| von Hilmar Dunker

eue Ideen haben immer etwas Fragiles. Sie können an unterschiedlichen Punkten im Unternehmen entstehen – und leicht ungehört verhallen. Damit Ideen wachsen und sich in handfeste Produkte oder Lösungen umsetzen lassen, bedarf es einer Unternehmenskultur, die ausgerichtet ist auf Neues, auch Spontanes. Zugleich ist Inspiration gefragt, die sich durch immer neuen Input an Informationen speist. 800 Milliarden Euro wird die deutsche Automobilindus-trie bis 2015 in FuE-Budgets investieren, schätzen Experten. Bis zu 40 Prozent davon voraussichtlich nicht zielgerichtet: In Themen, die nie beim Autofahrer ankommen werden. Aus Sicht von Juergen Reiner, Partner bei der Unternehmensberatung Oliver Wyman und Experte für IT in der Automobilindustrie, fehlt vielfach ein durchgängig verankerter Innovationsprozess – vom Kundenwunsch bis zur Umsetzung im Fahrzeug. Aber es gibt auch Beispiele für Unternehmen, die sich keine Idee entgehen lassen. „Innovation muss mit leistungsfähigen Prozessen unterlegt werden, um Struktur ins Trial-and-Error-Vorgehen zu bringen“, sagt Peter Post, Forschungsleiter bei der Festo AG. Dabei hilft dem Hersteller von Antriebstechnik eine eigenentwickelte Kommunikationsplattform auf Basis von MS SharePoint-Technologie, die alle interessanten Inhalte für unterschiedliche Informationsbedarfe und Anwendergruppen umfasst. 9,5 Prozent des Umsatzes investierte Festo 2010 in Forschung und Entwicklung. „Innovationskultur heißt für uns: Wir üben ständig, über unseren Tellerrand hinauszuschauen“, sagt der Forschungsleiter.

Dazu arbeitet Festo mit einer Zukunftsthemenfelddefinition, die in ein so genanntes „Future Radar“ resultiert. Für die Trend-Erkennung werden kontinuierlich Themen im Internet und anderen Medien über Alerts und RSS-Feeds verfolgt. So genannte Paten sind jeweils für die vielversprechenden Themen und deren Verfolgung zuständig, ein aktueller Themen-Snapshot steht jederzeit auf der Plattform zur Verfügung. „Entscheidend ist, alle Informationen systematisch an einer Stelle zusammenzutragen, an der sie leicht und schnell recherchierbar sind“, so Post. Seit über zwei Jahren arbeitet der Esslinger Hersteller an seiner Innovationsmanagement-Lösung. Viele FuE-Projekte werden gemeinsam mit den Kunden entwickelt. Die Entwicklungsbereiche und das Management legen regelmäßig fest, welche Entwicklungs-Topics weiter verfolgt werden und welche konkreten Lösungen entstehen sollen. Besonders wichtig sei es, bei Projekten im Rahmen technischer Voruntersuchungen, die einer bestimmten Fragestellung nachgehen, einen genauen Anforderungskatalog zu etablieren, der beschreibt, wann und ob ein Thema konsequent weiterverfolgt wird, damit weder Kosten noch Aufwand aus dem Ruder laufen.

Wer die Software nicht selbst basteln will, wird am Markt fündig. „Der Anbietermarkt ist breit gestreut“, berichtet Antonino Ardilio, beim Fraunhofer-Institut IAO zuständig für das Thema Software für das Innovationsmanagement. „Es gibt drei Arten von Lösungen: Produkte, die einzelne Phasen abdecken, wie zum Beispiel die Ideenbewertung, Anwendungen, die mehrere Phasen abbilden und Gesamtlösungen“, so Ardilio. Deshalb sei es sehr wichtig, sich im Vorfeld klar zu werden, welche Lösung in Betracht komme. „Wir sehen in der Praxis häufig, dass die bestehende IT-Infrastruktur den Ton vorgibt. Dann fällt die Entscheidung mit Rücksicht auf Schnittstellen zu vorhandenen Systemen wie Lotus Notes oder SAP, auch wenn andere Lösungen vielleicht interessante Features oder bessere Performance zu bieten haben“, so Ardilio weiter. Komplettlösungen seien aufgrund gewachsener Infrastrukturen selten. Ein beliebter Trugschluss sei es, dass die Software alles richten werde: Wo die Mitarbeiter zugeknöpft sind und Abteilungen nicht miteinander reden, müssten zunächst kulturelle Probleme beiseite geräumt und ein Innovationsprozess definiert und etabliert werden.

Welche Rolle aber spielt die IT-Abteilung beim Thema Innovation? „Automotive-CIOs klagen zunehmend, dass bei weitem nicht alle Potenziale der IT ausgenutzt werden, um Innovationsprozesse zu stützen oder direkt kundenrelevante Funktionen und Services ins Fahrzeug einzubringen“, erzählt Reiner. Noch werde die IT von den Fachbereichen zu sehr auf „traditionelle“ Disziplinen wie IT-Infrastruktur und Anwendungsmanagement beschränkt. Die „Co-Creation“, das Einbeziehen des Kunden in die Entwicklung, ist ein Stichwort, bei dem die IT gefragt ist. Zudem machen zunehmend die Car-IT mit Apps im Fahrzeug und neue Mobilitätskonzepte wie Car2go auf sich aufmerksam, die einen hohen Anteil an Informationstechnologie haben. „Wir haben kürzlich über 100 in letzter Zeit publizierte Innovationen im Auto ausgewertet: Über 80 Prozent davon wären ohne Software undenkbar“, weiß Reiner. Meist aber ist die FuE-Abteilung dafür zuständig. „Da umfassende IT- und Softwarekompetenz bei den CIOs liegt, entsteht durch den Wissenstransfer im Unternehmen eine gute Möglichkeit, die Ecke als reiner Infrastrukturdienstleister und Kostenfaktor zu verlassen“, meint der Unternehmensberater. Dazu gehört auch Mut, ganz ähnlich wie beim Erfinden selbst: „Forschungsarbeit hat immer mit Risiko zu tun, zu diesem Risiko muss man sich bekennen“, konstatiert Post. Vielleicht gilt also für das Thema Innovation ein alter Rat von Arthur Schnitzler: „Du fragst mich, was soll ich tun? Und ich sage: Lebe wild und gefährlich.“

 

Autorin: Daniela Hoffmann