Prototyping bei McLaren – Wettlauf der PLM-Anbieter

Exklusiv: automotiveIT bei McLaren in WokingViele Jahre waren die PLM-Machtverhältnisse in der Königsklasse des Motorsports zementiert. Dassault Systèmes war mit seinem Konstruktionsprogramm Catia der unangefochtene Platzhirsch. Noch heute nutzen 80 Prozent aller Formel-1-Teams die Software, um ihren Rennwagen am Bildschirm ein aerodynamisches Design zu verpassen oder Aufhängungen, Hydrauliksysteme und Komponenten der Fahrzeugelektrik oder -elektronik virtuell zu entwickeln. Die Ingenieure von McLaren Mercedes zum Beispiel greifen selbst bei der Bearbeitung von Faserverbundwerkstoffen auf das System zurück. Dassault Systèmes stellt eines der größten Technikerteams, um die Formel 1 zu unterstützen. Doch genau wie in der Automobilindustrie,  fährt Konkurrent Siemens PLM auch hier forsch nach vorn – nämlich im Team Red Bull Racing, das 2011 mit Sebastian Vettel nicht nur erneut den Fahrerweltmeister stellt, sondern auch die Konstrukteurswertung für sich entscheiden konnte. Zum zweiten Mal in Folge und mit den PLM-Lösungen NX und Teamcenter als digitalem Rückgrat.

Rennsportexperten sagen zwar, dass es im Kampf um Schnelligkeit nicht ins Gewicht fällt, welche CAD-Software die Teams nutzen und auf welcher Plattform sie die Tonnen digitaler Daten verwalten, die in jeder Rennsaison anfallen. Tatsache aber bleibt: In sämtlichen Prozessen ist enormes Tempo gefragt – vom ersten Entwurf einer Fahrzeugkomponente über ihre Fertigung bis hin zum erfolgreichen Praxiseinsatz. Wartezeiten und Stillstand kann sich keiner leisten. Sämtliche Entwicklungsarbeiten erfolgen mit Blick auf den straff getakteten Saisonkalender. In neun Monaten sind 19 Rennen zu absolvieren – auf Strecken, die über die ganze Welt verteilt sind. Dazu kommen ständige Änderungen an den Regularien, die die Ingenieure immer wieder vor neue Herausforderungen stellen. Im McLaren Technology Centre im britischen Woking, südöstlich von London, entstehen jedes Jahr zehntausende innovativer Ideen und digitaler Entwürfe. Pro Saison gibt es über 40 000 Änderungen an den beiden Boliden, rein rechnerisch erfolgt alle 20 Minuten ein Upgrade. „In der Zeit, die ‚normale‘ OEMs benötigen, um eine einzelne Komponente zu entwerfen, erschaffen in der Formel 1 Designer, Ingenieure und Mechaniker komplette Fahrzeuge“, weiß Rashpal Mundi, der für Dassault Systèmes in Großbritannien die Formel-1-Teams betreut. Die Schaffung, Entwicklung und Prüfung der zahlreichen Entwürfe erfordert eine effiziente und verlässliche Softwareumgebung, um die großen Mengen an Daten und technischen Simulationsergebnissen zu integrieren und sicher zu verwalten. Als beispielsweise Ex-Weltmeister Lewis Hamilton Mitte Oktober beim Formel-1-Grand-Prix in Südkorea die Ziellinie als Zweiter überquerte, hatten zahllose Sensoren und Steuergeräte in seinem Monoposto rund 1,6 Gigabyte Telemetrieinformationen nach England gesendet. Dort überwachten 50 McLaren-Ingenieure das Renngeschehen aus der Ferne – und analysierten später das Verhalten nahezu aller 11 500 verbauten Einzelteile bis ins kleinste Detail. Das ist wichtig, um die Fahrzeugentwicklung abzusichern und voranzubringen.

Alle 3D- und 2D-Geometrien speichert McLaren in Enovia von Dassault. Derzeit noch in Version 5 – doch der Umstieg auf die aktuellen Programmreleases ist bereits beschlossen. „Die Softwarelösungen von Dassault Systèmes sind schon seit langem Bestandteil der Entwicklungs-DNA von McLaren“, sagt Jonathan Neale, Managing Director von McLaren Racing, gegenüber automotiveIT. „Wir nutzen jede Möglichkeit, unsere Markt-einführungszeiten zu verkürzen – ob durch intelligentes Design, verbesserte Prozesse oder – wie bei V6 PLM – durch die Einführung eines ausgeklügelten Product-Lifecycle-Management-Systems zur Optimierung der Effizienz im gesamten Produktionszyklus.“ Der Rollout soll bis Mitte 2012 dauern, bis dahin wird die Anzahl der CAD-Arbeitsplätze mit Software von Dassault in Woking von heute 125 auf 200 steigen. Entwicklungsarbeiten für die nächste Rennsaison laufen testweise bereits auf V6-Tools. Die Ergebnisse kann man am 18. März 2012 beim Großen Preis von Australien begutachten, wenn die Formel 1 in die neue Saison startet. Und damit auch der Zweikampf von Dassault Systèmes und Siemens PLM in eine neue Runde geht.

 

Autor: Ralf Bretting

Foto: McLaren


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