Jeder kennt die Klischees über das Wetter in England. Auf die Grafschaft Durham treffen alle zu. Hier, in der Nähe der Nordsee, ist es oft nass und immer kühl. Den Sommer erkennt man angeblich daran, dass die Bewohner der Region ihre Wintermäntel offen tragen. Schwer vorstellbar, aber die schnell durchziehenden Wolken und die ganzjährig bescheidenen Temperaturen haben sich jetzt in einen Standortvorteil erster Güte verwandelt.
Nach intensiver Prüfung hat Hewlett-Packard die Entscheidung getroffen, in Wynyard Park, einem Business Center nahe der Stadt Newcastle, ein neues Rechenzentrum zu bauen. Nicht irgendeines, sondern das energieeffizienteste der Welt. Letztes Jahr sammelte das Technologieunternehmen in Workshops viele frische Ideen, um die gängigen Architekturphilosophien für Rechenzentrumsgebäude in Hinblick auf eine optimale Energieeffizienz zu erweitern. Fachleute aus unterschiedlichen Disziplinen steuerten Praxiswissen bei: Architektur, Planung, Rohbau, Innenausbau, Gebäudetechnik, Umweltbelange. Schnell erkannte das Projektteam der HP Enterprise Services: Den größten Hebel, um Energieverbrauch und Betriebskosten zu senken, bietet der wichtige Bereich Kühlung.
Im Nordosten Englands macht es die moderate und durch die Nordsee fast ganzjährig frische Umgebungsluft möglich, die IT-Geräteausstattung sowie Maschinen- und Lagerräume fast vollständig auf natürliche Weise zu kühlen. Große Ventilatoren entlang der Außenwände sorgen in den vier Serverräumen mit jeweils 1.000 Quadratmeter Grundfläche für eine beständige Frischluftzufuhr. Im Erdgeschoss strömt kühler Wind ein und wird in unterirdischen Verteilerschächten mit bereits erwärmter Innenraumluft so vermischt, dass die Betriebstemperatur in den Serverracks bei konstant 24 Grad Celsius liegt. „Natürlich stehen zusätzlich Klimaaggregate zur Verfügung, sie kommen aber nur bei Bedarf zum Einsatz“, erklärt Maurice Julian aus dem HP-Bereich Data Centre Services. Der für das neue Rechenzentrum Wynyard Park verantwortliche Bauleiter glaubt, das werde an kaum mehr als zwanzig Stunden im Jahr der Fall sein. Eine Aussage, die auf den Wetterdaten der letzten hundert Jahre fußt sowie den lokalen halbstündlichen Wetteraufzeichnungen der letzten zehn Jahre. Sie sind in die Computer-gestützte Planung eingeflossen.
Rechenzentren mit konventionellen Betriebskonzepten verbrauchen durchschnittlich mehrere tausend Megawattstunden Strom im Jahr. Laut HP wird Wynyard Park 40 Prozent darunter liegen. Wenn der Standort im Dezember 2009 in Betrieb geht, operiert jede der vier Serverhallen mit einem PUE-Wert von 1,16 (Power Usage Effectiveness). Dieser Wirkungsgrad sagt, in welchem Verhältnis die eingesetzte Energie innerhalb der gesamten Einrichtung zum Verbrauch von Servern, Speicher und Netzwerk steht. Ältere Rechenzentren schaffen lediglich PUE-Werte, die zwischen 1,8 und 3 liegen.
„Das Wynyard Park Data Centre setzt neue Maßstäbe für Rechenzentren auf der ganzen Welt. Nach seiner Fertigstellung wird es nicht nur eines der größten in Europa sein, sondern auch die Einsparungen bei Betriebskosten und Energie auf einem völlig neuen Niveau anführen“, erklärt Sally Poynter, die die Kapazitätsplanung der HP Data Center Services leitet.
Wynyard Park macht seinem Namen Ehre und ist durch und durch grün: Beim Bau griffen die Planer auf die Gebäudehülle eines ehemaligen Distributionscenters zurück. Regenwasser wird gesammelt und im Sekundärkreislauf genutzt, die Dachfarbe reflektiert Sonnenstrahlen – all diese Umweltaspekte flossen frühzeitig in die Konzeption ein. Die Gesamtkosten liegen trotzdem nicht höher als bei herkömmlichen RZ-Bauprojekten.
Kein Wunder also, dass Hewlett-Packard in Zukunft durchaus weitere „grüne“ Rechenzentren errichten möchte. Der IT-Konzern erfüllt damit seine CO2-Reduktionsziele und reagiert auf die zunehmende staatliche Regulierung, die auch bei energiehungrigen Computing-Infrastrukturen zu greifen beginnt. Gleichzeitig spricht das Angebot umweltfreundlicher Computing-Kapazitäten Firmen an, die an einer nachhaltigen Unternehmensführung interessiert sind und auf ihre Energiebilanz achten. Erste Besichtigungstermine in Wynyard sind bereits gebucht. Man darf gespannt sein, wer nachzieht.
Ralf Bretting




