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| von Claas Berlin

Kontrastprogramm am Porscheplatz 1 in Stuttgart-Zuffenhausen: Gegenüber dem industriell geprägten Autowerk steht ein futuristischer Bau. Die silbern-metallische Architektur thront auf massiven steinernen Stelzen, auf der Glasfront ist mit großen Lettern angebracht: „Porsche Museum“. Direkt hinter dem Eingang befindet sich linker Hand das Bistro Boxenstopp, wo sich wissbegierige Museumsbesucher stärken können. Dann geht es mit der Rolltreppe hoch zur Ausstellung: Vorbei an Ferdinand Porsches erstem Wagen, dem legendären 356 und dem Ur-911er bis zu aktuellen Modellen des Sportwagenbauers. Im Restaurant Christophorus lässt sich dann das Erlebte sprichwörtlich verdauen. Zumindest wenn man tatsächlich vor Ort ist. Denn der Weg durch die Erlebniswelt des Traditionsherstellers lässt sich vollständig digital zurücklegen. Seit Kurzem sogar mit persönlichem Guide. Porsche hat sein Museum einer Digitalisierungskur unterzogen.

Und so kann der Nutzer am heimischen Computer die Sonderausstellung „Neue Wege. Jedes Ziel. Immer Porsche“ erleben – inklusive eigenem Museumsführer, der Exponate per Smartphone-Kamera und Headset vorstellt. Der Grund für die Einführung dieser virtuellen Erkundung liegt auf der Hand: Auch Porsche-Fans, die eine zu weite Anreise hätten, sollen den Sportwagengeist aufsaugen können. „Ob USA, China oder Brasilien – aus allen Ländern und Regionen der Welt kann man sich bei uns online einwählen. Dabei haben die Nutzer das Gefühl, sich direkt in der Ausstellung zu befinden“, sagt Achim Stejskal, Leiter des Porsche-Museums. Die Lösung wurde gemeinsam mit Thilo Koslowski und der Porsche Digital GmbH sowie dem Startup GoInStore umgesetzt.

Doch das ist längst nicht alles. Mit Microsofts Mixed-Reality-Brille HoloLens kann sich der Museumsbesucher die Formensprache und klassischen Designmerkmale von Porsche am Beispiel eines 911er erklären lassen – per Hologramm von Designchef Matthias Kulla persönlich. Und gemeinsam mit dem Startup Evopark, an dem Porsche Digital seit letztem Jahr beteiligt ist, wurde der Parkvorgang am Museum digitalisiert und durch eine App sowie Parkkarte vereinfacht. Damit hat Porsche seine Erlebniswelt ein gutes Stück in die digitale Ära gehievt. Wird die Liste der innovativen Präsentationsmethoden künftig noch länger? „Definitiv! Um die digitale Transformation weiter voranzutreiben, stellen wir uns im digitalen Zeitalter immer wieder aufs Neue die Frage, wie ein Museumsbesuch digital und spannend gestaltet werden kann“, sagt Stejskal gegenüber automotiveIT. Der Museumschef hat bereits eine Vorstellung davon, was in Zukunft im Lastenheft stehen soll: „Interaktion steht im Fokus. Wir wollen neuartige personalisierte, multimediale und interaktive digitale Erlebnisse schaffen.“

Porsche ist nicht der einzige Autobauer, der in seinem Museum auf die Kombination aus physischen Exponaten und digitalen Präsentationsformen setzt. Besonders das Thema Virtual Reality liegt auf der Hand und hält bei vielen Herstellern Einzug. So setzt etwa Porsches Konzernmutter Volkswagen in der Autostadt in Wolfsburg auf VR-Brillen: Nutzer können im VW-Pavillon eine virtuelle Probefahrt durch Barcelona im Showcar I.D. Crozz erleben. Zudem legt der OEM in der Ausstellung „Level Green – die Idee der Nachhaltigkeit“ bereits seit Jahren Wert auf multimediale Präsentationsangebote. Ähnlich das Bild in München: BMWs Markenzentrum – die BMW-Welt – nutzt bereits seit zehn Jahren digitale Technologien: VR-Brillen, Projection Mapping, Kinect-Anwendungen, 30 Quadratmeter große LED-Screens und interaktive Stationen sind nur einige Beispiele.

Das gilt auch für das Museum der Münchener: „Der Einsatz von VR-Brillen ist auch für die kommende BMW- i-Ausstellung im BMW-Museum geplant“, erklärt Ralph Huber, Leiter des BMW-Museums, auf Anfrage von automotiveIT. Vorreiter sind die Bayern auch beim Einsatz der sogenannten iBeacons: Die Sender liefern über Bluetooth Low Energy automatisch Informationen per Push-Nachricht an die dazugehörige Smartphone-App, sobald sich der Nutzer dem Beacon – angebracht etwa an einem Exponat – nähert. Bereits seit drei Jahren ist die Apple-Technik in der BMW-Welt im Einsatz. „Die Beacon-Technologie ist sehr sinnvoll bei der smarten Infovermittlung, wenn Smartphone oder App schon bei der Annäherung an ein Exponat Informationen aufnehmen“, sagt Zana Koval, Leiterin Vertrieb und Marketing der BMW-Welt. Allerdings muss sie auch Verbesserungspotenzial eingestehen: „Wir haben festgestellt, dass die Kommunikationsmaßnahmen verstärkt werden müssen, um ausreichend Traffic zu generieren.“

Digitale Technologien bieten den Automuseen die Möglichkeit, dem Besucher Informationen und Entertainment interaktiver und spannender zu vermitteln. Das Markenerlebnis wird nochmals gestärkt. Könnten diese historischen Autowelten nicht gleich vollständig in den Cyberspace wandern? Nein, lautet der Tenor der Experten. „Wäre das Markenerlebnis vollständig digital transportierfähig, könnte man alle Inhalte ins Internet stellen. Museen leben gerade vom Gegenteil: von der Aura des originalen Objekts und von begehbaren Räumen“, ist sich BMW-Mann Huber sicher. Mehr noch: Im Zeitalter technischer Reproduzierbarkeit und digitaler Transformation wird die Präsenz des unverfälschten Originals sogar noch mehr an Bedeutung gewinnen, ist der Leiter des BMW-Museums überzeugt. Dem stimmt auch Achim Stejskal von Porsche zu: „Zur Identifikation mit der Marke Porsche und um das Eintauchen in die Porsche-Welt perfekt zu machen, bieten wir unseren Besuchern ein Spektrum von haptischen und didaktischen Erlebnissen im Museum, die rein digital in diesem Umfang nicht transportierbar wären“, sagt er. Das hat letztlich doch etwas Beruhigendes: Das Museum als Hort physisch erlebbarer Geschichte muss wohl selbst nicht darum bangen, durch Bits und Bytes ersetzt zu werden. Gegenseitig ergänzen können sich die beiden Welten aber allemal.

Autor: Pascal Nagel

Fotos: Porsche, VW

Dieser Artikel erschien erstmals in der automotiveIT 12/2017