Die Automobilindustrie steht vor einem Wandel. Die Branche entwickelt sich vermutlich in den nächsten Jahren zu einem regelrechten Jobmotor. Mit ein Grund hierfür sind die massiven Veränderungen, die sich derzeit abzeichnen. Zwei Faktoren schieben die Entwicklung an: der Paradigmenwechsel in der Antriebstechnologie und der zunehmende Anteil der IT-Komponenten (Embedded Systems) in den Fahrzeugen von morgen. Beides erweist sich als Segen für eine Branche, die in den vergangenen Jahren mächtig zu kämpfen hatte. Die Pleite der amerikanischen Autobauer und die Insolvenzen vieler Zulieferer während der Finanzkrise sind Belege hierfür. Inzwischen erheben sich – dank einer robusten Autokonjunktur in den Schwellenländern – selbst massiv angeschlagene Autobauer wieder wie Phönix aus der Asche.
Und der Aufschwung könnte von Dauer sein. Der Hintergrund: Der Markt für Antriebskomponenten kann sich durch den Trend zur Elektromobilität und die Globalisierung bis 2030 auf 460 Milliarden Euro pro Jahr mehr als verdoppeln – unter Berücksichtigung der zu erwartenden Produktivitäts- und Preiseffekte. Das schafft weltweit rund 420 000 neue Jobs. So geht es aus einer aktuellen Studie des Beratungsunternehmens McKinsey & Company hervor. Allein für Europa erwarten die Analysten in diesem Zeitraum ein Marktvolumen von 170 Milliarden Euro und 110 000 zusätzliche Arbeitsplätze. Wobei die Globalisierung eine wichtige Rolle spielt: Gestützt wird das Wachstum durch das Aufblühen der Schwellenländer. Laut IWF (Internationaler Währungsfonds) wird vor allem das Bruttoinlandsprodukt Asiens bis 2015 um 50 Prozent wachsen, bis 2030 könnte es sogar das der führenden Industrieländer (G7) übertreffen. Die treibende Kraft dabei ist zweifelsfrei China, gefolgt von Indien. Momentan entstehen völlig neue Handelsbeziehungen, denn die Schwellenländer beginnen verstärkt den Handel untereinander. China avancierte Ende des Jahrzehnts beispielsweise zu einem Haupthandelspartner Brasiliens. Diese neuen Wirtschaftsströme schieben das globale Wachstum zusätzlich an. Infolge auch den Wohlstand und damit das Thema Mobilität. Doch gerade in den Schwellenländern wächst das Verständnis dafür, dass die Mobilität von heute nicht die Mobilität von morgen sein kann, will man das Klima nicht weiter negativ beeinflussen. China und Indien werden das weltweite Verständnis, aber auch die zukünftigen Anforderungen an Mobilitätskonzepte entscheidend prägen. Denn mit den neu entstehenden Bedarfen an individueller Mobilität eröffnet sich auch für die E-Mobilität ein gigantisches Marktpotenzial.
Der Trend zur Elektromobilität wird aber momentan hauptsächlich durch die CO2-Regulierung auf den klassischen Märkten getrieben. Bei einer strengen Reglementierung dürfen Pkw imJahr 2050 nur noch bis zu 10 g CO2/km ausstoßen – und zwar von der Energieerzeugung bis zum Fahrzeug. Dies führt, wenn man vom derzeitigen Technologiestand ausgeht, zwangsläufig zur Elektromobilität und zu Fahrzeugen mit Brennstoffzellenantrieb. Selbst bei milderen Grenzwerten (40 g/km) geht McKinsey davon aus, dass der Siegeszug der neuen Antriebe nicht mehr aufzuhalten ist. Bei diesem Wert, der von den Analysten als Basis für ihr Szenario verwendet wurde, würden Hybrid- und Range-Extender-Fahrzeuge, also Antriebe, die Verbrennungsmotor und E-Antrieb kombinieren, bis 2030 einen globalen Anteil von mindestens 15 Prozent erreichen. Diese Verschiebung macht sich dann wie ausgeführt im Marktvolumen für Antriebskomponenten bemerkbar. Elektromotoren, Batterien und die Leistungselektronik sind den Marktbeobachtern zufolge die wachstumsstärksten Bauteile. Damit verschiebt sich aber auch die Aufgabenverteilung innerhalb der Wertschöpfungskette. Laut PricewaterhouseCoopers (PwC) wird sich der Knowhow-Anteil der OEMs von derzeit 63 Prozent bei den Verbrennungsmotoren auf 15 Prozent (Grafik unten) bei Elektromotoren reduzieren. Die Folge daraus: Es verschieben sich nachhaltig die Kompetenzprofile. Weg von der reinen Mechanik hin zur Mechatronik und Chemie. „In zwanzig Jahren wird weltweit der Anteil der Mitarbeiter in der mechanischen Verarbeitung von 80 auf 60 Prozent gesunken sein“, weiß Wolfgang Pointner, Partner bei McKinsey. Sparten wie die Chemieindustrie oder die IT profitieren. Fachkräfte mit Wissen in der Elektronik und der Chemie stehen deswegen auf der Wunschliste vieler Entwicklungschefs inzwischen ganz oben. An der Schnittstelle Automobil entstehen neue Kompetenzen.
Der zunehmende Einsatz von intelligenten IT-Komponenten in den künftigen Fahrzeuggenerationen gehört sicherlich zu den wesentlichen Wachstumstreibern. Gerade in Deutschland. Das Beratungsunternehmen A.T. Kearny rechnet damit, dass im Umfeld der künftigen Elektromobilität bis 2025 hier zu Lande rund 40 000 neue Jobs entstehen können. „Schon heute machen Embed-ded Systems in vielen Industrien, wie etwa der Automobilindustrie oder im Bereich Consumer Electronics, rund 50 Prozent der Wertschöpfungskosten aus“, sagt Michael Römer, Leiter der Studie bei A.T. Kearny. Künftig werden neue Anwendungen und Dienstleistungen diesen Anteil weiter erhöhen. Insbesondere in der Automobilindustrie ist jetzt schon eine drastische Zunahme zu beobachten, da immer mehr Funktionen in Autos realisiert und damit auch Differenzierungsmerkmale gegenüber Wettbewerbern geschaffen werden. Fahrerassistenzsysteme sind laut A.T. Kearny nur der Anfang für eine ganze Reihe neuer Features, die in den Autos von morgen Einzug halten. Anwendungen wie Car-to-Car oder Car-to-X benötigen obendrein Elektronik und Software. Um der steigenden Nachfrage gerecht zu werden, wird man wohl jedes Jahr rund vier Prozent mehr Stellen als im jeweiligen Vorjahr besetzen müssen. „Wir glauben, dass man insgesamt von einem Wachstum bis 2025 von über 100 000 Arbeitsplätzen in Deutschland ausgehen kann“, so Römer.
„Ein solches Wachstum setzt allerdings voraus, dass die bestehenden Barrieren von Politik und Wirtschaft beseitigt werden“, unterstreicht Römer. Der Industrie fehlt es nach Meinung des Beraters nicht nur an Standards und IT-Experten, sondern auch an entsprechenden Strukturen und Geschäftsmodellen. Die Forderung: Die Unternehmen müssen cross-industriell zusammenarbeiten und gemeinsam Standards entwickeln. Römer: „Embedded Systems stehen noch zu weit unten auf der Agenda der Entwicklungschefs – das muss sich ändern.“ Einen der wichtigsten Gründe für den mangelnden Nutzenbeitrag durch Embedded Systems sehen die Autoren in der klassischen Wahrnehmung der IT durch das Topmanagement. Für viele Vorstände ist IT ein Kostenfaktor. Sie ist weit davon entfernt, von den Unternehmen als Wachstumshebel identifiziert zu werden.
Nach Auffassung vieler Experten hätte gerade die deutsche Industrie die Chance, eine weltweit führende Rolle in der E-Mobility und den Embedded Systems einzunehmen und damit zum Leitanbieter zu werden, wenn die Akteure gezielter zusammenarbeiten und praxisorientierte und breite Ausbildungs-angebote, die über das klassische Ingenieursstudium hinausgehen, geschaffen würden. Davon ist man allerdings noch ein Stück entfernt. Und letztlich gilt es auch noch den Käufer zu überzeugen. Bis der Jobmotor läuft, gibt es wohl noch einige Hürden zu nehmen.
Autor: Frank Dresen
Foto. Renault





