Mobility Services, Symbolbild

Hat der Dienstwagen ausgedient? Erste Unternehmen und Institutionen setzen auf Mobilitätsbudgets als Alternative. Bild: Adobe Stock / jirsak

| von Werner Beutnagel

Ob Carsharing, Ridehailing oder Ridepooling: Die Mobilitätswelt steht zunehmend im Zeichen geteilter Verkehrsträger. Bisher standen jedoch vor allem Privatpersonen im Fokus der Angebote. Dies soll sich nun ändern: Auch der Dienstwagen könnte sich bald als Auslaufmodell erweisen – dank neuer Services und Projekte, die Alternativen auch in der beruflichen Mobilität aufzeigen.

Eines der Jungunternehmen, die im Bereich der Mobilitätsbudgets tätig ist, ist der von der Audi Business Innovation GmbH und der Mantro GmbH ins Leben gerufene Anbieter Mobiko. Mit Hilfe einer eigenen App möchte das Unternehmen, dessen Name eine Kurzform des Begriffs „Mobilitätskontingent“ darstellt, die Beförderung von Mitarbeitern multimodaler und nachhaltiger gestalten. Statt eigener Dienstwagen oder einem Jobticket können Unternehmen ihrer Belegschaft mit Hilfe des Tools ein klar definiertes Mobilitätsbudget zur Verfügung stellen, dass diese eigenständig einsetzen können. Durchgeführte Fahrten und Zahlungen werden mit Hilfe der App abgelegt und vom freigegebenen Budget abgerechnet. Mit dem jeweils nächsten Gehalt folgt für den Arbeitnehmer eine Rückerstattung der ausgegebenen Gelder bis zur Obergrenze des Budgets. Für den Arbeitgeber bietet das Tool unter anderem die Möglichkeit, Abläufe zu automatisieren und eingereichte Belege automatisch der bestmöglichen Besteuerung zuzuführen, so das Versprechen des Unternehmens. Das Mobilitätsbudget könnte nicht nur als Alternative zum Dienstwagen angeboten werden, sondern auch als zusätzlicher Anreiz, wenn etwa ein kleineres Fahrzeug gewählt wird. Außerdem soll das System attraktive Zusatzleistungen für potenzielle und bestehende Mitarbeiter eröffnen. Durch die Funktionsweise der Plattform sind zudem keine expliziten Partnerschaften mit angeschlossenen Mobilitätsdienstleistern nötig. Nutzer können daher theoretisch sowohl Belege für die Nutzung aller Verkehrsträger vom Privatfahrzeug bis hin zum Bikesharing als auch zum Kauf oder zur Reparatur des eigenen Fahrrads einreichen.

Einen ähnlichen Ansatz verfolgt auch das von der Deutschen Bahn ausgegründete Spin-off Bonvoyo: Auch hier kann der Arbeitgeber individuelle Budgets für die Nutzung von Fahrrad, ÖPNV, Auto, Sharingfahrzeug, Taxi und Co. festlegen. Dabei soll die Planung, Buchung und Verwaltung aller Fahrten aus einer Hand über eine einzige App erfolgen. Für die eigenen Dienste Call a Bike, Flinkster, sowie den öffentlichen Regional- und Fernverkehr können die Kosten direkt über den Arbeitgeber abgerechnet werden, für weitere Dienste sieht auch Bonvoyo die Einreichung von Belegen durch den Mitarbeiter vor. Aktiv ist das Unternehmen unter anderem schon in Hamburg: Gemeinsam mit den Verkehrsbetrieben steht hier das Angebot HVV-M bereit, das aus einem Förderprojekt des BMVI hervorgegangen ist.

Bremen steigt um

Auch in einer anderen Hansestadt macht das System Mobilitätsbudget Schule: Die Stadt Bremen hat bereits Anfang vergangenen Jahres beschlossen, Dienstwagen durch entsprechende Lösungen zu ersetzen. Erhalten hier Führungskräfte in Unternehmen, die mehrheitlich der Stadt oder dem Land Bremen gehören, einen neuen Vertrag, wird ihnen statt eines beruflichen Autos ein Mobilitätsbudget angeboten, dass für Fahrten mit dem ÖPNV oder Sharing-Fahrzeugen genutzt werden kann. Bei laufenden Verträgen wird seitens der jeweiligen Beteiligungsverwaltung ein Angebot an die Geschäftsführungen und Vorstände ausgesprochen, die Neuregelung für die Restlaufzeit des bestehenden Vertrags zu vereinbaren. Statt eines Dienstwagens, für den bisher ein Limit beim Brutto-Listenpreis von 46.500 galt, stehen dem jeweiligen Mitarbeiter rund 4.800 Euro pro Jahr für alternative Mobilitätsdienste bereit. Nimmt eine Führungskraft das Budget nicht oder nicht komplett in Anspruch, wird der Restbetrag als Brutto-Betrag auf das Gehalt aufgeschlagen.

Bislang scheint das Angebot auf Gegenliebe zu stoßen: Alle zehn Geschäftsführer mit neu ausgehandelten Verträgen haben sich seit Start des Projektes für die Nutzung des Mobilitätsbudgets entschieden. Gesellschaften, in denen außerhalb der Geschäftsführung Dienstwagenregelungen bestehen, sind seitens der Stadt Bremen aufgerufen, ebenfalls Neuregelungen durchzuführen, die bis 2023 vollständig umgesetzt werden sollen. Das Ende des Dienstwagens bedeutet die Neuregelung in der Hansestadt jedoch nicht: Bei Vorlage von triftigen Gründen, etwa wenn dauerhaft Dienstgepäck transportiert werden muss, eine schwere Behinderung vorliegt oder die dienstlichen Aufgaben anderweitig nicht zu erfüllen sind, stellt die Stadt bestimmten Mitarbeitern weiterhin ein eigenes Fahrzeug zur Verfügung.

SAP zündet nächste Projektstufe

Als einer der ersten deutschen Konzerne experimentiert SAP mit dem Konzept des Mobilitätsbudgets. Anfang April begann hier die bundesweit ausgerollte zweite Phase eines entsprechenden Projektes, nachdem der Walldorfer Softwareriese bereits im vergangenen Jahr Piloten in Potsdam und Berlin gestartet hatte. Von den insgesamt 17.000 Mitarbeitern mit eigenem Dienstwagen können im Rahmen des Projektes nun etwa 500 Angestellte stattdessen auf ein virtuelles Mobilitätsbudget zurückgreifen. Um den zusätzlichen Benefit für den Mitarbeiter deutlich zu machen und steuerliche Vorteile zu bieten, habe man sich dabei bewusst gegen eine Auszahlung über die Payroll des jeweiligen Mitarbeiters entschieden, erklärt SAP-Flottenchef Steffen Krautwasser. Mitarbeiter können dabei nahezu alle Verkehrsträger für die private Mobilität nutzen und bekommen die entstandenen Kosten vom Konzern zurückerstattet. Die Abrechnung erfolgt wie auch bei Dienstreisen über das unternehmenseigene Tool Concur. Für die Weiterentwicklung des Systems habe man unter anderem Möglichkeiten ins Auge gefasst, Buchungen der Mitarbeiter direkt über das eigene System zu bezahlen und zu verrechnen, allerdings habe hier bislang ein Partner gefehlt, der möglichst viele verschiedene Mobilitätsökosysteme abdeckt.

Einen zentralen Fokus lege man auf den Nachhaltigkeitsgedanken, erklärt Krautwasser, daher seien unter anderem Flugreisen oder Kreuzfahrtschiffe von dem Budget ausgenommen. Aus einer ähnlichen Grundidee heraus deckt das Budget außerdem lediglich die Nutzung von Diensten, nicht aber Käufe durch den Mitarbeiter, etwa eines eigenen Fahrrads oder Benzins, ab. Überschüssige Mittel des Budgets möchte SAP zudem in von der Belegschaft ausgesuchte Nachhaltigkeitsprojekte investieren. Neben dem Klima- und Naturschutz adressiere man mit dem Modell auch die veränderten Mobilitätswünsche der eigenen Mitarbeiter. „Wir haben immer mehr Mitarbeitende, vor allem aus jungen Personengruppen, die entweder überhaupt keinen Führerschein mehr haben oder für die ein Dienstwagen nicht attraktiv ist, was wir vor allem in Großstädten ohne Parkplätze und mit hohem Verkehrsaufkommen häufiger beobachten“, erläutert Steffen Krautwasser.

Macht das System Schule?

Davon, dass Unternehmen und Institutionen in Zukunft stärker auf Mobilitätsbudgets für Mitarbeiter setzen werden, zeigt sich auch Autoexperte Stefan Reindl überzeugt. Hierfür gebe es eine Reihe guter Argumente: Erstens seien einzelne Wege häufig bequemer, schneller und stressfreier mit öffentlichen und alternativen Verkehrsmitteln zurückzulegen, zweites seien Mitarbeiter oftmals nicht mehr so stark wie bislang auf ein eigenes Fahrzeug festgelegt, erklärt der Direktor des Instituts für Automobilwirtschaft (IfA). „Drittens bieten Mobilitätsbudgets mehr Flexibilität hinsichtlich der Ausgestaltung von Dienst- und Privatwegen – wobei ja auch die Nutzung eines Automobils im Einzelfall möglich ist oder sein sollte. Viertens verfolgen viele Unternehmen mehr und mehr Nachhaltigkeitsstrategien, die umweltseitige und gesellschaftliche Herausforderungen beinhalten.“ Gleichzeitig sei bei einzelnen Mitarbeitern nach wie vor das Statusdenken stark ausgeprägt, erklärt Reindl. „Das Fahrzeug dient dabei als Kommunikationsinstrument hinsichtlich des gesellschaftlichen und beruflichen Status.“ Aber auch jenseits derartigen Kalküls seien Mitarbeiter häufig auf Dienstwagen angewiesen. Insbesondere in ländlichen Bereichen eigne sich die aktuelle Mobilitätslandschaft nicht für entsprechende Ansätze, so der Experte.

Um Mitarbeiter zum Umstieg zu bewegen, sei es derweil nötig, eine möglichst einfache Abwicklung der Fahrten zu realisieren oder mit der Vorhaltung eines unternehmenseigenen Fahrzeugpools den Übergang zu vereinfachen. „Darüber hinaus könnten weitere Bausteine wie eine noch stärkere Flexibilisierung der Arbeitszeiten – beim Einsatz von öffentlichen Verkehrsmitteln wird man ohnehin großzügiger sein müssen – oder des Homeoffice-Anteils die Motivation erhöhen“, so Reindl. Als weiterer „Soft-Factor“ könnte unter anderem die die Prämierung von gesellschaftlicher oder umweltorientierter Verantwortung über weitere Incentives oder Wettbewerbe motivationssteigernd sein.

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