LTE.carIT
| von Werner Beutnagel

Doch auch mit LTE-Geräten nach heutigem Standard lässt sich einiges erreichen. Das Streaming von Audio- oder gar Videoinhalten, für UMTS-Nutzer eine eher dornenreiche Erfahrung, kann per LTE in durchaus anspruchsvoller Qualität realisiert werden. Inhalte können direkt aus dem Internet bezogen werden, die Beschränkung auf die DVD-Konserve entfällt. Damit ausgestattete Autos werden somit zum Wohn- und Multimediazimmer – vor allem für die Passagiere auf den hinteren Sitzen, denn für den Fahrer verbietet sich natürlich der Videogenuss während der Fahrt. Aber Bandbreite ist nicht das einzige Pfund, mit dem die neue Mobilfunktechnik wuchern kann. Sie bietet zudem kurze Latenzen und schnelle Turnaround-Zeiten. Das ermöglicht ein schnelles, agiles Hin und Her zwischen den Teilnehmern, wie es etwa bei Online-Spielen erforderlich ist, um den Spielablauf flüssig zu halten. Mit diesen Eigenschaften kann LTE locker mit dem Festnetz mithalten und dieses sogar teilweise übertreffen, versprechen Netzbetreiber und -ausrüster unisono. Zwar sind Computerspiele am Steuer eher nicht Teil des Szenarios, das automobile Infotainmenthersteller und Content-Anbieter entwerfen. Dem Nachwuchs auf dem Rücksitz könnte man damit aber durchaus lange Reisezeiten verkürzen. Und allen Nutzern im Auto ließe sich ein Internetangebot aus Informationen und Unterhaltung bieten, das demjenigen fest verkabelter User schon sehr nahe käme.

Mit dem Angebot von Videostreams, Mails, Informationen und Online-Games ist das Anwendungspotenzial von LTE im Auto allerdings mitnichten ausgeschöpft. Die Kombination aus Bandbreite und kurzen Reaktionszeiten verleiht der Fantasie der Entwickler innovativer Anwendungen Flügel. LTE bietet erheblich verbesserte Möglichkeiten, das Connected Car auf neue Weise Realität werden zu lassen. „Damit kommt nicht das Internet ins Auto, sondern das Auto ins Internet“, bringt es Juergen Reiner auf den Punkt, Partner bei der Managementberatung Oliver Wyman. LTE könnte nicht nur neue Anwendungen ermöglichen, sondern damit letztlich auch den Boden für innovative Geschäftsmodelle bereiten. Stakeholders in diesem Spiel sind nicht nur die Autohersteller, sondern auch weitere Gruppen – etwa die Anbieter von Telekommunikationsdienstleistungen, von Telematikdiensten oder gar Versicherungen. Experten sehen drei mögliche Entwicklungsrichtungen für die LTE-Anwendungslandschaft: Die erste betrifft das klassische Infotainment. Hier wird die hohe erzielbare Qualität der Audio- und Videostreams nicht nur neue Kunden anlocken, sondern zudem die im Internet bereits etablierten Distributions- und Geschäftsmodelle auch im Auto verankern.

Die zweite Entwicklungsrichtung ist näher am Auto – und aus der Sicht der OEMs sicherlich ein heißes Eisen, schätzt Reiner. Die hohe Bandbreite von LTE bietet sich nämlich dazu an, die im Auto installierte Software und Firmware regelmäßig auf dem aktuellen Stand zu halten. Erforderlichenfalls ließe sich damit ein Auto sogar komplett neu flashen – ohne lästigen Werkstattaufenthalt, ohne Wartezeiten, und immer dann, wenn ein neuer Releasestand das opportun erscheinen lässt. In bestimmten Fällen würden damit unter Umständen sogar Rückrufaktionen überflüssig werden – nämlich dann, wenn sich ein erkannter Fehler durch einen Austausch der Software beheben ließe. Die Möglichkeit, ohne Werkstattaufenthalt eine Software im Auto zu modifizieren, dürfte aber bei nicht wenigen Autofahrern und auch bei den Herstellern selbst ein gewisses Unbehagen aufsteigen lassen. Solche Pläne sind daher kaum ohne begleitende massive Sicherheitsmaßnahmen vorstellbar. Gut möglich, dass derartige Verfahren zuerst dort eingeführt werden, wo es nicht um die Sicherheit geht, nämlich im Infotainment. Bei Home-Computern und auch bei Handys sind ja Softwareupdates ohne Eingriff des Nutzers bereits gelebte Realität; nur wenige Anwender machen sich noch die Mühe, solche Vorgänge selbst zu überwachen. Hat sich das automatische Softwareupdate im Infotainment erst einmal etabliert, so könnte es Schritt für Schritt auch in anderen Bereichen des Fahrzeugs Realität werden. Der dritte wahrscheinliche Entwicklungspfad weist dagegen in Richtung Big Data: Alles, was das Auto an verwertbaren Daten produziert, wird wohl irgendwann auch aus dem Fahrzeug hinaus transportiert und den möglichen Interessenten zugeführt werden. Die Anwendungsmöglichkeiten sind vielfältig, der Fantasie der Datenverwerter sind keine Grenzen gesetzt. Das Spektrum denkbarer Szenarien und Applikationen reicht von präziseren Methoden zur Verkehrsflusssteuerung bis zur Verlagerung vieler zurzeit lokal im Auto gespeicherter Daten in die Cloud. So könnten die Kameras in den Autos bei der Fahrt durch die Innenstadt die Parklücken abfilmen; die Daten ließen sich zur Implementierung von Echtzeit-Parkleitsystemen nutzen.

Unter Herstellern entlang der Automobilwertschöpfungskette wird seit einiger Zeit die Verlagerung vieler Rechenprozesse aus dem Auto in die Cloud diskutiert – etwa die Auslagerung von Sprachsteuerungen in die Cloud. LTE wäre eine gute Basis dafür. Auch persönliche Adressbücher, Navigationsziele und Landkarten wären in der Cloud besser aufgehoben als im Auto, denn sie würden mobil und übertragbar: In einem Leihwagen hätte der Benutzer sofort seine persönliche Datenumgebung zur Verfügung. Überhaupt empfiehlt sich LTE als leistungsfähige Verbindung zwischen Dienstleister oder Cloud einerseits und Fahrzeug andererseits. „Mit LTE entfällt ein Hindernis für solche Anwendungen – die mangelnde Bandbreite“, sagt Reiner. Doch diese Möglichkeiten werden heute noch weitgehend im Konjunktiv diskutiert. Bevor sie Wirklichkeit werden können, müssen Servicekonzepte, Business Cases und Geschäftsmodelle erst noch entwickelt werden. Vor allem aber sind erhebliche Hürden zu meistern, die zum Teil in der Infrastruktur, zum Teil aber auch im LTE-Konzept selbst liegen. In Deutschland ist das LTE-Netz seit zwei Jahren im kommerziellen Betrieb. Erst im vergangenen November hat die Bundesnetzagentur eine „flächendeckende Grundversorgung“ festgestellt. Die Netzbetreiber brüsten sich nun, dass Deutschland innerhalb Europas eine Spitzenstellung einnehme. Das bedeutet allerdings nicht unbedingt, dass LTE lückenlos verfügbar ist. Bei Fahrten ins europäische Ausland dürften die weißen Flecken auf der LTE-Karte sogar noch deutlich größer sein. Nach Aussagen von Verbänden und Infrastrukturanbietern wird der Ausbau des LTE-Netzes noch mindestens zwei bis drei Jahre in Anspruch nehmen. Autos haben die Eigenschaft, sich fortzubewegen. Daher sind sie, besonders wenn die Fahrt ins Ausland geht, in besonderer Weise von funktionierendem Roaming abhängig. Das aber ist gegenwärtig noch nicht einmal im Ansatz erkennbar – weder innerhalb Deutschlands zwischen verschiedenen Netzbetreibern noch zwischen deutschen und ausländischen Betreibern. Eine weitere Kinderkrankheit des ach so modernen Netzes: Man kann damit so manches tun, aber Telefonieren geht nicht. Für Sprachverbindungen müssen sich heutige Endgeräte in das UMTS-Netz einwählen. „Carrier Grade Voice funktioniert bei LTE noch nicht so richtig“, räumt ein Sprecher der Telekom ein. Zum Telefonieren können LTE-Nutzer zwar auf VoIP-Dienste wie Skype zurückgreifen oder eine UMTS-Verbindung nutzen. Nicht jeder wird das aber als vollwertige Lösung akzeptieren.

Das größte Problem für international benutzbare LTE-Knoten liegt aber nach Auffassung von Gunnar Heine, Chef der Telekommunikations-Unternehmensberatung Inacon, in der heillosen Zersplitterung der Frequenzbänder. Weltweit sind für den Betrieb von LTE-Netzen bis zu 41 verschiedene Frequenzbereiche vorgesehen. Und sie alle mit einem einzigen Gerät zu bedienen, ist schwierig bis unmöglich. Im Vergleich zu früheren Mobilfunkgenerationen sei die Lage bei LTE ungleich komplexer, erklärt Heine. Der Grund: Bei der Vergabe waren nur noch weit verteilte Frequenznischen frei. Anbieter von LTE-Endgeräten – und dazu zählen auch in Autos installierte LTE-WLAN-Umsetzer – stellt diese Zersplitterung vor Probleme: Produkte für den Export müssen je nach Zielland unterschiedlich ausgestattet werden, die Zahl der Varianten explodiert. Und fährt so ein Auto von einer Zone in eine andere, bleibt dem LTE-Benutzer unter Umständen nur eine Notlösung: Umschalten auf langsame UMTS- und GSM-Mobilfunknetze. Die Netzbetreiber tun dies alles als „Anlaufschwierigkeiten“ ab. „Das war bei UMTS ja auch nicht anders“, ist beispielsweise von der Telekom zu hören. Das Thema werde jetzt vordringlich angegangen. Das könne zwar noch dauern. Aber, auch darauf verweist man bei den Netzanbietern gerne, die Entwicklung einer Autogeneration mit integriertem LTE-Netzanschluss dauere ja mindestens ebenso lange.

Autor: Christoph Hammerschmidt

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