Virtuelle Konferenz stößt noch auf Vorbehalte

Virtuelle Konferenz.automotiveITBisher nähert sich die Automobilindustrie Kommunikationstrends wie Webconferencing oder Telepräsenz nur zögerlich. Die Vorteile liegen jedoch auf der Hand. Die Zurückhaltung gegenüber den Virtual-Reality-Tools ist kaum nachvollziehbar.

Dabei haben die Anbieterden Bedarf gerade in der Entwicklungszusammenarbeit erkannt und teilweise Lösungen konkret für den Automotive-Sektor entwickelt. Aus Effizienz- und Kostengründen lohnt es sich, die neuen Technologien genauer anzuschauen.

Der Automobilzulieferer Magna befasst sich bereits seit einiger Zeit mit neuen Kommunikationslösungen. Vor vier Jahren wurde Arkadin als Software für Teleconferencing eingeführt. Im letzten Jahr kam WebEx von Cisco dazu, das mittlerweile flächendeckend integriert ist und von 3800 Mitarbeitern genutzt wird – unter anderem für Engineering- und Design-Meetings.

„Kurz nach der Einführung ist die Nutzung auf 600 Sitzungen pro Tag deutlich in die Höhe gegangen. Die Mitarbeiter nutzen das Tool für die Zusammenarbeit auch mit Kunden und Partnern, in der es um das gemeinsame Betrachten von Bildern oder Konstruktionszeichnungen geht“, sagt Kurt Siegl, Director of IT & Finance Projects bei Magna Europe. CAD-Dokumente lassen sich gemeinsam online betrachten und telefonisch besprechen, es wird jedoch nicht an den Dateien gearbeitet.

Die  Datensicherheit ist hier natürlich ein wesentliches Thema. „Wir haben eine unternehmensweite Sicherheits-Policy, die global auditiert wird und nach der sich alle Anwendungen richten müssen“, unterstreicht Siegl. Dass bei WebEx deutlich wird, wer sich eingewählt hat, wertet Siegl als Sicherheitsfeature.

Diese Transparenz sei bei Telefonkonferenzen nicht gegeben.Zudem handele es sich nicht um einen Datenaustausch, sondern nurum die Darstellung von Dokumenten, so Siegl. Einschränkungen ergeben sich allerdings bei OEMs im Bereich der Neuentwicklungen, bei denen besondere Sicherheitsvorgaben gelten.

Der Automobilzulieferer ist hier eher in der Vorreiterrolle. „Der Standard besteht bei vielen Unternehmen noch darin, dass die physischen Daten nur in bestimmten Intervallen per Datenaustausch versendet werden. Das bedeutet meist einen Zeitverlust“, meint Michael Klemen, zuständig für den Automotive-Sektor bei Cisco in Westeuropa.

Dadurch sei auch der eigentlich notwendige Adhoc-Austausch der Entwickler und Designer schwierig. „Die Technologie ist in der Automobilindustrie zwar schon in den Köpfen angekommen, die Adaption erfolgt aber erst jetzt“, meint Klemen.

Erst die neue Sparfreude in der Krise hat den Blick auf Werkzeuge gelenkt, mit denen sich Einsparungen zum Beispiel bei den Reisekosten, aber auch durch deutlich effizientere Zusammenarbeit erzielen lassen. Bisher verläuft zwar noch eine klare Grenze zwischen Virtual-Reality-Anwendungen oder Digital Mock-ups und den Web- und Video-Collaboration-Tools. Dennoch wird laut Klemen schon experimentiert, auch diese Bereiche einzubeziehen.

Pragmatisch betrachtet liegt die Verschmelzung der noch sehr kostenintensiven VR-Technologien und -Hardware mit Standardanwendungen nahe – und würde zu einem Verbreitungsschub beitragen.

IBM hatte bereits im letzten Jahr mit Jazz eine einheitliche Entwicklungsplattform für die Automobilindustrie auf den Markt gebracht, die sich allerding eher an OEMs und große Zulieferer richtet. Der IT-Dienstleister T-Systems versucht mit seinem Produkt Platon, das seit Anfang April verfügbar ist, ebenfalls  die Kommunikationslücke in der Entwicklung zu schließen.

„Wir können innerhalb von 48 Stunden jeden Projektteilnehmer produktiv schalten“, sagt Bernhard Willi, Platon-Projektleiter bei T-Systems, der den größten Bedarf für das Tool in der Zulieferindustrie ortet.

Im Gegensatz zu einigen anderen Produkten sei bei Platon der Schutz von Intellectual Property Rights, eine der zentralen Anforderungen in Entwicklungsprozessen, in Form von EndtoEnd-Security im Preis enthalten. Die  Zertifizierung der User erfolgt über eine qualifizierte Signatur, vergleichbar einer elektronischen Unterschrift, die per  USBStick verwendet wird.

Von der Platon-Oberfläche aus lassen sich mit Chat, Video-, Web- und Telefonkonferenzen vier Kommunikationskanäle bedienen. Alles läuft über den PC, auch das Telefonieren, Video funktioniert über die Kamera am PC oder Laptop. Über die Präsenzinfo ist erkenntlich, wer im System online ist.

Die Dokumente liegen jeweils auf dem Desktop oder dem Hintergrundsystem des Teilnehmers, der ein Meeting einberuft. Via Desktop Sharing lassen sich die Dokumente von allen Teilnehmern einsehen, der Bearbeiter kann das Dokument vor den Augen der anderen verändern. Eine zyklische Versionierung soll dafür sorgen, dass nicht versehentlich durch E-Mails Dokumente repliziert werden und Fehler entstehen.

„Der Aufwand für Abstimmungen lässt sich mindestens um den Faktor drei verringern. Hinzu kommt die erhöhte Qualität der Absprachen, die durch kombinierte Techniken wie Video und Data Sharing oft besser zu verstehen sind, gerade in der globalen Zusammenarbeit“, so Willi. Die Sitzungen lassen sich zur Dokumentierung speichern.

Zu den großen TK-Trends zählt auch das Thema Video-Telepräsenz. Viele IT-Leiter haben allerdings Probleme damit, neue Videoanwendungen in ihre Unternehmen zu bringen.

Obwohl sich Telepräsenzlösungen vom Erlebnis her stark von bisherigen Systemen unterscheiden, erschweren Vorbehalte der Anwender und Manager deren Einführung. Zu unzulänglich war die bisherige Videokonferenztechnik hinsichtlich Qualität und Bedienbarkeit. Was das Meinungsbild geprägt hat.

Das hat sich mittlerweile geändert und die Anmutung der zugeschalteten Teilnehmer kommt der Realität deutlich näher als früher. Auch British Telecom bietet eine Telepräsenzlösung auf Basis der Cisco-Komponenten.

Nach Information von Klemen gibt es aufgrund der kürzlich erfolgten Beteiligungen in der Automobilbranche – etwa im Rahmen der Chrysler-Übernahme durch Fiat – bei allen OEMs Ansätze, die Kommunikation auf Telepräsenz  auszurichten: Daimler setzte damals noch auf zwei Flüge pro Tag von und nach Detroit.

Entsprechende Lösungen rechnen sich Klemen zufolge in vielen Business Cases schon innerhalb weniger Wochen oder Monate. „Vier bis sechs Meetings am Tag mit international verteilt arbeitenden Leuten sind physisch gar nicht machbar, mit entsprechenden Web- und Teleconferencing-Tools jedoch sehr wohl“,
sagt Klemen.

Und selbst Naturereignisse wie ein Vulkanausbruch zeigen die Vorteile der neuen Kommunikationsmittel auf. Stehen die Flugzeuge am Boden, könnten Meetings dennoch stattfinden. Das ist vielen jetzt bewusst geworden.

Daniela Hoffmann


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