In der Treasury-Abteilung eines großen Automobilherstellers stehen die Mitarbeiter unter Spannung. Über Nacht haben die Computer in der Buchhaltung die Rechnungen zusammengesucht, die bis Ende des Monats zu bezahlen sind. Die Systeme melden einen Finanzbedarf in Höhe einer zehnstelligen Summe. Zu begleichen einmal rund um den Globus in unterschiedlichsten Ländern und Währungen – und innerhalb von wenigen Tagen. Bei der anschließenden Suche nach dem benötigten Geld werden die Computer des Unternehmens so weit wie möglich von den Mitarbeitern unterstützt. Kein einfaches Unterfangen. Die Treasury-Abteilung hat mit ihren Computersystemen innerhalb des Konzerns die Stellung einer Hausbank. Sie sammelt das Geld der Töchter ein, verteilt es neu und kann so einen Teil des Finanzbedarfs im Haus aufbringen.
Für die Finanzlücken schicken die Treasurer ihre digitalen Helfer auf die Online-Finanzmärkte. Hier platzieren sie ihre Anfragen – mehrere hundert Millionen Euro an geschäftigen Tagen – und warten auf die Antworten der Computer in den Finanzinstituten. Deren IT-Systeme analysieren den Finanzbedarf des Kunden. Im zweiten Schritt stellen sie die angefragten Summen in Beziehung zu einer Reihe von Kennzahlen – etwa die zwischen den Konzernen vereinbarten Rahmenbedingungen oder die Rückzahlung der bereits gegebenen Kredite. Am Ende ist in den Algorithmen der Kreditgeber vor allem eine Zahl entscheidend – diejenige des Ratings eines anfragenden Unternehmens anhand der Basel-II-Bestimmungen.
An diesem Bollwerk ist seit dem Beginn der Finanzkrise eine ganze Reihe von Herstellern beziehungsweise Dienstleistern aus der Automobilindustrie gescheitert. Denn das Rating sagt aus, wie kreditwürdig ein Unternehmen ist – oder wie die Kreditkonditionen für eine ganze Industrie aussehen. Nach dem Absturz der Automobilindustrie hat die Branche das Vertrauen bei den Banken verloren. Als Folge davon haben die Institute ihre Kunden in den Ratings kurzerhand abgestuft und die Konditionen für die im Automobilbau und Handel benötigten Kredite erheblich verschlechtert. Die Krux: Wenn ein Finanzcomputer seinem Gegenüber beim Autohersteller schlechte Kreditkonditionen anbietet, folgt er damit lediglich den in seinen Programmierungen festgelegten Parametern. Eine bittere Erkenntnis für viele Manager. Hatten sie doch die Treasury-Abteilungen installiert, um genau diesem Absturz im Rating vorzubeugen. Sie hatten ihre Finanzen, ihre Buchhaltung und das damit verbundene Risikomanagement neu aufgestellt. Gleichzeitig griffen sie auf modernste technische Möglichkeiten zurück, um bei Controlling, Finanzverwaltung und dem wichtigen Online-Banking neue Bestimmungen wie Basel II oder Sarbanes-Oxley umzusetzen.
Mit den Treasury-Systemen wollten die Verantwortlichen sicherstellen, dass sämtliche Geldströme nur noch auf einem exakt kontrollierten Weg das Unternehmen verlassen können. Gleichzeitig wurde die Zusammenarbeit mit der Bank – je nach Konzept der Verantwortlichen – extrem automatisiert. Ziel war ein stetiger, maschinengesteuerter Geldstrom zwischen Banken und Konzernen über die Online-Finanzplattformen. Mit minimaler menschlicher Interaktion können heute unendlich große Summen den Besitzer wechseln. Eine eindeutige Win-win-Situation für beide Seiten. Wer hätte es vor zwei oder drei Jahren gewagt, diese Konstruktion in Frage zu stellen?
Doch etwas ist gründlich schiefgelaufen. Ein Ziel bei der Installation der Treasury-Management-Systeme war es gewesen, die Zusammenarbeit mit den Finanzinstituten auf ein stabiles Fundament zu stellen. Auf diese Weise sollten durchgängig gute Ratings realisiert werden. An das Risiko einer Wirtschaftsflaute und der damit verbundenen Abwertung einer ganzen Branche hatte bei der Planung der Software und beim Umbau der Finanzverwaltungen offensichtlich niemand gedacht. Wenn heute die Bankencomputer ihre Angebote unterbreiten, sind die Konditionen häufig zu schlecht, als dass die Treasury-Systeme das Geschäft bestätigen könnten. Die Geldströme reißen ab, versiegen, die finanziellen Grundlagen der Unternehmen stehen derzeit auf dem Spiel.
So arbeiten die rund einhundert Mitarbeiter in der Treasury-Abteilung weiterhin unter Hochdruck daran, Tag für Tag hunderte Millionen Euro zu managen und vor allem neue Geldquellen zu erschließen. Weil das Vertrauen zwischen der Automobilindustrie und ihren langjährigen Partnern in der Finanzindustrie als geschädigt gilt, suchen die Finanzverantwortlichen das Geld mit neuen Methoden und auf neuen Finanzmärkten. In den vergangenen zwei Jahren hat es einige Beispiele für das Interesse von Finanzinvestoren an der deutschen Automobilindustrie gegeben. Unternehmen aus dem arabischen Raum, aus Russland, China und Indien suchen einen Einstieg in den deutschen Markt. Die Situation ist günstig, Zulieferer und Entwickler auf Grund ihrer miesen Ratings billig zu übernehmen. Das Problem dabei ist: Viele Unternehmen stehen schon kurz vor dem Aus, bevor die helfende Hand aus Fernost den Zulieferer oder Dienstleister überhaupt retten kann. Vielleicht geschieht dies auch mit Kalkül. Denn dann wechseln Ausrüstung, Produktionsstätten oder Know-how für ein geringes Entgelt den Besitzer. Doch neben einem Einstieg in den Markt lockt auch die Technologie, die vor allem in den kommenden Automobilnationen Indien oder China noch fehlt – und diese arbeiten heute mit den Zukäufen aus ganz Europa an dem Aufbau von weltweiten Automobilkonzernen.
Autor: Christian Raum
Foto: Deutsche Bank





