schulte wolters IBM IBM Blochchain Summit

IBM-Experte Christian Schultze-Wolters auf dem IBM Blockchain Summit im Berliner Bikini Haus. Bilder: Daniela Hoffmann

Sich herantasten beschreibt den Blockchain-Ansatz von BMW wohl am besten. Eine wichtige Botschaft aus der Praxis lautete auf dem IBM Blockchain Summit dabei: Blockchain ist kein IT-Thema, sondern ein Business-Thema. „Wir haben immer noch so viele Fragen, die wir nicht beantwortet haben“, scherzt Heiko Musa, Emerging Block Chain Strategist der BMW Group. Doch trotz der offenen Fragen, gerade auch zusammen mit den Fachbereichen, habe man trotzdem eine Lösung im Bereich Supply Chain konstruiert.

Vieles ist anders mit der neuen Technologie und muss ganz neu gedacht werden. Blockchain sei eben nicht transaktional, während man traditionell aber in einer eher sequentiellen Transaktionskette unterwegs sei, die man gut im Griff habe, meint Musa: „Mit Blockchain haben wir verteilte Systeme – da sind zum Beispiel mehr Stakeholder drin“. In der neuen Welt produziere man nicht mehr nur ein Fahrzeug, sondern auch Sensordaten, es gebe komplexe Lieferketten, die sich mit Themen wie Brexit oder Zöllen auseinandersetzen müssen. „Mit verteilten Lösungen kommen wir zu wahnsinnig  komplexen Fragestellungen“, so der BMW-Blockchain-Experte. Wer bereits Erfahrung mit BPM-Systemen (Business Process Management) und dem Abbilden von Prozessketten habe, wisse:  Je komplexer die Themen sind, desto eher sagten IT-Abteilungen: Das verstehen wir nicht, das ist zu komplex.

„Wir haben immer noch so viele Fragen, die wir nicht beantwortet haben“, sagt Heiko Musa, Emerging Block Chain Strategist der BMW Group.

„Wir sind noch nicht dort, wo wir sein wollen“, erklärte Heiko Musa. So wolle man wissen, woher die Teile aller Fahrzeugkomponenten kommen und welche Qualitätsparameter jeweils gelten. Die Herausforderungen seien groß, zum Beispiel bei der Frage, wie man ein Objekt wie eine Rückleuchte sich in Form von standardisierten Attributen beschreiben lässt. Dennoch glaubt Musa, dass die Blockchain auf Basis der Open Source Hyper Ledger Fabric bei BMW kommt: „Es passt zu uns generell als Zukunftsvision: Wir wollen in der Lage sein, möglichst viele Unternehmen an diese Kette anzuschließen“. Allerdings lasse sich die Thematik nicht allein aus IT-Sicht beschreiben. Man brauche vielfältiges Know-how dafür. Das Endprodukt sollen Apps oder andere Frontends für Fachabteilungen und Partner sein.

Nicht nur würden sich mit einer Supply Chain in der Blockchain besser Zölle berechnen lassen, sondern auch Recalls leichter umsetzen. Zunächst hat man ein Testsystem aufgebaut, also praktisch ein Minimal Viable Ecosystem, um das Thema auszutesten. Nur indem man konkret anfange, lasse sich die Komplexität der Zusammenhänge erfassen, meint der Blockchain-Experte. „Die Lieferanten und Sublieferanten müssen einwilligen und das Thema verstehen. Das ist ein Prozess“, so Musa. Das Partner-Onboarding dauere zwei bis drei Jahre. Nicht jeder Zulieferer sei begeistert, wenn er hört, dass ein defektes Teil dauerhaft in der Block Chain dokumentiert werden wird. Langfristig wolle man das aber auf jeden Fall so machen.

Es gibt Live-Projekte, die funktionieren

Dass Blockchain in der Praxis schon funktioniert, zeigt IBM am Beispiel der Containerschiffreederei Maersk. Gut zwei Jahre hat man dort für die Umsetzung der Plattform TradeLense gebraucht, mit der alle Events rund um den Containertransport in der Blockchain abgebildet werden. Gerade sind zwei große Carrier aufgesprungen, zwei weitere sollen nächste Woche folgen. „Wir haben extrem viel Gegenwind bekommen bei dem Maersk-Projekt“, berichtet Christian Schultze-Wolters, Geschäftsbereichsleiter Blockchain Solutions IBM DACH. Viele in der Industrie hätten gesagt, sie würden nicht auf die gleiche Plattform gehen wie ihr Wettbewerber. Bis der „Mikadoeffekt“ zum „Dominoeffekt“ wird, brauche es viel Durchhaltevermögen. Rund 150 Unternehmen und über 90 Häfen und Terminals sind mittlerweile auf der Plattform. „Wenn die Kernlogistik abgebildet ist, führt das zu einem erheblichen Mehrwert für die Kundenunternehmen“, erklärt Schultze-Wolters. Dann haben Wettbewerber teilweise keine andere Chance, als ebenfalls auf eine Plattform zu gehen.

„Eine der großen Herausforderungen ist das Thema Interoperabilität der Blockchain-Plattformen“, so Schultze-Wolters. Das sei wichtig, damit nicht zum Beispiel die Hamburger Hafenbehörde mit 28 Bildschirmen arbeiten müsse. Noch immer sei zudem die Frage nach dem Mehrwert von Blockchain die Gretchenfrage. „Warum soll ich das machen? Wie kann ich es erklären und verkaufen? Das sind einige der wesentlichen Herausforderungen beim Thema Blockchain“, stellt Schultze-Wolters fest. Ganz wichtig sei es gerade auch für KMU, sich frühzeitig mit Ökosystemen zu befassen, um daran Teil zu haben. Der Vorteil: die großen Investitionen haben andere getätigt, sodass Teilhabe mit wenig Aufwand möglich ist. Alte Skalierbarkeitsprobleme zum Beispiel von Bitcoin hinsichtlich Energiekonsum und Kosten meint IBM überwunden zu haben. 3000 Transaktionen pro Sekunde sollen möglich sein.

Thyssenkrupp löst ein spezifisches Problem mit der Blockchain

Für industriell eingesetzte, sehr anspruchsvolle und teure Bauteile im 3D-Druck setzt Thyssenkrupp auf die Verbindung von zwei Technologien: Blockchain und International Data Space (IDS).  Additive Manufacturing ermöglicht digitale Wertschöpfungsketten, mit denen sich globale Netzwerke aufbauen lassen. „Wir können zum Beispiel das Engineering in Deutschland machen und in einem Hub in Singapur, wo der Kunde sitzt, Ersatzteile sehr schnell herstellen“, sagt Joachim Stumpfe, Experte für konzernübergreifende Innovationsthemen bei Thyssenkrupp. Die Herausforderung: Ein Printfile zu verschicken, in dem Intellectual Property des Kunden und wertvolle Ingenieursleistungen von Thyssenkrupp stecken. Es gibt durchaus Szenarien, in denen sich 3D-Druck lohnt, auch wenn der Preis um den Faktor zehn höher liege als traditionelle Herstellungsverfahren, berichtet der Experte. Teilweise ließen sich Taktzeiten um mehr als 70 Prozent erhöhen, da spreche niemand mehr über den Preis, meint Stumpfe. So seien auch bis zu 80 Prozent Gewichtsersparnis möglich. Den 3D-Druck will das Unternehmen intern und extern als Leistung anbieten.

„Wir können zum Beispiel das Engineering in Deutschland machen und in einem Hub in Singapur, wo der Kunde sitzt, Ersatzteile sehr schnell herstellen“, sagt Thyssenkrupp-Experte Joachim Stumpfe.

„Wenn wir ein Teil in Deutschland entwickeln und woanders drucken lassen, wird Sicherheit dramatisch wichtig“, erklärt Joachim Stumpfe. Deshalb habe man zwei Technologien verheiratet: Blockchain und International Data Space. Der IDS Connector sorgt für den sicheren Dateiaustausch. „Das Prinzip bei IDS ist Datensouveränität. Der Kunde gibt uns wertvolle Daten. Er muss die Souveränität darüber haben und er stellt uns diese Daten zu einem ganz bestimmten Zweck zur Verfügung“, erklärt Stumpe. So sei vertraglich festlegt, in welcher Anzahl man ein Teil fertigen dürfe. Hinter IDS stehen mittlerweile viele große Unternehmen, darunter Volkswagen, Audi, Bosch oder Schaeffler.

Die Interaktion zwischen der Blockchain und IDS sieht so aus, dass es bei jedem Arbeitsschritt immer wieder einen Eintrag in die Blockchain gibt. Der erste Eintrag entsteht mit der Anfrage des Kunden, dann folgt der Vertrag über Preise, Materialien und Spezifika, dann das OK. So lässt sich später jederzeit sicherstellen, dass geliefert wurde, was man vereinbart hat. Aus den IP-Daten des Kunden wird ein Print File erstellt, ergänzt um Fertigungsverfahren und zum Beispiel Temperaturen. Diese Daten werden allerdings nicht in der Blockchain abgelegt, doch für jeden Bearbeitungsschritt erfolgt dort ein Eintrag. Qualitätsrelevante Daten aus dem Druckprozess werden auf dem gleichen Weg zurückgeschickt: Sie sind wichtig für den Life Cycle, weil bei der neuen Fertigungstechnologie noch Vertrauen aufgebaut werden muss.

Jetzt soll das Ökosystem wachsen, man will Materiallieferanten einbinden, Hersteller der Druckmaschinen und Third-Party-Dienstleister, die auf Basis der Daten die Zertifizierung übernehmen können. „Additive Manufacturing ist ein neuer Prozess – der Nachweis der Produktqualität und technischen Eigenschaften damit ein sehr wichtiges Thema“, so Stumpfe.