Indien.automotiveit
| von Werner Beutnagel

Der IT-Markt in Indien wächst schnell auf inzwischen mehr als 100 Milliarden Dollar Jahresumsatz und mehr als fünf Prozent des indischen Bruttosozialproduktes. Doch auch der indische Markt hat trotz seiner 1,2 Milliarden Menschen Grenzen. Schon früh orientierte sich die indische IT-Industrie in Richtung USA, aktuell ist Deutschland als wirtschaftlich noch gesundes Herzland Europas in den Fokus der Inder gerückt. Von 232 in Deutschland vertretenen indischen Unternehmen zählen nach Angaben der Deutsch-Indischen Handelskammer 73 zum IT-Sektor – also rund ein Drittel und damit weit mehr als im nächststarken Bereich Automotive (20 Prozent). Gerade die in Deutschland traditionell starke Automobilindustrie lockt indische IT-Firmen an den Main, den Neckar oder die Isar. So hat Infosys jüngst in einem spektakulären Engagement für fünf Jahre unter anderem die Betreuung der Web-Infrastruktur, Content Management, SAP-Basisbetrieb, IT for IT sowie Business Intelligence (BI)-Systeme der BMW Group übernommen. Der indische Dienstleister ist schon seit 14 Jahren in Deutschland und zählt auch Daimler und Volkswagen zu seinen Kunden. Die Umsätze wurden „in den letzten drei Jahren vervielfacht“, sagt die Marketingleiterin Birgit Lange. Nach Übernahme der Schweizer Consulting-Firma Lodestone hat Infosys in Deutschland etwa 900 Mitarbeiter. Das Problem der kulturellen Unterschiede hat man auf die denkbar einfachste Art gelöst: Infosys wirbt in erheblichem Umfang deutsche Mitarbeiter an – diese stellen fast die Hälfte der Beschäftigten in diesem Land. Die Balance zwischen deutschsprachigen und internationalen Mitarbeitern entspricht der Unternehmensphilosophie, ein Gleichgewicht von Onsite- und Offshorekräften zu suchen. Alle Projekte haben daher einen lokalen und einen internationalen Anteil.

Schon seit mehr als zwei Jahrzehnten sind die Tata Consultancy Services (TCS) in Deutschland vertreten, ebenfalls mit einem Schwerpunkt in der Automobilindustrie als „strategischem Segment“, so Sapthaghiri Chapallapalli. Der Mitteleuropa-Chef von TCS sagt ohne Umschweife: „TCS wird weiter in seine lokale Präsenz in Deutschland investieren und weiter wachsen.“ Rund 3500 Mitarbeiter arbeiten an Projekten für deutsche Kunden, mehr als 700 davon sind aktuell in Deutschland vor Ort. Etwa 200 sind auch Deutsche, wie Chapallapalli erklärt: „TCS verfügt über eine ausgeprägte lokale Struktur mit deutschen Teams für Vertrieb, Kundenmanagement, Lösungskompetenz, Marketing und HR sowie für Schlüsselpositionen im Kundenservice. Diese lokalen Teams helfen den nicht-deutschsprachigen Projektteams, die ,Zwischentöne‘ in der täglichen Zusammenarbeit mit dem Kunden zu verstehen.“

Für Infosys und TCS ist das Deutschland-Engagement eine Erfolgsstory, doch gibt es auch andere Beispiele. So gab etwa Sonata seine Mehrheitsanteile am hannoverschen IT-Dienstleis­ter TUI InfoTec wegen fehlender Gewinnperspektive wieder zurück. Auch dem Vertrag von T-Systems mit dem indisch-amerikanischen IT-Dienstleister war kein langes Leben beschieden, er wurde jetzt durch eine lockere Zusammenarbeit ersetzt. „Natürlich geht es vor allem um die Kosten. Man muss aber neben der Kostenersparnis auch den Arbeitsaufwand sehen“, sagt für T-Systems Unternehmenssprecher Stefan König. „Steuert man den besser mit eigenen oder mit fremden Mitarbeitern, lautet heute die Frage. Bei standardisierten Abläufen lohnt sich die Auslagerung in der Regel, bei spezifischen Aufgaben oft nicht – noch vor ein paar Jahren war Auslagern nach Indien der Trend schlechthin.“ Dem Trend folgten und folgen meist bis heute die großen IT-Firmen wie IBM und Capgemini, die oft mehr als die Hälfte ihrer IT-Produktion nach Indien outgesourct haben. Am Ende der ersten große Outsourcing-Welle standen nicht selten Ernüchterung und Enttäuschung: „Da ist viel verbrannte Erde hinterlassen worden, zum Teil aber auch durch Fehler der Inder“, sagt Iris Becker, Geschäftsführerin von Let’s Bridge IT, einer Freiburger Firma, die indische IT-Experten nach Deutschland vermittelt und indische IT-Firmen auf den Markteintritt in Deutschland vorbereitet. Mitentscheidend waren sicher die interkulturellen Hürden – von der Sprache über die soziologische Prägung bis hin zur Gestik. Indisches Englisch und IT-Englisch unterscheiden sich eben deutlich voneinander, in Deutschland für selbstverständlich gehaltene Regularien erscheinen vielen Indern schlicht unbegreiflich. Mangelnde Qualifikation spielte da sicher keine Rolle: „Die IT-Ausbildung in Indien ist brillant“, sagt Heinz-Paul Bonn, Vizepräsident des deutschen Branchenverbandes Bitkom. Doch die ersten Enttäuschungen haben den bisherigen Stellenwert des Offshorings merklich gesenkt.

Umso stärker ist der Drang der indischen IT-Firmen auf den deutschen Markt. „Wir hatten kürzlich bei einem Markteintrittsseminar in Pune gleich 50 IT-Firmen aus Indien. Deutschland ist da zurzeit noch interessanter als der US-amerikanische Markt“, erzählt Iris Becker. Heinz-Paul Bonn, der schon seit Jahren für eine verstärkte Zusammenarbeit mit Indien plädiert und auch enge Kontakte des Bitkom mit dem indischen IT-Verband Nasscom geknüpft hat, kann das nur bestätigen: „Nicht nur aus Indien, aus den gesamten BRIC-Staaten rollt da eine Welle auf uns zu. Da wurde viel Kapital angesammelt, das investiert werden kann.“ Sprache und Kulturunterschiede machten es allerdings Indern in Deutschland nicht einfach: „Meine Kollegen haben meist in den USA gelernt. Deutschland ist anders, da schotten sie sich manchmal zu rein indischen Gemeinschaften ab.“ Deutsche IT-Firmen klagen schon lange über den Mangel an Fachkräften, da liegt der Blick auf den indischen IT-Arbeitsmarkt nahe. Doch die boomende indische IT-Industrie hat selbst einen exorbitant hohen Bedarf. Außerdem: Vorbehalte gegen die Einstellung indischer Mitarbeiter sind gerade in mittelständischen IT-Firmen nicht selten, so Iris Becker: „Vor allem Englisch als dominierende Sprache am Arbeitsplatz stößt auf Widerstand.“ Zwar ist die dümmliche Politkampagne „Kinder statt Inder“ längst Geschichte, aber Ressentiments haben ein zähes Leben. Dabei belegen empirische Untersuchungen, dass die Anwerbung hochqualifizierter Ausländer die Wirtschaft des jeweiligen Landes positiv beeinflusst – und seine Wettbewerbsfähigkeit und damit letztlich auch die Zahl der Arbeitsplätze steigert.

Autor: Gert Reiling
Fotos: iStockphoto/michaeljung, Infosys, Illustrationen: Sabina Vogel

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