Vom Topthema zum Flopthema: Green-IT

Green-ITWenn Berater und Marktforscher einen neuen Hype-Begriff in die Community werfen, reagieren viele IT-Chefs erst mal abwartend. Im Jahr 2009 zum Beispiel war Green IT das auf vielen Konferenzen heiß diskutierte Topthema. Während der Branchenfachmesse CeBIT trommelten Hardwarehersteller in der so genannten „Green IT World“ kräftig für energiesparende Server und PCs. Nachhaltig aber war das nicht. In den letzten drei Jahren wanderte das Thema Green IT auf der Prio-Liste der CIOs immer tiefer nach unten. „Heute sind IT-Entscheider nur noch daran interessiert, wenn sich darüber hinausgehende Effekte erreichen lassen – wie etwa Kos-teneinsparungen“, attestiert das Ana-lystenhaus IDC. Eine aktuelle Bestandsaufnahme von automotiveIT zeigt, dass sich kaum ein Unternehmen gegen Nachhaltigkeit und ressourcenschonendes Wirtschaften ausspricht. Grüne IT-Lösungen aber werden nach wie vor nicht gekauft, nur weil sie CO2-reduziert sind. Sie müssen sich vor allem betriebswirtschaftlich rechnen. Nur dann sind Unternehmen tatsächlich bereit, sich mit erprobten Lösungen ener-gieeffizient und damit kostengüns-tiger für die Zukunft aufzustellen. Das ist auch bei Daimler so. Der Stuttgarter Autobauer setzt auf energieeffiziente PCs, Bildschirme und Drucker in seinen Büros. Beiträge im Unternehmensblog des Stuttgarter Autoherstellers lassen keinen Zweifel daran, dass Kosteneinsparungen der Ausgangspunkt für das Projekt Green IT waren. „Wenn man dann Ideen sammelt und mal ausrechnet, was zum Beispiel ein moderner Drucker kos-tet gegenüber einem alten, was er an Papier und Energie verbraucht und was ganz real an CO2-Ausstoß vermieden wird – und das dann noch mal 1000 oder mal 10 000 nimmt … hochgerechnet über mehrere Jahre kommen da richtig große Beträge raus in Tonnen CO2, die nicht ausgestoßen werden, und Millionen Euro für Stromkosten, die nicht gezahlt werden müssen“, heißt es in einer der Veröffentlichungen zum Thema. Immerhin: Schon im ersten Jahr hat Daimler über 55 Millionen Kilowattstunden Strom, mehr als 33 000 Tonnen CO2 und über 5,5 Millionen Euro eingespart. Ein Ergebnis, zu dem freilich nicht allein weniger Drucker beigetragen haben. Ein neues Kühlverfahren mit Grundwasser in einem Daimler-Rechenzentrum und die von CIO Michael Gorriz vorangetriebene globale Virtualisierung von Servern senkten Stromverbrauch und Emissionen ebenfalls erheblich. Den messbaren Erfolg würdigte das Analystenhaus Gartner letztes Jahr mit dem „Data Center Excellence Award“. Die Auszeichnung wird für besonders zukunftsweisende und strategisch angelegte Konzepte rund um die Gestaltung und den ökologischen Betrieb von Rechenzentren verliehen.

Natürlich will niemand Daimler in die Green-IT-Suppe spucken. Ohne Zweifel arbeitet das RZ heute weitaus effizienter, wenn es um den Einsatz von Energie für Betrieb und Kühlung in Relation zur Rechenleistung geht. Allerdings haben die Umweltaktivisten von Greenpeace schon recht, wenn sie darauf hinweisen, dass Green IT nicht ausschließlich mit Energieeffizienz gleichgesetzt werden darf. „Über die gesamte Branche hinweg haben Unternehmen zwar für mehr Energieeffizienz gesorgt, aber bisher versagt, wenn es um den Einsatz sauberer Energie geht.“ Nur dann wären die Lösungen durch und durch „grün“. Das wird auch Audi nicht schaffen. Am Hauptsitz Ingolstadt bekommt die Technische Entwicklung derzeit eine neue Visitenkarte: Im „Forum Simultaneous Engineering“ sollen künftig 450 Mitarbeiter, verteilt auf acht Etagen, an den Automobilen der Zukunft arbeiten. Bereits ab Mitte 2012 schlägt im Keller des über 70 Millionen Euro teuren Neubaus das IT-Herz des Unternehmens: In zwei Untergeschossen finden auf einer 2000 Quadratmeter großen Stellfläche bis zu 6000 Server Platz. Alle wesentlichen IT-Leistungen für die rund 51 000 Computernutzer bei Audi werden von dort aus zur Verfügung gestellt.

Durch die niedrigen Temperaturen im Untergeschoss will Audi einen deutlich besseren Wirkungsgrad erzielen als bisher in seinen drei Ingolstädter Rechenzentren. Auf energieintensive Kompressoren soll ganz verzichtet werden. Für eine indirekte, freie Kühlung wird die Außenluft schon ab zwölf Grad Umgebungstemperatur angezapft. Dadurch soll der jährliche Energieverbrauch um etwa ein Drittel sinken. Angesichts des bevorstehenden Klimawandels ist sicher auch dieser Beitrag wichtig. Aber Green IT könnte noch weit mehr leisten, als die aktuellen Beispiele in der Automobilindustrie zeigen. „Obwohl Green IT seit Jahren auf der Agenda steht, reichen die bisherigen Anstrengungen in der Summe noch nicht einmal ansatzweise aus, um den permanent steigenden IT-bezogenen Energieverbrauch zu kompensieren. Wir stehen noch immer ganz am Anfang“, sagte Thomas Leitert, Initiator des „GreenIT Best Practice Award“ anlässlich der diesjährigen Preisverleihung Ende November 2011. Und er hat recht: Um wirkliche Erfolge zu erzielen, müsste der Fokus vielmehr auf einer von der Informationstechnologie getriebenen Ressourceneffizienz liegen. Die allerdings erfordert ein noch stärkeres Umdenken. Und das nicht nur bei den CIOs.

 

Autor: Ralf Bretting

Foto: Audi


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