“Automobilzulieferer sehen sich der bislang größten Krise ihrer Geschichte gegenüber.” So lautet das Fazit von Marcus Berret, Partner im Automotive Competence Center bei Roland Berger Strategy Consultants. “20 Zulieferer haben allein in Deutschland in den letzten drei Monaten die Waffen gestreckt. Mit deutlich mehr Insolvenzen ist zu rechnen, wenn die Produktionszahlen in der zweiten Jahreshälfte 2009 nicht wieder kräftig zulegen.”
Zurzeit sieht sich die globale Automobilindustrie mit drei weitreichenden Verwerfungen gleichzeitig konfrontiert. Bedingt durch die weltweite Rezession und das hieraus resultierende nachlassende Verbrauchervertrauen sind die Absatzzahlen an den etablierten Märkten um 20 bis 30 Prozent eingebrochen. Selbst in einigen BRIC-Ländern gehen die Verkaufszahlen zurück. Zweitens werden wegen geltender CO2-Bestimmungen und sich ändernder Präferenzen der Verbraucher deutlich mehr Klein- und Kompaktwagen zu Lasten größerer Fahrzeuge nachgefragt. Und drittens haben die Firmen aus dem Automobilsektor derzeit massive Finanzierungsprobleme, die “Liquiditätsengpässe zur Folge haben und es ihnen erschweren, sich Finanzmittel für dringend notwendige Restrukturierungsmaßnahmen zu beschaffen”, weiß Thomas Kästele, Managing Director bei Rothschild.
Weltweiter Abschwung – Autoabsatz im freien Fall
Der weltweite Autoabsatz ist 2008 um drei Prozent geschrumpft, vor allem wegen des desaströsen vierten Quartals. Während der Verkauf von Neuwagen in der NAFTA-Region um 16 Prozent und in Westeuropa um neun Prozent zurückging, verzeichneten die Märkte in Russland und der Ukraine noch Zuwächse von 16 Prozent. Inzwischen deuten die Absatzzahlen für Januar 2009 eine weitere Beschleunigung des Abwärtstrends an. “Frühestens 2012/2013 werden die Absatzzahlen an das gute Jahr 2007 anknüpfen können”, meint Felix Mogge, Project Manager bei Roland Berger. Unterdessen haben mehrere europäische Staaten Förderprogramme für die Autobranche aufgelegt. “Nachhaltige Auswirkungen aber werden diese Programme nicht haben”, dämpft Mogge die Erwartungen. “Im unteren Segment tätige OEMs mit Niedrigkostenstruktur dürften kurzfristig profitieren. Auf Anbieter aus dem Premium-Segment aber werden sich die Programme vermutlich kaum auswirken.”
Abspecken – Luxuswagen und SUV verlieren an Boden
Zu den Folgen der Krise gehört auch, dass sich die Zusammensetzung des globalen Autoabsatzes spürbar verändert. Während das Kleinwagensegment auch 2008 weiter wuchs (plus sechs Prozent), mussten Luxuskarossen (Minus 19 Prozent) und SUVs (Minus elf Prozent) kräftig Federn lassen. Und das hat erhebliche Folgen für die Marktanteile einzelner OEMs. Nahezu alle Firmen mit starker Ausrichtung auf das Luxus- und SUV-Segment mussten Marktanteile abgeben. Einige stärker auf Kleinwagen fokussierte OEMs hingegen konnten ihren Absatz sogar steigern: Skoda und Suzuki beispielsweise um rund zehn Prozent.
Alles andere als rund läuft es inzwischen weltweit auch für die Nutzfahrzeugsparte. Einst attraktive “Nischen”-Segmente wie Lkw oder Baufahrzeuge stehen heute so stark unter Druck wie noch nie. “Wir verzeichnen Rückgänge von bis zu 80 Prozent“, erläutert Berret. “Von Neuaufträgen im ersten Quartal 2009 praktisch keine Spur.”
Rentabilität der Autozulieferer erreicht historisches Tief
Inzwischen müssen die Automobilzulieferer zusehen, wie sich ihre Finanzkennzahlen rapide verschlechtern. So ist ihre Rentabilität weltweit auf eine Rohertragsmarge von nur noch drei Prozent abgeschmolzen – 2007 waren es noch 5,4 Prozent. “Für 2009 prognostizieren wir ein Allzeittief mit einer geschätzten EBIT-Marge um null Prozent”, lautet Berrets düstere Prognose.
Anders als in früheren Abschwungphasen können die Zulieferer derzeit fehlenden Kapitalzufluss aus laufender Geschäftstätigkeit nicht durch frisches Kapital seitens der Eigentümer oder der Kapitalmärkte ausgleichen. Immer zurückhaltender zeigen sich zudem die Kreditversicherer, was die bis dato praktizierte Liquiditätssteuerung mittels Factoring praktisch unmöglich macht. “Viele Zulieferer wenden sich auf der Suche nach Liquidität deshalb bereits an ihre Kunden. Aber für alle ist nicht genug Bares da”, sagt Kästele und ergänzt: “Nur systemrelevante Zulieferer mit nachhaltigem Geschäftsmodell werden überleben.”
Prioritäten der Unternehmens- und Finanzvorstände für 2009
Die Krise überstehen wird unter den Zulieferern nur, wer sich auf zwei Dinge konzentriert: Auf das Sicherstellen kurzfristiger Liquidität und die Restrukturierung der Geschäftsabläufe, um die massiven Überkapazitäten am Markt abzubauen. “Krisen eröffnen denen Chancen, die stabil sind und seit Jahren gut wirtschaften”, so Berrets Einschätzung. In etlichen Segmenten der Zuliefererbranche tummeln sich zahlreiche kleine Anbieter. Erhebliche Überkapazitäten sind an der Tagesordnung. “Diese Krise historischen Ausmaßes hält damit für jene Zulieferer Chancen bereit, die die Konsolidierung und Restrukturierung ihrer Unternehmen und Märkte nicht nur mitmachen, sondern diesen Prozess aktiv vorantreiben”, ist Kästele überzeugt. (ots)





