Auszubildende bei BMW halten ein Schild in die Kamera, dass sie von zu Hause aus lernen.

Auszubildende bei Autoherstellern profitieren von der weiter fortgeschrittenen Digitalisierung. Foto: BMW

| von Yannick Tiedemann

Das längst noch nicht besiegte Coronavirus hat im Frühjahr nicht nur die Produktionsstraßen der Autohersteller weltweit zum Erliegen gebracht, auch mussten abertausende Beschäftigte ins Homeoffice. Was dabei häufig ein wenig unter den Tisch fällt, ist die Tatsache, dass durch die Auswirkungen der Pandemie auch viele Auszubildende von einem auf den anderen Tag keinen physischen Ort mehr hatten, weiter an ihren Qualifikationen zu feilen. Ausbildungswerkstätten und Berufsschulen machten analog zum Shutdown der Werke dicht.

Glücklich konnten sich diejenigen schätzen, die bei einem Autobauer oder Zulieferer lernen, die schon vor der Coronakrise ihre Ausbildungskonzepte zu einem Teil digitalisiert hatten. Und das sind auch jenseits der Branchengrenzen erfreulicherweise gar nicht so wenige: Wie eine neuerliche repräsentative Studie des Projekts „Netzwerk Q 4.0“ des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zum Digitalisierungsstand in der Ausbildung zeigt, setzen bereits 85 Prozent der deutschen Unternehmen digitale Lernmethoden in der dualen Ausbildung ein. Zu solchen Angeboten zählen unter anderem Wissensbibliotheken, Wikis oder Onlineforen und andere digitale Arbeitsmittel.

Lernökosystem für die Berufsausbildung

Besonders schnell auf die Pandemie-Umstände in der Berufsausbildung reagiert hat BMW. Der bayerische Autobauer hat im April als Überbrückungsmaßnahme über alle Standorte hinweg die mobile Ausbildung eingeführt. „Wir ziehen zur Umsetzung der mobilen Ausbildung Theorieinhalte im Ausbildungsverlauf nach vorne und verschieben Praxisanteile wie Einsätze in Werkstätten nach hinten. Für die Azubis bedeutet das derzeit: Ihr gesamter Ausbildungsalltag findet im Homeoffice statt“, sagte BMW-Personalvorständin Ilka Horstmeier.

Dabei profitiert der Premium-OEM jetzt davon, frühzeitig in die Digitalisierung der Ausbildungsinhalte investiert zu haben. Dazu gehört neben neuen digitalen Kollaborations- und Lernplattformen auch die Schaffung der technischen Voraussetzung in Form von mobilen Endgeräten. Im vergangenen Jahr stellte BMW seinen Azubis multifunktionale Kopfhörer, Smartphones sowie rund 1600 Laptops mit Microsoft Office 365 zur Verfügung.

„Wir haben ein Lernökosystem für die Berufsausbildung aufgebaut, das nun zuverlässig für die Ausbildung in Mobilarbeit genutzt werden kann. Durch moderne Hardware und innovative Lehr- und Lernmethoden ermöglichen wir den Auszubildenden und Ausbildern, überall mit individueller Geschwindigkeit zu lernen“, sagt Nadja Gschaider, die bei BMW neben der Leitung der Berufsausbildung München auch die Steuerung der Ausbildungsstandorte weltweit verantwortet.

Doch das Vorhandensein mobiler Endgeräte wird die Berufsausbildung nicht ins digitale Zeitalter hieven. Im Münchener Autokonzern wird daher zusätzlich auf digitale Lernplattformen gesetzt: Das Learning-Management-System eCademy etwa ist speziell auf technische Ausbildungsberufe zugeschnitten. Hinzu kommen Plattformen der unternehmensinternen BMW Group Academy, die Onlinequalifizierungen zu „Digitalisierung in der Produktion“ mit Themen wie künstliche Intelligenz, Programmierung und agile Methoden ermöglichen.

Standortübergreifender Zugriff auf Lerninhalte

Auch bei den Ford-Werken in Köln und Saarlouis mussten die Auszubildenden in der Hochphase der Coronakrise nicht Däumchen drehen. 115 von den 470 Azubis wollten noch diesen Sommer ihre Prüfung ablegen, mussten jedoch einen Großteil der Lernphase von zuhause aus bestreiten. Ford stellte ihnen dafür ebenfalls Laptops und Tablets zur Verfügung und verlagerte zahlreiche Schulungsstunden über Webkonferenzen und digitale Lernplattformen in die Onlinewelt. Nur noch ein geringer Anteil des Lehrmaterials besteht aus Arbeitsblättern, die ausgeteilt und nach Bearbeitung wieder eingesammelt werden. Mittlerweile laufen die Bänder an Rhein und Saar wieder und auch die Auszubildenden sind ins Ford-Ausbildungszentrum zurückgekehrt.

In Ingolstadt und Neckarsulm profitieren die Nachwuchskräfte von Audi von einer im vergangenen Jahr eingeführten digitalen Lernplattform, die einen standortübergreifenden Zugriff auf die verschiedenen Lerninhalte ermöglicht. Trainer und Auszubildende können über ihren personalisierten Onlinezugang auf Firmentablets oder -computern Inhalte, Wissen und Aufgaben miteinander teilen.

„Schon seit einigen Jahren kommen in der Ausbildung bei Audi digitale Lehrmethoden zum Einsatz – das zahlt sich jetzt in der Coronakrise aus“, erzählt Christoph Hermreck, beim süddeutschen OEM verantwortlich für die Koordination der Berufsausbildung. Und er ergänzt: „Wir erleben gerade einen regelrechten Push in puncto digitales Lernen.“

Zu wenig Digitalisierung

Damit dieser Antrieb, die Ausbildung mehr und mehr ins Digitale zu verlagern, keine endotherme Reaktion bedingt durch die Corona-Pandemie bleibt, ist eine strategische Verankerung des digitalen Lernens nicht nur bei den Unternehmen der Autoindustrie vonnöten. Laut der IW-Studie beschäftigen sich nur 36 Prozent aller Firmen bereits intensiv mit der Digitalisierung der Ausbildung.

„Betriebliche Ausbildung sollte jedoch systematisch an die Veränderungen, die sich durch die Digitalisierung ergeben, angepasst werden. Es ist wichtig, dass sich das Berufsbildungspersonal fortlaufend digitale Kompetenzen aneignet, um die zur Verfügung stehenden Lernmedien sinnvoll einsetzen zu können“, bekräftigt IW-Forscherin Paula Risius.

BMW hat seine Spielregeln zum mobilen Arbeiten im vergangenen Jahr gemeinsam mit dem Betriebsrat festgezurrt: Die Betriebsvereinbarung Mobilarbeit setzt fortan einen klaren Rahmen für die mobile und digitale Ausbildung.

 

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