Ein Meeting auf der Arbeit, bei dem alle den Taptop auf dem Tisch haben und jemand an einer Tafel steht.

Die Automobilbranche könnte durch Quereinsteiger von einer neue Denkweise profitieren.

| von Chris Löwer

Vom Entwicklungsingenieur über den Produktioner bis zum Vertriebler: Wer glaubt, mit einem beherzten „Weiter so!“ als profunder Branchenspezialist gut zu fahren, wird seine eigene Karriere, wenn nicht gar ein ganzes Unternehmen, gegen die Wand fahren. Branchenkenner zu sein und ein tiefes technisches Verständnis vom jeweiligen Fachgebiet zu haben, reicht nicht mehr – siehe Verbrenner. Nie waren Silodenker und detailverliebte Fachleute gefährlicher als heute.

„Wir erleben derzeit, wie disruptive Technologien ganze Industrien verändern“, sagt Peter Fintl, Director Technology & Innovation bei der Technologie- und Innovationsberatung Altran, „Gleichzeitig gewinnt das Thema Konvergenz stetig an Bedeutung. Branchen werden enger miteinander verflochten – etwa in den Bereichen Mobilität und Energie.“ Nur ein Beispiel, an welchen Stellen die Autoindustrie gerade mächtig durchgeschüttelt wird, um fit für das neue Jahrtausend zu werden. Dinos mit zu eng geschnittener Branchendenke werden Probleme bekommen: „Als Führungskraft ist es heute dringend erforderlich, interdisziplinär über Branchengrenzen zu blicken, neue Trends und Anwendungen zu verstehen“, betont der Innovationsexperte.

Niedergang ganzer Industriezweige

Natürlich hat gerade der Standort Deutschland jahrzehntelang von der Fachkenntnis seiner Ingenieure profitiert, was leistungsfähige Branchen wie den Maschinen- und Automobilbau erst möglich gemacht haben, merkt Geoffrey de Lestrange, Product Marketing & Communication Director EMEA des Personalentwicklungsunternehmens Cornerstone OnDemand, an.

Allerdings muss er das Lob an entscheidender Stelle relativieren: „Der Fokus auf Technik allein hat hierzulande aber auch zu strategischen Fehlentscheidungen geführt, etwa was die Weiterentwicklung von Technologien angeht.“ Was sich am Niedergang ganzer Industriezweige wie der Elektronik-, der Foto- oder zuletzt der Computerindustrie studieren lasse. Unschön, wenn sich die Autoindustrie dereinst in diese Aufzählung einreihte.

Spitzenreiterrolle als Negativpunkt

Anhand der deutschen Vorzeigeindustrie lasse sich studieren, wie allzu ausgeprägte Branchenkenntnis von Entwicklern und Entscheidern zu Denkfehlern und Missmanagement führten: „Die Autoindustrie hat sich in den letzten zehn Jahren zu sehr darauf verlassen, dass der Verbrenner noch lange Zeit der wichtigste Antrieb sein würde“, beklagt Lestrange, „Kaum jemand wird die technische Kompetenz und Führungsrolle deutscher Hersteller in diesem Bereich anzweifeln. Heute muss man jedoch fragen, ob diese Spitzenreiterrolle den Blick nach rechts und links verstellt hat.“

Die Branche sei mit dem gesellschaftlichen Schwenk in Richtung Elektroautos über Nacht in eine Krise geschlittert, die schwer zu überwinden sein werde: „Nicht zuletzt aufgrund der Coronakrise ist heute die Unsicherheit sozusagen sicher.“ Die wiederum könne ein Weckruf sein, auch hier die dringend nötige digitale Transformation dramatisch zu beschleunigen.

Verhindern von Branchenblindheit

Damit das gelingt, muss jeder, vom Entwicklungsingenieur bis zum Konzernchef, an seinem Mindset arbeiten – weg von zu starker Fokussierung. Denn die leitet allzu gern in Sackgassen. So führe etwa große Technikverliebtheit von Ingenieuren dazu, dass es ihnen schwerfällt, um die Ecke zu denken, meint Lestrange: „Unternehmen sollten an dieser Stelle gezielt Freiräume schaffen, in denen neue Entwicklungen und Technologien auf ihr Potential hin eingehend betrachtet werden.“ Jeder ist aufgerufen, selbst seinen Horizont zu erweitern, um Branchenblindheit zu verhindern.

„Digitales Lernen und Weiterbildung kann hier helfen“, sagt Lestrange, „Aber auch Künstliche Intelligenz, die aus den Fähigkeiten und Kompetenzen des Mitarbeiters prognostizieren kann, welche Weiterbildung oder welches neue Themenfeld für ihn interessant sein könnte.“ Damit spricht er auf neue digitale HR-Tools an, durch die Teams zukunftsfest gemacht werden können. Allerdings werden solche Werkzeuge in der Personalarbeit noch kaum eingesetzt. Höchste Zeit also, dass auch Personaler ihren Blick weiten und in der digitalen Welt ankommen.

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