Volkswagen stellt Weichen beim Cloud Computing

Absolute Durchgängigkeit vom Händler zum Hersteller – das ist für den Volkswagen Konzern ein wichtiger Baustein für ein erfolgreiches Kundenmanagement. Die Weichen sind gestellt, Anfang 2011 macht voraussichtlich Seat den Anfang, wie Volkswagen-CIO Klaus Hardy Mühleck auf dem 11. SAP Automotive Symposium in Mainz erklärte. Rund 18 000 mit VW verbundene Handelsbetriebe weltweit werden dann nach und nach ihre Services aus der Private Cloud von Volkswagen beziehen, wahrscheinlich beziehen müssen – die entsprechenden Verhandlungen sind laut Mühleck noch nicht abgeschlossen. ,,Wir werden jedem Händler ein Dealer-Management-Frontend zur Verfügung stellen“, versprach Mühleck – und: ,,Wir machen es attraktiv“ – unter dem Strich würden die Händler Kosten einsparen. Eine zentrale Rolle kommt dabei einem neuen Dealer-Management-System zu, das aber so neu auch wieder nicht ist. Die Wahl ist offenbar auf ,,Cross“ gefallen, das Porsche von Österreich aus zur Verfügung stellt. Standardisierung vorantreiben und Komplexität verringern, so heißt die Devise – bei derzeit rund 80 Millionen und bald 100 Millionen Kundenkontakten jährlich keine leichte Aufgabe. Allein für den Vertriebsbereich gibt es ein ganzes Bündel von Programmen zur Neuausrichtung für die Verbindung vom OEM bis hinein in die letzte Werkstatt. Das reicht von der konzernweiten Vertriebsssteuerung, etwa mit Hilfe eines Vertriebs-Dashboards, über den Bereich Originalteile bis zum Sektor Neuwagen und Logistik. Bindeglied und Integrator soll die IT sein, um die zukünftigen Vertriebsmöglichkeiten zu erschließen.

Volkswagen konzentriert seine Service-Bereiche auf zentrale Standorte. So After Sales & Services in Kassel – daran hängen letztlich rund 100 000 Servicebetriebe. Der Service rund um die Wegfahrsperre wird in Ingolstadt konzentriert, dort sollen die VW-Partner aus dem Handel- und Werkstattbereich zentral mit dem System vertraut gemacht werden. Die Standardisierung spielt in allen Bereichen eine wesentliche Rolle – etwa bei der Projektentwicklung mit global 600 Projekten oder in der Produktion, wo schon 22 Fabriken über ein SAP-Template angeschlossen sind. Als Beispiel für eine reibungslose Umstellung auf das Template nannte Mühleck die fünf Werke in Brasilien, wo die IT-Anbindung ,,von der Beschaffung des Toilettenpapiers bis zur Fertigung von  800 000 Fahrzeugen jährlich“ komplett und in kürzester Zeit geklappt habe. Ein anderes Beispiel ist die Treasury Plattform: 140 Landesgesellschaften wurden in einer zentralen Plattform zusammengeführt, auf der jährlich 60 Milliarden Euro transferiert werden und über die 370 000 Mitarbeiter Lohn oder Gehalt beziehen. Die Synergie-Effekte seien erheblich.

Und die Kosten hat der CIO von Volkswagen immer im Blick. Nur durchschnittlich 145 Euro IT-Anteil am Auto bewertet er als ,,Benchmark für die gesamte Autoindustrie“. Auf 0,8 bis 0,9 Prozent des Umsatzes beziffert Mühleck die IT-Kosten des Konzerns mit etwa 3 800 IT-Mitarbeitern, zu denen noch rund 12 000 Externe kommen. Die ,,schlanke IT“ sieht der CIO keineswegs als Folge einer reduzierten Aufgaben-Bereiches für die Informationstechnologie im Konzern – im Gegenteil. Da gibt es zum Beispiel den modulen Querbaukasten mit 50 Baureihen und Millionen Variationsmöglichkeiten. Diese schier unendliche Konfigurierbarkeit müsse die IT abdecken, sagt Mühleck. 62 Produktionsstätten – und es kommen immer mehr dazu – werden so verbunden, dass die Daten reibungslos fließen. Das Portfolio umfasst fast 200 Produktlinien in neun Marken, in absehbarer Zeit werden es 300 in zwölf Marken sein. 25 000 eigene Entwicklungs-Ingenieure müssen vernetzt, 15 000 weitere angebunden werden.

Die Entwicklung und Fertigung von Komponenten wie Motoren, Getrieben, Achsenm und Lenkungen sowie auch Kunstostoffteile-Fertigung und Werkzeugbau bleiben Schwerpunkte von Volkswagen, so Mühleck: ,,Wir werden diese Kernkompetenzen nicht aus der Hand geben“. Ein Beispiel für gelungene Standardisierung ist für Mühleck das ,,Multi-Marken-Management“, dass eine SAP-Stückliste alle Motoren, Modelle und Märkte abdeckt. Ebenso gibt es nur einen Global Client für alle Modelle und Märkte, ein Print Management Concept für mehr als 70 000 Printer. Integrationsarbeit für die Gesamtarchitektur des Konzerns sei angesichts der Marken- und Produkt-Vielfalt auch ,,Knochenarbeit“. Die integrierte IT-Architektur aber ,,steht schon, sie wird jetzt in die nächste Phase des Cloud Computing überführt. Die Cloud ist bei Volkswagen Realität, kein Hype-Thema.“

Die Gesamtarchitektur des Konzerns für alle Marken und Märkte hinweg ist für Mühleck ein echter Wettbewerbsvorteil: ,,Das hat keiner – vielleicht für eine Marke, aber nicht für zehn.“ Integrieren, optimieren, Kosten einsparen, das sind auch bei Volkswagen Daueraufgaben der IT – aber ebenso die aktive Begleitung neuer Entwicklungen. Als aktuell größte Herausforderung für die nächsten beiden Jahre erwartet der Volkswagen-CIO den Umgang mit den Comsumer Devices, denn das vernetzte Auto verändert die gesamte Autoindustrie und damit auch VW. Die Investitionskraft der Consumer Devices gelte es zu nutzen, den ,,fahrbaren mobilen Baukasten“ Auto mit den Devices zu verbinden.

Autor: Gert Reiling


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