People Mover an einer Haltestelle in Karlsruhe

Im Karlsruher Stadtteil Weiherfeld-Dammerstock transportiert das autonome EVA-Shuttle Passagiere on-demand von der Bahnhaltestelle zur Haustür. Bilder: EVA-Shuttle/Paul Gärtner

| von Yannick Tiedemann

Weiherfeld-Dammerstock im Süden Karlsruhes kommt einem nicht unbedingt zuallererst in den Sinn, wenn es um die digitalisierte und autonome Mobilität der Zukunft geht. Doch der beschauliche, von Wohnsiedlungen geprägte Stadtteil spielt seit Kurzem beim autonomen Fahren in einer Testfeld-Liga mit Phoenix im US-Bundesstaat Arizona oder Chongqing in Zentralchina. Zumindest im kleinen Maßstab. Denn seit April verkehren im 6.000-Seelen-Ort drei selbstlenkende und elektrische Minibusse – landläufig auch People Mover genannt – im Rahmen des Forschungsprojekts EVA-Shuttle zwischen der Stadtbahnhaltestelle Dammerstock und der Haustür des jeweiligen Passagiers.

Zwischen April und Juni 2021 ist das Letzte-Meile-Mobilitätskonzept für den Publikumsverkehr geöffnet und soll den Projektpartnern Aufschluss darüber geben, wie elektrische und autonom fahrende Shuttles bei der Bevölkerung ankommen. An dem Forschungsprojekt sind neben dem FZI Forschungszentrum Informatik als Konsortialführer die Verkehrsbetriebe Karlsruhe, der TÜV Süd, Bosch und die Deutsche-Bahn-Tochter Ioki beteiligt. Letztere stellt die Buchungs-App zur Verfügung, mit der potenzielle Mitfahrer eine Fahrt in den 20 km/h schnellen Minibussen on Demand buchen können.

Warum sich EVA-Shuttle von anderen Projekten unterscheidet

„Wenn im US-Bundesstaat Arizona ein gewisser Anbieter selbstfahrende Autos auf die Straße schickt, ist das Medienecho groß“, sagte Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer beim Launch-Event der EVA-Shuttles. „Doch so weit muss man gar nicht schauen, auch hier in Karlsruhe lässt sich die Zukunft der Mobilität live erleben. EVA-Shuttle könnte als Blaupause für einen weiteren Rollout auch anderswo in Deutschland dienen.“ Scheuers Ministerium fördert das bereits seit 2018 laufende Projekt mit rund 2,3 Millionen Euro.

Der Grund, warum die Karlsruher Initiative ein Beispiel für andere Projekte sein könnte, liegt in dessen technologischer Ausbaustufe. Im Gegensatz zu ähnlichen Vorhaben bewegen sich die EVA-Shuttles frei im regulären Straßenverkehr und müssen dort eigenständig auf Fußgänger, Radfahrer und motorisierte Verkehrsmittel reagieren. Ermöglichen sollen dies die Sensorik und die Selbstlokalisierungtechnologie von Projektpartner Bosch sowie neuartige Planungsalgorithmen zur Entscheidungsfindung, die vom FZI entwickelt wurden.

Alter Mann mir Rollator zeigt einem Sicherheitsfahrer sein Handy
Nutzer können ein selbstlenkendes EVA-Shuttle via App on-demand buchen. Trotz der Autonomie muss weiterhin ein Sicherheitsfahrer mit an Bord sein.

„Mit der Wahl des Stadtgebiets Weiherfeld-Dammerstock haben wir uns bewusst für ein Gebiet mit Mischverkehr entschieden. Dadurch muss die Automatisierungssoftware auch dem Anspruch gerecht werden, dass ein automatisiertes Fahrzeug auf viele möglichen Situationen sicher und sinnvoll reagiert und das auch unter verschiedenen Bedingungen“, erklärt FZI-Vorstand J. Marius Zöllner. Doch trotz der Eigenständigkeit der Minibusse, die unter anderem bereits einige Probekilometer auf dem Testfeld Autonomes Fahren Baden-Württemberg hinter sich gebracht haben, befindet sich weiterhin ein ausgebildeter Sicherheitsfahrer mit an Bord, der im Notfall eingreifen kann.

Warum es dringend neue Regeln fürs autonome Fahren braucht

Das ist unter den gegebenen rechtlichen Rahmenbedingungen in Deutschland notwendig, denn noch darf sich kein hochautomatisiertes Fahrzeug auf öffentlichen Straßen ohne Sicherheitsfahrer fortbewegen. Ändern soll sich dies durch ein neues von der Bundesregierung angestoßenes Gesetz, das den Regelbetrieb autonomer Fahrzeuge auf SAE-Level 4 schon ab kommendem Jahr im öffentlichen Straßenverkehr ermöglichen soll. „Deutschland wird mit dem neuen Gesetz zur neuen Nummer eins beim autonomen Fahren“, zeigte sich Bundesverkehrsminister Scheuer bei der EVA-Premiere selbstbewusst. Es würde auch die Shuttles und People Mover endlich aus ihren „Laboren“ holen.

Autonome Shuttles bergen großes Potenzial

Und solche Labore befinden sich längst nicht mehr nur in Weiherfeld-Dammerstock. Schon seit einigen Jahren schießen entsprechende Forschungsvorhaben oder private Testprojekte in Deutschland wie Pilze aus dem Boden. In Hamburg kurvt im Rahmen des Projekts HEAT ein autonomer Kleinbus auf einer 1,8 Kilometer langen Teststrecke durch die Hafen­City der Elbmetropole, in Schleswig-Holstein probiert sich EasyMile mit dem NAF-Bus auf einem Betriebsgelände am vollautomatisierten Fahrbetrieb auf Level 4 und im bayerischen Bad Birnbach kutschieren zwei autonome Shuttles der Deutschen Bahn Fahrgäste zwischen Bahnhof und dem rund zwei Kilometer entfernten Ortskern hin und her. Und das ist nur ein kleiner Ausschnitt der Liste an People-Mover-Projekten alleine in Deutschland.

Autonome Shuttles bieten aus meiner Sicht große Vorteile für den ÖPNV und für eine vernetzte Mobilität. Zum einen wird durch einen elektrischen Antrieb eine emissionsfreie Mobilität auf der ersten und letzten Meile möglich“, betont FZI-Forscher J. Marius Zöllner. „Zum anderen wird gerade das Schließen der letzten Meile den ÖPNV deutlich attraktiver und flexibler machen, gerade weil durch autonome Shuttles das ÖPNV-Angebot zu einer 24/7-Verfügbarkeit erweitert werden kann – also auch in Randzeiten, in denen sonst der Individualverkehr attraktiver zu sein scheint.“

Wie OEMs und Mobility Provider profitieren

Und nicht nur für den öffentlichen Nahverkehr steckt ein enormes Potenzial in autonomen Shuttles. Wie das Beratungsunternehmen Deloitte in einer Studie ermittelte, winken durch Fahrdienstleistungen autonomer Robotaxis im Jahr 2035 zusätzliche Einnahmen in Höhe von rund 17 Milliarden Euro. Damit könnte beispielsweise die Autoindustrie einen Großteil der Umsatzeinbußen kompensieren, die durch das wegbrechende Neuwagengeschäft entstehen.

Doch vom Mobilitäts-Shift werden nicht nur die etablierten OEMs profitieren, weiß Harald Proff, Partner und Leiter Automobilindustrie bei Deloitte: „Sofern es die Gesetze und Regularien zulassen, werden Ridehailing-Anbieter das Marktpotenzial von Robotaxi-Diensten mit am schnellsten erschließen. Bei einigen der heutigen Anbieter basiert im Prinzip das ganze Geschäftsmodell sowie die zugrunde gelegte Unternehmensbewertung bereits auf der Annahme, dass in absehbarer Zukunft autonome Fahrdienste zur Tagesordnung werden.“

Dazu komme der Faktor Personalkosten, der sowohl im ÖPNV als auch bei neuen Mobility Providern oftmals den größten Teil ausmache. „Neben einer bedarfs- und nachfrageorientierten Steuerung des Fahrzeugangebots führt insbesondere die Einsparung von Kosten für den Fahrer zu einer deutlich besseren Wirtschaftlichkeit“, so Deloitte-Experte Proff.

 

Kostenlose Registrierung

Newsletter
Bleiben Sie stets zu allen wichtigen Themen und Trends informiert.
Das Passwort muss mindestens acht Zeichen lang sein.

Ich habe die AGB, die Hinweise zum Widerrufsrecht und zum Datenschutz gelesen und akzeptiere diese.

*) Pflichtfeld

Sie sind bereits registriert?