Grafik einer Produktionslinie in einem Pkw-Werk mit einer zusätzlichen Hand am rechten Bildschirmrand, die ein Tablet bedient

Das Catena-X Automotive Network soll künftig einheitliche Standards für Daten- und Informationsflüsse in der automobilen Wertschöpfungskette schaffen. (Bild: Bosch, Daimler / Illustration: Andreas Croonenbroeck)

Cloud Computing ist für die meisten Unternehmen in Deutschland inzwischen zu einer Selbstverständlichkeit geworden. 82 Prozent von ihnen haben Cloud-Lösungen im Einsatz – im Vergleich zum Vorjahr ist das ein Plus von sechs Prozent. Die Nutzung von Private-Cloud-Lösungen hat um fünf Prozent zugenommen, bei der Public Cloud sind es sogar acht Prozent, zeigt der „Cloud-Monitor 2021“ von Bitkom Research und der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG. Gleichwohl ist der Handlungsbedarf für übergreifende Systeme riesengroß.

Das größte Projekt in diesem Umfeld ist die Gaia-X-Initiative. Nachdem das europäische Cloud-Konstrukt erstmals im Sommer 2019 der Öffentlichkeit präsentiert wurde, haben sich mittlerweile zahlreiche Akteure aus Wirtschaft und Wissenschaft dem Projekt verschrieben. Gemeinsam soll ein europäischer Cloud-Akteur geschaffen werden, der es mit den großen Hyperscalern wie Amazon und Microsoft aufnehmen kann. Doch um den Wettbewerb mit den IT-Playern aus den USA wirklich bestreiten zu können, sei es fast schon zu spät, monieren Kritiker.

Daten- und Informationsaustausch über Catena-X

Ein Vorwurf, den sich auch die Automobilindustrie häufig anhören muss. Immerhin hat auch sie reagiert und mit Catena-X eine Cloud-Initiative mit Fokus auf die Bedürfnisse der Fahrzeugindustrie aus der Taufe gehoben. Das Catena-X Automotive Network soll künftig einheitliche Standards für Daten- und Informationsflüsse in der automobilen Wertschöpfungskette schaffen. So könnten unter anderem die Versorgungssicherheit erhöht, Rückrufe rascher abgewickelt und die Einhaltung von Klimaschutzregeln überwacht werden.

Darauf aufbauend soll ein digitales Ökosystem entstehen, an dem sich OEMs und Zulieferer, Händlerverbände sowie Technologieausrüster beteiligen können. Zu den 25 Gründungsmitgliedern aus Wirtschaft und Wissenschaft, die das Projekt 2020 ins Leben gerufen haben, gehören unter anderem der Volkswagen-Konzern, BMW, Mercedes-Benz, ZF, Bosch, Siemens, SAP und die Deutsche Telekom.

Volkswagen etwa möchte in den Aufbau der Dateninfrastruktur seine Cloud-Erfahrung aus der Vernetzung seines Fabrikverbunds einbringen und an Anwendungen von der Lieferkettenoptimierung bis zum Geschäftspartner-Stammdatenmanagement mitarbeiten. „Daten sind ein wichtiger Treiber für Volkswagen auf dem Weg zum nachhaltigen Digitalunternehmen und ihr Wert kann weiter steigen, wenn wir bestimmte Daten auch über die Unternehmensgrenzen hinweg teilen“, erklärt Gerd Walker, Leiter Produktion und Logistik im Volkswagen-Konzern.

„Mit durchgehend verbundenen Datenketten vom Lieferanten bis zum Hersteller lassen sich zum einen Materialflüsse effizienter organisieren und damit Lieferengpässe frühzeitig erkennen“, ergänzt Murat Aksel, Volkswagen-Konzernvorstand für den Bereich Einkauf. „Zum anderen unterstützt uns die Digitalisierung dabei, Prozesse zur Einhaltung von Umweltschutz- und Menschenrechtsstandards zu stärken und die Lieferketten an diesen neuralgischen Punkten noch transparenter zu machen.“

Klingt nach hehren Absichten, doch bis die Erkenntnis einer unternehmensübergreifenden Cloud-Plattform bei den wichtigsten Playern der Branche reifte, ist ähnlich wie beim europäischen Pendant Gaia-X viel Zeit ins Land gegangen. In der Vergangenheit lieferten sich Autobauer und Zulieferer eher ein Rennen, wer die beste in sich geschlossene Datenplattform vorweisen kann – ein Heer an Insellösungen war die Folge. Die einzelnen Ökosysteme waren zwar innerhalb der Konzerne logische Aufbauten, ihnen fehlte jedoch in der Regel die Anbindung zu externen Akteuren. In der global verzweigten Automobilindustrie mit kleinteiligen Lieferketten und diversen IT-Prozessen also eher ungünstig.

Als Tier-1-Zulieferer begegnet auch ZF Friedrichshafen im täglichen Austausch mit den Autoherstellern immer noch einer Vielzahl an unterschiedlichen Schnittstellen, zu denen die eigenen Services letzten Endes aber passen müssen. Der Wildwuchs an Ökosystemen könne in Zukunft mit Catena-X beendet werden, sagte Jürgen Sturm, CIO beim Friedrichshafener Unternehmen und gleichzeitig Vorstandsmitglied im Catena-X Automotive Network auf dem diesjährigen automotiveIT-Kongress in Berlin.

Künstliche Intelligenz wird zur Kernkompetenz

Gemeinsame Standards sollen dabei laut Sturm zu einer Harmonisierung in der gesamten Branche beitragen. Darüber hinaus würden Daten und künstliche Intelligenz zur Kernkompetenz der Branche werden, hebt der IT-Experte in Berlin hervor. In multidisziplinären Teams sollen neue digitale Lösungen für alle Geschäftsfelder beim Zulieferer entwickelt werden.

Während es in der Vergangenheit vorrangig darum ging, die Schatten-IT zu bekämpfen, fokussieren sich die Friedrichshafener aktuell auf ein neues Prozessmanagement. Dabei spielen Plattformen wie beispielsweise die Digital Manufacturing Platform (DMP) eine entscheidende Rolle, um cloudbasierte Lösungen im gesamten Konzern zu etablieren. „Wir müssen in der Multi-Cloud-Umgebung anschlussfähig bleiben“, verdeutlicht Sturm in Berlin.

Insbesondere in Krisenzeiten soll die Verzahnung der Systeme künftig für bessere Planbarkeit sorgen. Während der Hochphase der Pandemie und des anhaltenden globalen Halbleitermangels hat sich gezeigt, wie anfällig die Lieferketten der Industrie für exogene Ereignisse sind.

Eine grundlegende Vernetzung über eine gemeinsame Automotive-Cloud könnte dafür sorgen, dass in Zukunft ein drohender Ressourcenmangel frühzeitig erkannt wird und die Autobranche geschlossen gegensteuern kann. Denn insbesondere im Wettrennen um das rare Gut Halbleiter sind die einzelnen OEMs im Vergleich zu den großen Tech-Playern nur kleine Lichter und müssen sich hinten anstellen. Als Gesamtbranche wäre die Schlagkraft gegenüber anderen Industrien deutlich höher.

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