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Jamal Farhat ist Vice President und CIO bei BorgWarner. Foto: Lamy A. Peplin

Jamal Farhat, CIO von BorgWarner, sprach mit automotiveIT  über den Expansionskurs des amerikanischen Zulieferers, die damit verbundenen Investitionen in die IT und über den wachsenden Kostendruck.

Unser Ziel ist die Bereitstellung von IT-Tools, so dass die geschäftlichen Aktivitäten effizienter ablaufen können. Zudem müssen wir festlegen, was die IT zur Erreichung der strategischen Ziele des Unternehmens beitragen kann. Und da es sich bei den Produkten unseres Unternehmens um Innovationen handelt, ist der Schutz unseres geistigen Eigentums von zentraler Bedeutung.

Was können Sie über die IT zu den strategischen Zielen beitragen?

Zunächst müssen wir unseren Ingenieuren die Tools zur Verfügung stellen, die sie benötigen. Zweitens müssen wir ein Umfeld schaffen, in dem die Mitarbeiter auf globaler Ebene kooperieren können. Und drittens richten wir unser Hauptaugenmerk auf den Schutz von Informationen und geistigem Eigentum, um zu gewährleisten, dass diese innerhalb des Unternehmens entsprechend gesichert sind, dass darauf leicht zugegriffen werden kann und diese unkompliziert gemanagt werden können.

BorgWarner ist global aufgestellt und expandiert nach der Krise bereits wieder. Welche  Herausforderungen bringt das mit sich?

Siebzig Prozent unseres Umsatzes erzielen wir außerhalb der USA. Ein Großteil unserer geschäftlichen Ausweitung erfolgt im Ausland. Wir entwickeln IT-Organisationen in neuen Märkten, installieren Systeme und Infrastrukturen und etablieren Footprints, so dass wir die benötigten Services schnell und ohne übermäßige Kostenlast anbieten können.

Stehen Sie unter massivem Kostendruck?

Die Kosten müssen für Werke und Unternehmen, die sehr klein anfangen und dann größer werden, tragbar sein. Bei der Feinabstimmung der Organisation ist ebenfalls größte Sorgfalt geboten. Und wenn es um die Services geht, gilt es zu differenzieren zwischen global, regional und lokal. Wenn man die Services zu stark ausweitet, erfolgt das eventuell auf Kosten der Effizienz. Zentralisiert man dagegen zu stark, sinken Leistungsfähigkeit und Umsetzungsgeschwindigkeit. Wie man gewährleistet, dass alles mit allem und jeder mit jedem verbunden ist, ist bei 62 Niederlassungen weltweit eine große Herausforderung.

BorgWarners Umsatz sank 2009 um 40 Prozent und stieg 2010 wieder um 42 Prozent an. Wie wirkte sich das auf Ihr IT-Budget aus?

Während der Krise haben wir von uns aus die erforderlichen Maßnahmen ergriffen, um die IT-Investitionen und laufenden Kosten für die IT zu reduzieren. Das war notwendig zur Erreichung der Profitabilitäts- und Cashflow-Ziele. Viele der geplanten Investitionen wurden aber letztendlich verschoben. Wir haben Personal abgebaut und versucht, Cashflows zu managen und zu strecken.

Sind Sie in der IT wieder auf Kurs?

Aus Sicht der IT befinden wir uns heute wieder auf Wachstumskurs. Doch mein Ziel ist, dass wir den Leverage nutzen, den wir während der Krise erzielt haben, und aufrecht erhalten, während wir weiter wachsen. Das bedeutet, dass unser Ziel für IT-Ausgaben als Prozentsatz des Umsatzes sich weiterhin in der Nähe der Zahl bewegt, die während der Krise maßgeblich war.

Schön formuliert. Und wie hoch sind die IT-Ausgaben als Prozentsatz des Umsatzes?

Ich formuliere es mal so: Während der letzten fünf Jahre haben wir die IT-Kosten – unabhängig von der Krise – um circa 25 Prozent gesenkt. Wir sind offensichtlich gewachsen, aber in Relation zum Umsatz ist es umgekehrt.

Wie haben Sie das erreicht?

Um die Kosten zu senken, haben wir beispielsweise eine hoch zentralisierte IT-Organisation in eine globale IT-Organisation verwandelt. Darüber hinaus haben wir während der letzten beiden Jahre sehr viele Funktionen neu gestaltet, unternehmensweit Redundanzen beseitigt und sehr viel Überflüssiges aussortiert.

Können Sie uns das noch etwas erläutern?

Wir haben große Enterprise-Systeme eingeführt, so dass nahezu 75 Prozent unseres Business über ein einziges ERP-System erfolgen. Außerdem haben wir viel Arbeit in Speicher- und Serverkonsolidierung und in das Daten-Lifecycle-Management investiert. Indem wir ein besseres Verständnis unserer Daten erlangen, können wir diese in Tools einbetten und somit die Speicherkosten reduzieren. Und eine Menge von dem, was wir gemacht haben, zielt auf die Steigerung der Effizienz ab, was zur Senkung der Kosten beiträgt.

In welchen Bereichen investieren Sie?

Wenn es um das Enabling der geschäftlichen Seite geht, dann investieren wir in neue Niederlassungen. Wir investieren ebenfalls in die Aktualisierung unserer ERP- und PLM-Software. Wir unterstützen unser Supply Chain Management und straffen überall Geschäftsprozesse, um die für das Business aufgewendeten IT-Kosten zu reduzieren.

Stichwort PLM: Viele Automobilhersteller vollziehen derzeit einen Wandel bei den Anbietern. Wie wirkt sich das auf Sie als Zulieferer aus?

Wenn es um die Interaktion mit Kunden geht, müssen Sie Teil der verlängerten Supply Chain und ihrer Engineering-Organisation sein. Was Sie unabhängig davon machen, hängt davon ab, welche Produkte Bestandteil Ihres Unternehmens sind. Wenn Sie Kunststoffspritzteile für externe und interne Teile fertigen, dann müssen Sie wesentlich enger mit Ihrem Automobilhersteller verflochten sein und die PLM-Systeme nutzen, die dort genutzt werden. Wenn Sie Produkte herstellen, die keine so enge Anbindung erfordern, dann können Sie Ihre eigene Software nutzen.

Zurück zu den Investitionen: Nach welchen Gesichtspunkten entscheiden Sie bei den IT-Investitionen?

Wir handhaben IT-Investitionen genauso wie jede andere Investition, die wir tätigen. Das bedeutet, dass man einen Gewinn in Höhe von 15 Prozent haben muss, bevor es weitergeht. Dieses Kriterium gilt zumeist für alles, was in das Business investiert wird. Und zweitens fallen einige Investitionen unter die Kategorie Risikominimierung, was quasi einer Versicherung entspricht. Die Frage ist hier: Sind Sie bereit, das Risiko einzugehen, oder wollen Sie es lieber minimieren? Und drittens gibt es so etwas wie „weiche Einsparungen“, die sich aus einer Investition ergeben.

Ein Beispiel dafür?

Beispiele in diesem Kontext sind etwa zeitsparende neue Anwendungen. Sie sprachen eingangs von einer globalen Organisationsstruktur.

Wie sieht die aus?

Wir beschäftigen 230 Mitarbeiter in Vollzeit. Siebzig Prozent davon außerhalb der Vereinigten Staaten. Alle IT-Manager weltweit sind mir unterstellt. Ich arbeite mit Geschäftsführern und Werkleitern zusammen, um sicherzustellen, dass IT weiterhin ein Bestandteil der strategischen Geschäftsprozesse bleibt. Für jeden Geschäftsbereich gibt es ebenfalls einen Business Relationship Manager, der für einen bestimmten Teil dieses Geschäftsbereichs verantwortlich und rechenschaftspflichtig ist. Dadurch erhalten wir die Chance, Leistungspotenziale aus einer einzigen globalen Organisation zu erlangen, während die IT-Operations auf die Geschäftsziele ausgerichtet bleiben.

Welche Rolle spielt die Virtualisierung bei Ihren Umstrukturierungen?

Als ich 2004 zu BorgWarner kam, hatten wir 900 Server. Meine oberste Zielsetzung bestand in der Senkung der Kosten, indem ich in Bezug auf Server und Speicher einen virtuellen Kurs einschlug. Von den 900 Servern haben wir 600 eliminiert. Die Server sind jetzt Bestandteil einer virtuellen Maschinenumgebung. Im Hinblick auf Datenspeicherplatz sind wir ähnlich verfahren. Wir haben einige Lifecycle-Management-Tools hinzugenommen, so dass man – abhängig von den Zugriffsbedürfnissen – den geeigneten Datenspeichertyp einsetzen kann.

Führt der Weg in die Cloud?

Wenn es um die Infrastruktur geht, glaube ich, dass wir über ausreichend kritische Masse innerhalb des Unternehmens verfügen, um unser eigener interner Cloud Provider zu sein. Um Effizienz oder Werte zu erzielen, muss ich nicht nach draußen gehen. Das kann ich intern mit meiner eigenen kleinen Cloud, meinen eigenen virtuellen Servern erreichen. Wir wollen aber die eigene Infrastruktur nicht unendlich ausbauen. Wir passen unsere eigene Infrastruktur der durchschnittlichen Nachfrage an und mieten uns ein in die Cloud, wenn Bedarf entsteht.

Klingt, als wären Sie beim Outsourcing vorsichtig …

Mit der Zeit werden wir stärker über Outsourcing nachdenken. Aber jetzt – aus der Perspektive eines Unternehmens, das über eine ausreichende Größe verfügt – muss man sich die Frage stellen, ob man nicht selbst etwas auf die Beine stellen kann und sein Geld behält, anstatt es mit anderen zu teilen.

Datensicherheit ist ein wachsendes Problem. Welche Maßnahmen ergreift BorgWarner?

Es wird permanent versucht, von außen auf unsere Daten zuzugreifen, aber bislang konnten wir den Zugriff abwehren. Doch jetzt stoßen wir in neue Märkte vor – wie China und Indien –, bei denen die Bedrohung noch um einiges höher liegt. Wir investieren viel Arbeit in Sicherheitsschlüssel und Rechteverwaltung, das heißt, wenn jemand mit einem Dokument durch die Tür geht, wird dieses Dokument unbrauchbar, sofern diese Person nicht berechtigt ist, dieses Dokument anzusehen, und dies können wir validieren. Allerdings sind wir noch nicht ganz da, wo wir hin wollen.

Wie sehen Ihre Richtlinien aus, wenn es darum geht, dass Mitarbeiter ihre eigenen PCs oder Smartphones für geschäftliche Zwecke nutzen?

Wir erweitern zunehmend den Bereich für Tools, die Mitarbeiter in unserer Umgebung verwenden können. Für unsere Vorstandsmitglieder machen wir Informationen auf iPads verfügbar, die wir zu einem späteren Zeitpunkt wieder löschen können. Die Dokumente befinden sich in der Cloud und wir haben Zugriff auf die Geräte und können sie im Fall von Verlust oder Diebstahl löschen. So löschen wir zum Beispiel alle drei Monate die Daten des vorangegangenen Vierteljahres.

Zum Abschluss: Nennen Sie uns die größten Herausforderungen für die IT in den kommenden Jahren?

Dazu gehört die bereits erwähnte Cloud-Technologie. Sie werden weiterhin Angebote sehen, die wirtschaftlich überzeugend sind. Die Herausforderung liegt darin herauszufinden, warum sich etwas innerhalb der Grenzen Ihrer eigenen vier Wände befinden soll. Sie müssen über eine ausreichende Flexibilität verfügen und die richtige Gelegenheit finden, um auf die Cloud oder auf Cloud-basierte Dienste zu springen. Ein weiterer großer Trend ist „Consumerization“. Die Verbraucher wollen die Geräte, die sie privat in ihrem Alltag nutzen, auch an ihrem Arbeitsplatz nutzen. Man muss hier sehr sorgfältig vorgehen, damit die Sicherheit nicht aufs Spiel gesetzt wird.

Das Gespräch führte: Arjen Bongard (automotiveIT international)