
Die aktuelle Wirtschaftssituation birgt neben Risiken auch Chancen erläutert der ehemalige VW-Vorstandsvorsitzende in automotiveIT.  So lassen sich neue Marktpotenziale mit Hilfe von technischen Innovationen und Modellinitiativen erschließen. Wichtig dabei ist, dass Automobilunternehmen ihre Ausgaben in Forschung und Entwicklung sowie den dazu gehörigen IT- Bereichen nicht zurückfahren, sondern auch künftig weiter ausbauen. Bereits heute reduzieren kleinere, leichtere, immer leistungsfähigere sowie verbrauchsarme Antriebsaggregate den Benzinverbrauch und verringern gleichzeitig den CO2-Ausstoß. Ferner gilt es, gesetzliche Anforderungen wie die Euro-5-Norm zu erfüllen. Noch einen Schritt weiter geht die Entwicklung alternativer Antriebskonzepte wie Hybrid- und Elektromotoren. Weitere Beispiele für technische Neuerungen sind verschiedene Konzepte für die Energierückgewinnung, etwa in Bremsphasen, sowie strömungsgünstigere und gewichtsoptimierte Fahrzeugkarosserien bei einem gleichzeitig hohen Fahrkomfort und hoher aktiver und passiver Sicherheit. All dies sind Beispiele, die ohne Investitionen in die IT nicht zeitgerecht möglich gewesen wären. Dies gilt mehr denn je auch für konjunkturell schwierige Phasen.
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Dreh- und Angelpunkt für Automobilhersteller und ihre Zulieferer ist eine fortschrittliche IT-Struktur. Ohne leistungs- fähige IT-Lösungen geht in der Automobilindustrie heute nichts mehr. Mit digitalen Entwicklungsmethoden lassen sich Fahrzeuge schneller und kostengünstiger entwickeln als früher, denn durch realitätsnahe Simulationsszenarien wer- den Entwicklungsvorgänge perfektioniert. So werden konstruktive oder konzeptionelle Fehler bereits vor dem Bau des ersten „physischen Prototyps“ entdeckt. Noch einen Schritt weiter geht das Konzept der Digitalen Fabrik. Ein integriertes Computermodell liefert alle Informationen, um eine Fabrik zu planen, zu simulieren und zu optimieren. Das gilt für die Produktentwicklung ebenso wie für die Prozessplanung und den Produktionsablauf. Integrierte Unternehmensanwendungen wiederum verbessern die Informations- und Kommunikationsprozesse entlang der Wertschöpfungskette. So verringern IT-gestützte Belegflüsse im Einkauf, in der Disposition und Produktion den administrativen Aufwand für die Nachverfolgung von Bestellungen, Lieferscheinen und Kaufbelegen sowie bei der Rechnungsbearbeitung und -prüfung. Eine reibungslose elektronische Zusammenarbeit zwischen Herstellern und Zulieferern stellt sicher, dass Bauteile „just in time“ (JIT) beziehungsweise „just in sequence“ (JIS) an die Montagebänder geliefert werden.
Aber auch neue IT-Technologien wie etwa Cloud Computing werden in der Automobilindustrie neue Wege ebnen. Cloudbasierte Lösungsansätze etwa bieten der Automobilindustrie die Möglichkeit, die Leistungsfähigkeit ihrer IT-Infrastrukturen und -Anwendungen weiter zu optimieren und gleichzeitig IT- Betriebskosten zu senken. Für bestimmte Aufgaben, etwa rechenintensive Simulationen, können Unternehmen die hierfür benötigten Rechnerkapazitäten mittels Cloud Computing via Internet und in Echtzeit aus dem Rechenzentrum eines IT- Dienstleisters beziehen. Bezahlt wird dabei nur die tatsächliche Nutzungsdauer. Darüber hinaus entfällt dadurch die kostenintensive Installation und Administration für lokale Server. Dies gilt auch, wenn Automobilhersteller die Produktionsschwerpunkte immer mehr von den klassischen Industrieländern in neue Wachstumsmärkte, wie China oder Brasilien sowie Indien und Russland (so genannte BRIC-Staaten), verschieben. Automobilhersteller, die auch dort wettbewerbsfähig sein wollen, müssen in genau diesen aufstrebenden Ländern mit eigenen Produktionswerkstätten und innovativen IT-Strukturen präsent sein. So ist die deutsche Automobilindustrie auch gerüstet, die bevorstehende Marktkonsolidierung schadlos zu überstehen. Insbesondere Unternehmen, die derzeit noch nicht das nötige Produktionsvolumen haben, werden sich mit anderen Firmen zusammenschließen oder diese übernehmen. Auch hier gilt es, die IT bereits im Vorfeld aller Überlegungen entsprechend vorzubereiten, damit der Übergang in die neue Unternehmensform problemlos bewältigt werden kann.
Ein aktuelles Beispiel hierfür ist die Übernahme von Chrysler durch Fiat. Auch hier war es bedeutend, die IT-Strukturen beider Konzerne und ihrer Lieferanten möglichst rasch und nahtlos zu vereinen. Darüber hinaus bietet eine Mehrmarkenstrategie, wie sie Volkswagen verfolgt, wesentliche Vorteile. Dadurch lassen sich Seriengrößen erhöhen und gleichzeitig Entwicklungskosten einsparen, denn einzelne Fahrzeugmodule, Antriebsaggregate sowie Plattformen können in mehreren Modellen und Marken verwendet werden. Schließlich müssen IT-Strukturen für die reibungslose Zusammenarbeit zwischen Herstellern und Zulieferern gerüstet sein. Automobilunternehmen werden ihre Fertigungstiefe weiter verringern und künftig noch mehr Forschungs- und Entwicklungsaufgaben an die Zulieferer übertragen. Diese Verzahnungen lassen sich nur mit einem stabilen IT-Gerüst lösen.
Autor: Carl H. Hahn
Carl H. Hahn, ehemaliger Vorstandsvorsitzender der Volkswagen AG und seit 1993 Aufsichtsratsmitglied der Perot Systems Inc., begann seine berufliche Laufbahn im Jahre 1953 bei der Organi- zation for European Economic Cooperation (OEEC) in Paris. 1954 wechselte er zur Volkswagenwerk GmbH als Leiter der Exportför- derung. Von 1959 bis Anfang 1964 war er Chief Executive Officer der Volkswagen of America. Nach seiner Rückkehr aus den USA wurde Hahn Mitte 1964 Mitglied des Vorstands der Volkswa- genwerk AG, zuständig für den Geschäftsbereich Vertrieb. Von 1973 bis Ende 1981 war er Vorstandsvorsitzender der Continental Gummi-Werke AG, Hannover. 1982 kehrte Hahn als Vorsitzender des Vorstands zur Volkswagen AG zurück und übte dieses Amt bis zu seiner Pensionierung 1992 aus. Seither war und ist er unter anderem in verschiedenen Aufsichtsratsgremien europäischer und amerikanischer Unternehmen und Institutionen tätig.




