Eine Mitarbeiterin von Bosch läuft mit einem Tablet in der Hand durch die Produktion.

Low Code ist keine Modeerscheinung mehr, sondern etabliert sich als eine solide Entwicklungsmethode. Bild: Bosch

| von Harald Weiss

Der Begriff „Low Code” für eine moderne und leistungsfähige Softwareentwicklung wurde vermutlich von den Softwareentwicklern selbst geprägt. Auf keinen Fall waren Marketingexperten daran beteiligt, denn das Wort „low“ wird im Englischen immer mit etwas Negativem assoziiert und mit Codierung will ohnehin kaum jemand etwas zu tun haben. Marketingexperten hätten für diese Entwicklungs- und Deploymentmethode wahrscheinlich Begriffe wie „Quick & Reliable“, „Easy Programming“ oder „Rapid DevOps“ gewählt. Doch trotz des etwas abschreckenden Begriffs steuern die zugehörigen Methoden, Tools und Angebote von Low Code einer regelrechten Boomphase entgegen.

Die Marktforscher von Gartner, IDC und Forrester sind allesamt euphorisch, was die weiteren Aussichten angeht. So meinen die Forrester-Analysten, dass derzeit rund elf Prozent aller Businessanwendungen mit Low Code erstellt werden, doch der Anteil soll sich schon in wenigen Jahren auf über 30 Prozent verdreifachen. Hintergrund für diesen aufkommenden Boom ist die Einfachheit der Entwicklungsarbeit. „In nur zwei Wochen kann jeder technisch Versierte zum Softwareentwickler werden“, sagt Matt Calkins, CEO von Appian, einem auf Low Code spezialisierten Anbieter.

Das hört sich zunächst so an, als ob man damit die Fachbereichsmitarbeiter zum Selbstentwickeln ihrer Anwendungen motivieren möchte. In gewisser Weise stimmt das auch, doch Calkins präzisiert seine Aussage. „Ein Großteil derer, die an den entsprechenden Low-Code-Schulungen und Zertifizierungen teilnehmen, sind erfahrene Softwareentwickler mit umfassenden Informatikkenntnissen. Sie haben erkannt, dass Low Code keine Modeerscheinung mehr ist, sondern eine solide Entwicklungsmethode – selbst für geschäftskritische Anwendungen. Mit der Nutzung von Low Code im Rahmen ihrer Entwicklungsprojekte wollen sie vor allem Zeit sparen und den Stress reduzieren“, sagt der Appian-Chef hinsichtlich der Akzeptanz von Low Code in der Entwickler-Community.

Vorteilhaft für repetitive Entwicklungsarbeiten

Trotzdem gebe es darüber hinaus aber auch zunehmend Nicht-IT-Personen, die sich zum Low-Code-Entwickler ausbilden lassen. „Der große Vorteil dabei ist, dass es in diesen Fällen eine gemeinsame strukturierte Kommunikation zwischen Fachabteilung und Entwicklern gibt, die keinerlei Missinterpretationen mehr schafft – auch das beschleunigt die Softwareentwicklung ganz erheblich“, so Calkins weiter. In Deutschland ist Appian vor allem in Großkonzernen vertreten. Dazu gehören Boehringer Ingelheim, Daimler, Merck und die Bayern LB. Doch das soll sich ändern. „Wir haben bereits eine Reihe an KMUs, insbesondere auch Zulieferbetriebe im Visier“, sagt Dirk Pohla, verantwortlich bei Appian für die DACH-Region.

In einer IDC-Untersuchung wird der von Calkins erwähnte Trend bestätigt. Danach sagen 80 Prozent der Entwickler, dass Low Code gerade für die Entwicklung von repetitiven Entwicklungsarbeiten sehr vorteilhaft sei. Und auch was die Qualität angehe, sehen die Entwickler keine gravierenden Probleme mehr. So meinen 68 Prozent, dass Low Code auch für das Erstellen von unternehmenskritischen Anwendungen geeignet sei. Folglich befürchten sie auch keine Arbeitsplatzverluste. 80 Prozent sind der Ansicht, dass sie durch den Einsatz von Low Code mehr Zeit für übergeordnete strategische Aufgaben gewonnen haben.

Dass Low Code salonfähig geworden ist, zeigt sich auch daran, dass inzwischen auch große Anbieter auf den Low-Code-Zug aufgesprungen sind. Hierzu gehören vor allem Microsoft und Salesforce. Doch noch wird diese Szene vor allem von kleineren Unternehmen beherrscht. Zu diesen gehören außer Appian auch noch OutSystems, Kony, Mendix, GeneXus, Progress Software, WaveMaker, Matasoft, Simplifier und ServiceNow.

Fachkräftemangel bei Zukunftsthemen

Viele von ihnen können auf eine Reihe an bedeutenden Referenzkunden verweisen, beispielsweise den Logistiker Hermes. Das Unternehmen arbeitet mit der Low-Code-Plattform von OutSystems und hat einen Großteil seiner Transportlösung darauf erstellt. Für die Entwicklung hatte sich Hermes für einen Mittelweg beim notwendigen Personaleinsatz entschieden. „Die gesamte originäre Anwendung wurde von einem Team an erfahrenen Softwareentwicklern realisiert, doch viele der fortlaufenden Anpassungen können wir inzwischen in der Fachabteilung selber vornehmen“, sagt Projektmanager Tobias Latta.

OutSystems hat in einer eigenen Untersuchung herausgefunden, dass 64 Prozent der Fertigungsbetriebe Rückstände bei der App-Entwicklung hätten – und nur bei 31 Prozent sei dieser Backlog im vergangenen Jahr zurückgegangen. Dieser Zustand werde sich nach deren Einschätzung in absehbarer Zeit kaum ändern, denn es fehle an qualifizierten Mitarbeitern. Über 70 Prozent der Fertigungsunternehmen sagen, dass es schwierig beziehungsweise sehr schwierig sei, das notwendige Personal zu rekrutieren. Vor allem auf den Gebieten KI, Cybersicherheit und IoT sei der Stellenmarkt leergefegt.

Auch bei so „normalen“ Anwendungen wie Webapplikationen ergeben sich bereits deutliche Vorteile für den Einsatz von Low Code. Der OutSystems-Untersuchung zufolge könnten 68 Prozent der Low-Code-Nutzer neue Web-Apps in weniger als vier Monaten einführen – bei den anderen schafften das nur 57 Prozent. In Würzburg ist der deutsche Low-Code-Anbieter Simplifier beheimatet. Das Unternehmen hat ein umfangreiches Projekt in einem Fertigungswerk von Siemens realisiert. Hierbei ging es um die Integration von Business- und IoT-Anwendungen auf einer gemeinsamen Plattform, die in sehr kurzer Zeit erstellt werden musste.

Die neue Plattform setzt auf die bestehende IT auf und verbindet die Bestandssysteme mit anderen Datenquellen wie SAP-Datenbanken und auch der IoT-Plattform Mindsphere. Sogenannte Konnektoren übertragen die Daten, die in der Anwendung beliebig weiterverarbeitet und über eine mobile Applikation gesteuert werden können. „Wir haben uns bei dieser Lösung für Simplifier entschieden, da deren Plattform für uns entscheidende Vorteile bietet. Dazu zählen das App-in-App-Konzept oder auch, dass verschiedene Mobile Devices verwendet werden können. Eine ganz entscheidende Rolle hat jedoch die Kernkompetenz im Bereich der SAP-Integration gespielt“, sagt Sebastian Grimm, Head of Operational Excellence, Process Industries and Drives Division bei Siemens.

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