Fiat geht neue Wege: Open Source im Design

Designprozesse sind in der Autoindustrie Geheimsache – absolute Geheimsache (automotiveIT 06/10). Ein Blick hinter die Kulissen ist während der Gestaltungsphase neuer Fahrzeuge nur wenigen Auserwählten gestattet. Schließlich sollen weder die Konkurrenz noch der Kunde erfahren, wie die neuen Modelle, die erst in drei, vier Jahren auf den Markt kommen, aussehen. Fiat geht nun einen völlig anderen Weg. Die Italiener machen das Design ihres neuen Stadtautos Fiat Mio öffentlich. Open Source heißt das aus der IT-Branche bekannte Verfahren, an dem die Community teilnimmt – in diesem Fall das World Wide Web.
„Es ist das erste Mal, dass wir diesen Prozess öffentlich machen. Wir wollen eine Menge Menschen erreichen und auffordern, mit uns zusammenzuarbeiten“, sagt Peter Fassbender, verantwortlich für das Style-Center von Fiat in Brasilien, auf YouTube. Für den kollaborativen Prozess haben die Macher eigens eine Webplattform installiert. „Auf der Seite können die Leute ihre Meinung kundtun, ihre Ansichten und Ideen“, erklärt João Batista Ciaco, Director of Advertising and Relationship Marketing. Die Designer werden so zu einem verlängerten Arm der Online-Community. Das Internet dirigiert die Gestalter von Fiat während der Arbeit. In einem speziellen Blog findet die hochspannende Ideenfindung statt. „Hier werden die nächsten Schritte der Entwicklung sichtbar gemacht“, so Fassbender.

Ein ambitioniertes Vorgehen, da es sich nicht um einen eingespielten Prozess mit einer begrenzten Zahl von Fachleuten handelt, sondern um eine Diskussion mit einem breiten Publikum. 1,2 Millionen Besucher hat die Internetseite bis dato verzeichnet, 15 000 Fans sind registriert und schreiben aktiv an dieser Geschichte mit – ein gewaltiger Pool von Ideen. Ein Think-Tank der Superlative. Über 10 000 Vorschläge sind bis dato aufgelaufen, unterteilt nach relevanten Kriterien: Dazu zählen Ergonomie, Materialien, Infotainment und mehr. Ein Beispiel: Ein Fan möchte für den Mio Räder, die sich um 90 Grad drehen lassen, damit er einfacher einparken kann. Die Kunst dabei: Die Wünsche der Teilnehmer zu verstehen, sie richtig zu interpretieren und in gestalterische und technische Lösungen umzusetzen. Dabei gilt es letztlich, die enorme Flut von Vorschlägen zu materialisieren, in ein Konzept umzuwandeln – in ein richtiges Auto. Das Design des Mio folgt dabei nicht – wie bei konventionellen Designprozessen – bestimmten Trends oder markenspezifischen Vorgaben, es folgt vielmehr der Vision einer Community.

Und die nutzte ihre Chance. Die Fiat-Designer waren von der Kreativität und der Genauigkeit und Detailkenntnis der Internet-User und Blogger überrascht. Entsprechend begeistert zeigt sich das Team rund um Fassbender. Inzwischen nennen die Fiat-Designer die Fans in der Community auch liebevoll „colleagues“.

„Es gilt nun die finale Linie festzulegen“, so Designchef Fassbender. Schließlich kann nur eine Idee zur São Paulo Autoshow im Oktober umgesetzt werden  – für die Verantwortlichen die Qual der Wahl. Eines zeigt das Open-Source-Experiment von Fiat heute schon deutlich: Die Prozesse in der Automobilindustrie werden sich verändern. Die Digital Natives agieren anders als noch die Immigrants, die erst als Erwachsene die neue IT- und Kommunikationswelt entdeckten. Die jungen Designer und Techniker wachsen mit dem Community-Gedanken auf. Sie teilen ihre Ansichten und Visionen mit anderen. Das Internet als Quelle für neue Ideen und Impulse. Das Web 2.0 wird das Auto selbst und seine Entwicklung nachhaltig verändern.

Autor: Peter Rademacher


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