Miniatur-Männchen stehen um winzige Maschinen, ein klitzekleiner Roboterarm ragt in die Fertigungsstraße, die auf einem rund einen Quadratmeter großen Matrixtableau verläuft. Keine Szene aus dem Legoland, sondern aus der Forscherwelt von Siemens. Die Experten von Siemens Corporate Technology spielen gerne – professionell und mit einem klaren strategischen Ziel: Projektleiter Bernd Korves und sein Team möchten, so die Aussagen gegenüber automotiveIT, die Planung von Fabriken schneller, sicherer und damit deutlich effizienter gestalten. Denn von der optimalen und zügigen Planung oder Umgestaltung von Produktionsstätten hängt deren Produktivität und Profitabilität ab. Der Name des IQ-Spiels: Intuplan. Spiel- beziehungsweise Kooperationspartner von Siemens sind die Technische Universität München und das Fraunhofer-Institut.
Der optimale Workflow in einer Fabrikanlage kann über viel Geld entscheiden. Dazu zählen zum Beispiel die bestmögliche Anordnung von Maschinen und die günstigsten Transportwege von Bauteilen. Es geht um den gesamten Zyklus – vom Design bis zur Fertigung. Es geht aber auch um mögliche Risiken einer Standortverlagerung – und um die Zufriedenheit der Mitarbeiter. Denn schließlich kann ein optimal erstellter Arbeitsplatz für eine deutlich höhere Motivation sorgen und zudem auch gesundheitliche Aspekte berücksichtigen, die dann die Krankheitszeiten eindämmen helfen. Um ein möglichst perfektes Fabriklayout und einen optimalen Workflow zu erreichen, simulieren die Siemens-Spezialisten die reale Fabrikwelt in Form von kleinen Männchen und Maschinenmodulen und lassen sie mit den virtuellen Welten des Computers verschmelzen. Und das funktioniert so: Die maßgeblich an der Planung Beteiligten – auch Fabrikmitarbeiter – bringen ihre Erfahrung und ihr Know-how bei dem Planspiel ein. So entsteht auf der rund einen Quadratmeter großen Matrix eine Fabriklandschaft mit detailliert geformten Avataren und Maschinen auf der Basis von konkreten CAD-Daten. Ein 3D-Drucker setzt die realen Modelle maßstabsgerecht in die reale Welt. Mit dieser relativ günstigen „Print“-Methode ist laut Siemens auch die Wirtschaftlichkeit des Systems gesichert.
Die gewünschte Anordnung wird eingescannt und vom Computer in eine virtuelle Welt transformiert, durch die man am Bildschirm navigieren kann. Der zusätzliche Clou: ein Flug durch die lebensgroß projizierte Fabriklandschaft mit einer 3D-Brille. So lassen sich etwaige Fehler in puncto Platzbedarf schnell erkennen und ihre Auswirkungen sofort im bewegten Bild analysieren. Die Siemens-Experten haben so den realen Modell-Planungshorizont von Fabriklayouts um die virtuelle Dimension erweitert. Ein entscheidender Vorteil dabei ist die sofortige und weltweite Verfügbarkeit der digitalen Darstellungen. Die Planungsschritte können ständig im Dialog mit Kollegen und Auftraggebern über Landesgrenzen hinweg koordiniert, abgestimmt und optimiert werden. Das mögliche Zeitsparpotenzial sehen die Experten momentan bei bis zu 50 Prozent. Auch Unternehmen im Automotive-Bereich könnten dadurch ihre Produktentwicklung und die Produktionsplanung enger miteinander verzahnen. Doch die schönste Digitale Fabrik funktioniert nur, wenn die Planer die Arbeitsabläufe der Fabrik auch wirklich verstanden haben. Klingt nach Binsenweisheit, ist aber unabdingbare Voraussetzung. „Man muss zunächst den gesamten Planungsprozess durchdrungen haben, ehe man damit beginnen kann, virtuelle Werkzeuge einzusetzen“, weiß Bernd Korves. Bislang erprobt Siemens sein System an eigenen Standorten, und es ist in der momentanen Phase hier und da noch ausbaufähig. Doch der Intuplan-Experte ist in Sachen Weiterentwicklung sehr optimistisch: „Wir haben noch einige Ideen.“
Autor: Claus Dick
Foto: Siemens

