet, desto höher fallen Akzeptanz und Nachfrage aus – auch in der Automobilbranche.

Wie tief wird Microsoft in diese Prozesse eintauchen? Wird es neue, branchenspezifische Anwendungen geben?

Nein, wir sehen uns als Technologiepartner der Automobilindustrie, werden aber keine vertikalen Lösungen entwickeln. Eine PLM-Suite von Microsoft wird es auch in Zukunft nicht geben. Wir konzentrieren uns weiterhin auf leis-tungsstarke Plattformtechnologien, auf denen spezialisierte Softwareanbieter aus dem Ökosystem der Microsoft-Partner mit einer Vielzahl unterschiedlicher Anwendungen aufsetzen können. Gleiches gilt für den Embedded-Bereich: Windows Auto steht Lösungsentwicklern als Plattform offen, um neue Services ins Fahrzeug zu bringen. Microsoft selbst aber wird keine Zuliefererrolle übernehmen – auch wenn durch die Elektrifizierung des Antriebsstrangs immer mehr Steuerungssoftware ins Auto gelangt.

Mit der neuen Office-Version 2010 fördert Microsoft den Einstieg ins Cloud Computing. Wie groß ist das Interesse der Automobilbranche?

Ich bin sicher, dass Cloud Computing auch in dieser Industrie eine dominante Rolle spielen wird. Viele Firmen wollen die Möglichkeit nutzen, unsere neuen Cloud-Services wie Exchange Online und SharePoint Online zu testen – zunächst im Mischbetrieb mit ihrer eigenen Infrastruktur. Sie werden dann schnell erkennen, welche Vorteile mit gehos-teten Softwarelösungen verbunden sind. Selbst Skeptiker, die Sicherheitsbedenken haben, bringen Microsoft ein Grundvertrauen entgegen – und wissen, dass wir die zugesagten Service Level Agreements in Bezug auf Verfügbarkeit und Datensicherheit dauerhaft werden halten können.

Das Gespräch führte: Ralf Bretting


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