Zwei Mitarbeiter planen am Bildschirm Routen für die Logistik. Grafisch dargestellt das KI-gestützte System des Startups Carrypicker.

Die Software des 2017 gegründeten Freight-Tech-Unternehmens bringt Händler und Transporteure zusammen, bündelt deren Teilladungen, plant optimierte Routen und kalkuliert automatisiert die Preise. (Bild: Carrypicker / Illustration: Andreas Croonenbroeck)

Einen Lkw bis unter die Dachkante vollzuladen und ihn von A nach B zu schicken, ist keine Kunst – und selten möglich. Knifflig wird es bei Teilladungen, die eher die Regel als die Ausnahme sind. Allzu oft wird zu viel Luft umhergefahren, weil es der Disposition nicht gelingt, Frachten optimal zu verteilen. Effekt: Rechnerisch brettert jeder dritte Laster leer über hiesige Autobahnen. Nicht nur mit Blick auf infarktgefährdete Straßen unbefriedigend, vor allem auch ein ökologischer Wahnsinn.

Laut Umweltbundesamt bläst allein die deutsche Transportbranche mehr als 40 Millionen Tonnen Treibhausgase jährlich in die Atmosphäre – und weniger wird’s nicht. Ein für Andreas Karanas, CEO und Gründer des Hamburger Startups Carrypicker, unhaltbarer Zustand. Über den er nicht lamentiert, sondern mit einer cleveren Lösung gegensteuert: Die Software des 2017 gegründeten Freight-Tech-Unternehmens bringt Händler und Transporteure zusammen, bündelt deren Teilladungen, plant optimierte Routen und kalkuliert  automatisiert die Preise, was den gesamten Prozess so einfach mache, so Karanas, wie ein Flugticket zu buchen.

Startup macht sich System der Luftfahrtbranche zu eigen

Ein Vergleich, der nicht von ungefähr kommt. Denn die Hamburger haben sich von den Buchungs- und Pricingsystemen der Airlines inspirieren lassen. In diese fließen weitgehend automatisiert dutzende Parameter ein, um eine möglichst gute Auslastung der Flieger bei maximalen Erträgen pro Sitzplatz zu erreichen. Fachleute sprechen dabei von der dynamischen Preis-Mengen-Steuerung. Während Fluggesellschaften auf diese Weise individuelle Sitzplatzpreise berechnen und Flugzeuge bestmöglich auslasten, möchte Karanas in der Logistik die Frachtverteilung optimieren, Fahrten profitabler machen und die Umwelt entlasten, weil letztlich weniger Laster losgeschickt werden müssen.

Dabei helfen Werkzeuge der künstlichen Intelligenz, des Machine Learning sowie Predictive-Analytics-Tools. Sie alle fließen in der Softwareplattform zusammen. Basierend auf mehr als 300 Millionen historischen Frachtdaten errechnen Carrypickers selbstlernende Algorithmen die beste Tour für jede Ladung, wobei etliche Teilladungen von der KI-Engine automatisch auf die verfügbaren Fahrzeuge  verteilt werden – die Rede ist dabei auch gern von „Transport-Tetris“. Wobei sogar in die Zukunft geschaut wird: Denn erkennt die Software wiederkehrende Muster, etwa dass man Transportaufträge am besten und schnellsten auf bestimmten Routen an einem speziellen Tag bündeln kann, dann rät sie, besser die Ware an diesem bestimmten Tag zu versenden.

Der Effekt: Aktuell konnte die Auslastung der Brummis von 70 auf 80 Prozent erhöht werden. Was erstmal überschaubar klingt, verbilligt die Transporte jedoch merklich und lässt den CO2-Ausstoß schrumpfen. Ein Fakt, der bereits nach der international anerkannten Berechnungsmethode des Global Logistics  Emission Council (GLEC) bestätigt wurde. Hochgerechnet auf das jährliche Transportvolumen in Deutschland gelingt es der KI-Engine, den Jahres-CO2-Ausstoß einer Stadt in der Größenordnung von Frankfurt am Main einzusparen. In Zahlen: Das wären 4,1 Megatonnen des Treibhausgases weniger.

Und das muss nicht das Ende der Fahnenstange sein. Das System wird mit der Zeit immer weiter hinzulernen und damit immer bessere Ergebnisse liefern, so dass Karanas deutlich höhere Auslastungen für möglich hält. Denn die KI macht sich gerade die Komplexität der Aufgabe zunutze: Bei der Berechnung werden mehr als 50 zum Teil hochdynamische Faktoren wie Wochentage, Wetter, Wanderbaustellen, Staus, Ferienzeiten oder Verkehrsdichte nach Tageszeiten berücksichtigt.

Spätestens hier wird klar, dass dagegen kein Disponent mit Excel-Tabellen, einfachen Planungstools, geschweige denn Stift, Papier und Bauchgefühl ankommt. Bündeln klingt so einfach und ist doch so kompliziert. Mehr noch: Carrypicker soll zudem quasi auf Knopfdruck für eine faire Bezahlung der Transportunternehmer sorgen. „Die Software kalkuliert bei der Preisfindung automatisch Mindestlöhne, vorgegebene Pausen und notwendige Wartungen der Fahrzeuge ein“, erklärt Karanas. „So verhindern wir, dass sich Unternehmen mit Dumpingpreisen gegenseitig unterbieten, was leider oft passiert.“

Carrypicker-Technologie hat Marktreife erlangt

Das Handling an sich ist für den Versender simpel: Er muss in die Carrypicker-App nur Abhol- und Zielort sowie Frachtdaten wie Gewicht und Anzahl der Güter eingeben. Daraufhin durchkämmt das System aktuelle Aufträge von 2.000 Transportunternehmen, mit denen das Startup mittlerweile kooperiert, und checkt, welche der 15.000 Fahrzeuge noch freie Kapazitäten für die Teilladung haben. Seine Marktreife hat Carrypicker vor kurzer Zeit erreicht, die Entwicklung der Lösung wurde mit rund 2,4 Millionen Euro vom Bundesverkehrsministerium unterstützt. Hier verspricht man sich von der „KI made in Germany“ weitere innovative Lösungsansätze im Bereich der Transportlogistik.

„Für den Standort Deutschland geht es darum, innovative Geschäftsmodelle im Logistikmarkt so zu gestalten, dass Effizienz und Wettbewerbsfähigkeit gesteigert werden und die Datenhoheit gewahrt bleibt“, so Steffen Bilger, Parlamentarischer Staatssekretär beim Ministerium, zum Abschluss des Förderprogramms im Sommer. Er lobt: „Mit der Carrypicker-Lösung können Leerfahrten wesentlich reduziert werden. Dadurch leisten digitale Anwendungen einen Beitrag zum Klimaschutz und tragen dazu bei, erfolgreiche Geschäftsmodelle zu etablieren.“ Nächster Stopp für Karanas: Seine Lösung soll auch als Software as a Service weiterentwickelt werden, um sich möglichst weit zu verbreiten, womit einer etwas klimaschonenderen Lkw-Transportlogistik und gleichzeitig mehr Nachhaltigkeit der Weg bereitet werden würde.

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