BMW Verifycar

Neben künstlicher Intelligenz scheint sich die Blockchain zu einem der vielversprechendsten Technologietrends in der Autoindustrie zu mausern. Laut einer Prognose der Strategieberatung Simon-Kucher & Partners wird das Marktvolumen der Blockchain in der Branche im Jahr 2030 einen Wert von gut 104 Milliarden Euro erreichen – ein enormes Potenzial. Bisher steht die Technologie in ihrem Reifeprozess noch ziemlich am Anfang: Viele OEMs haben erst im vergangenen Jahr pilothafte Use Cases in Bereichen wie automatisiertes Bezahlen oder Fahrzeugzugang aufgelegt.

Dennoch lässt sich bereits ein Trend ausmachen: Einer Studie des Security-Dienstleisters Gemalto zufolge nutzten 2018 immerhin 19 Prozent der Unternehmen aus dem IoT-Sektor die Blockchain, um ihre IoT-Daten, -Dienste und -Geräte zu sichern – im Jahr davor lag der Wert noch bei neun Prozent. Und das obwohl noch keine industrieweiten Standards existieren. „Unternehmen spüren ganz klar den Druck, den wachsenden Berg an Daten, die sie sammeln und speichern, zu schützen“, sagt Jason Hart, Datenschutz-CTO bei Gemalto.

In der zunehmend vernetzten und automatisierten Autoindustrie wäre ein transparentes und sicheres Datennetzwerk ein guter Problemlöser. In Anbetracht der neuen vom Verband der Automobilindustrie geforderten Regelungen für den Zugriff auf sensible Kundendaten aus dem vernetzten Fahrzeug sind neue Ansätze dringend vonnöten. Informationen sollen künftig per Mobilfunkanbindung auf einen „neutralen Server“ geleitet werden, wo sie nach Schutzwürdigkeit kategorisiert werden. Anschließend können sie interessierten Kreisen zur Nutzung zugänglich gemacht werden – eine Art offene Datendrehscheibe. Als einer der ersten OEMs will Daimler dieses Konzept nun in die Tat umsetzen.

Auch andere Hersteller sind nicht untätig: BMW zum Beispiel setzt bei der Nutzung von Kundendaten aus dem Fahrzeug auf die Blockchain. Zusammen mit dem chinesischen Startup VeChain haben die Münchener vergangenes Jahr die Lösung VerifyCar aus der Taufe gehoben. Die mit der Public Blockchain von VeChain verknüpfte Anwendung erlaubt es Fahrzeugbesitzern, Informationen über Kilometerstand oder die Service- und Reparaturhistorie verifiziert und validiert in die Blockchain zu transferieren.

„Manipulationen am Kilometerstand sind ein enormes Problem: Laut einer ADAC-Studie fährt allein in Deutschland jedes dritte verkaufte Gebrauchtfahrzeug mit einem manipulierten Tacho durch die Gegend. Der jährliche Schaden liegt bei mehr als sechs Milliarden Euro“, sagt Cihan Albay, Leiter des BMW Group-IT Tech Office in Singapur, wo VerifyCar entwickelt wurde. „Dazu kommt der Vertrauensschaden der Kunden gegenüber Gebrauchtwagenhändlern. Hier könnten wir mit der Blockchain, in der Daten dezentral und transparent für den Kunden abgelegt werden, Abhilfe schaffen.“ Ginge die Anwendung live, würde jede Aktion des Fahrzeugs ab Kilometer eins automatisiert getrackt, validiert und verifiziert und als Block auf der VeChain-Plattform gespeichert.

Zur Validierung der Daten greift der von der BMW Group programmierte Algorithmus nach Freigabe durch den Kunden auf verschiedene Datenquellen zurück, unter anderem aktuelle GPS-Daten. Auf der Blockchain lasse sich zudem feststellen, erklärt Albay, welcher Nutzer wann welche Aktion durchgeführt hat. Vollziehe beispielsweise ein unabhängiger Händler einen Serviceeintrag auf der VerifyCar-Plattform, könne dieser ebenso überprüft werden. „Auf diese Weise kann jeder Händler das Vertrauen der Kunden wiedergewinnen und der ‚Kumpel von nebenan‘ verliert seinen Vorteil“, so IT-Tech-Office-Leiter Albay. Der Wiederverkaufswert eines Fahrzeugs kann mit einer solchen Lösung deutlich gesteigert werden.

VerifyCar baut auf der Public Blockchain VeChain Thor auf, die eine limitierte Anzahl von nur hundert Nutzern zulässt, die Blöcke schreiben können. Kunden der BMW Group sollen künftig über eine App im Frontend ihr Fahrzeug hinzufügen und registrieren und dann mithilfe eines QR-Codes Kilometerstände oder Informationen über den Fahrzeugzustand mit Dritten teilen können. Da diese Datenpakete als pseudonymisierter Hashcode – ein digitaler Fingerabdruck – geschrieben werden, gehen sie laut OEM auch mit der DSGVO konform. „Der Kunde kann jederzeit entscheiden, welche Datensätze er für wie lange teilt. Zudem ist er in der Lage, die Daten im Nachgang wieder zu löschen“, erklärt Cihan Albay. Auch die an Blockchain-Anwendungen häufig geäußerte Kritik, sie benötigten enorm viel Rechenleistung, scheint bei VerifyCar nicht zu greifen. Durch die begrenzte Nutzerzahl ist nur eine geringe Transaktionszeit vonnöten, was die benötigte Rechenpower und damit auch die Kosten reduziert.

Wann VerifyCar in den Serieneinsatz geht, ist noch nicht klar. „Wir haben auf der technologischen Seite alles evaluiert und für funktionsfähig befunden“, erzählt Albay. Für einen Produktlaunch müssten nun neben der Entwicklung noch weitere Business Units mit an den Tisch geholt werden. Bei VerifyCar soll es in Sachen Blockchain bei BMW nicht bleiben: In München beschäftigt sich bereits eine eigene Abteilung ausschließlich mit verschiedenen Use Cases rund um die Kryptotechnologie, beispielsweise für den Bereich Supply Chain.

Doch einen Alleingang wird BMW bei dem Thema nicht gehen. Im Mai 2018 haben sich die Münchner der Mobility Open Blockchain Initiative (MOBI) angeschlossen, einem Konsortium, dem auch Hersteller wie General Motors, Ford oder Renault angehören – der richtige Schritt zur richtigen Zeit, findet auch IT-Tech-Office-Leiter Albay: „Je größer das Blockchain-Netzwerk ist, sprich je mehr Daten und Teilnehmer darin enthalten sind, desto fähiger ist es.“ In einer solchen Gruppe könne man sich mit anderen OEMs und Mobility Providern auch über zu formulierende Standards unterhalten. „Eine gute Chance, sich bei der Blockchain als Frontrunner zu etablieren“, betont Albay. Dennoch: Bevor Pionierlösungen wie VerifyCar ein entsprechendes industrieübergreifendes Rahmenwerk erhalten, werden noch einige Jahre ins Land gehen.

Bild: BMW, Illustration: Sabina Vogel

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