top25

Bereits im vergangenen Jahr überraschten die Ergebnisse im jährlichen Ranking der Top-25-IT-Dienstleister von automotiveIT: Während die Autoindustrie in den turbulentesten Zeiten ihrer Geschichte steckte, verbuchten die Digitalisierungsspezialisten der Branche hervorragende Umsätze. Nach einem Wachstum von 7,9 Prozent im Jahr 2016 rechneten die 25 größten Player mit einem Sprung auf 9,8 Prozent im Jahr 2017.

Wie sich nun zeigt, war auch diese Prognose noch zurückhaltend: Laut dem aktuellen Ranking (siehe Seite 22) konnten die IT-Dienstleister ihre Umsätze in der deutschen Autobranche 2017 sogar um 10,9 Prozent steigern – das größte Wachstum seit 2011. Rund 4,5 Milliarden Euro vereinen die Unternehmen auf sich. Und das, nachdem man erst im Vorjahr die Vier-Milliarden-Euro-Grenze geknackt hatte. Mehr noch: Die Prognosen für 2018 deuten sogar auf einen Sprung auf rund fünf Milliarden Euro hin.

Aktuelle Zahlen des Branchenverbandes Bitkom untermauern die Ergebnisse von automotiveIT: 86 Prozent der ITK-Unternehmen in Deutschland erwarten ein Umsatzplus. Der Bitkom-Index – Gradmesser für das Klima in der IT-Branche – liegt auf einem Rekordhoch von 78. „In der Bitkom-Branche ist die Stimmung so gut wie lange nicht“, bestätigt Verbandspräsident Achim Berg. Also alles rosig in der IT-Welt? Das anzunehmen wäre blauäugig. Bereits im vergangenen Jahr stand unterm Strich, dass es sich um einen trügerischen Frieden handeln könnte. Denn es ist keineswegs so, dass die IT-Spezialisten die Probleme der Autobauer nicht zu spüren bekämen.

Ein Blick auf die Entwicklungen der einzelnen Player im Ranking macht deutlich: Längst nicht jedes Unternehmen kann sich über steigende Umsätze freuen. Tatsächlich ist eher eine gewisse Schere erkennbar: Viele IT-Dienstleister verbuchen ein Plus über dem Schnitt von rund elf Prozent, andere liegen darunter. Nur wenige erreichen einen Mittelwert. So können etwa T-Systems und IBM, die unverändert an der Spitze liegen, ihre Umsätze nur im geringen bis mittleren einstelligen Bereich steigern – immerhin verbucht die Telekom-Tochter nach Jahren der Stagnation oder sogar des Rückgangs wieder ein Plus von 40 Millionen Euro. Gefährlich wird den beiden Topplatzierten dennoch kein anderer Player.

Was sich nicht für den jahrelangen Dritten im Bunde, HP beziehungsweise DXC Technology, sagen lässt: Nach der Übernahme von CSC selbst im Umbruch befindlich, musste der IT-Dienstleister einen Umsatzrückgang auf rund 300 Millionen Euro hinnehmen – was die Schwaben nun auf den fünften Rang zurückwirft. Die Profiteure dieser Entwicklung sind Computacenter und Accenture, die auf den dritten und vierten Rang klettern konnten. Ein Blick auf die Prognosen für 2018 verrät allerdings, dass sich DXC schnell berappeln und wieder angreifen dürfte.

Besser sieht es für die mittleren und kleineren Dienstleister aus. Die 20 Unternehmen unterhalb der Top Five weisen einen Marktanteil von 49 Prozent auf – Rekord in der achtjährigen Erhebung des Rankings. Das liegt zum einen an den starken Neueinsteigern. Mit dem indischen IT-Dienstleister Wipro, zu dem seit 2016 die deutsche Cellent GmbH gehört, und dem Münchener Cloudspezialisten Cancom gesellen sich zwei starke Player auf den Rängen 16 und 17 hinzu. Zum anderen konnten sich Dienstleister wie Cenit oder Operational Services stark verbessern.

Das letztgenannte Unternehmen aus Frankfurt ist es auch, das die inoffizielle Trophäe als Aufsteiger des Jahres hochhalten kann: Mit einem Plus von rund 65 Prozent klettert Operational Services von Rang 23 auf 20. Grund hierfür sei ein starkes Automotive-Geschäft, in dem man sich immer weiter von der historischen Konzentration auf den Volkswagen-Konzern verabschiede und immer mehr IT-Geschäft mit anderen OEMs und Zulieferern mache, heißt es aus Frankfurt. Auch von den Themen IT-Security und Cloudmigration konnte das Unternehmen im vergangenen Jahr nach eigener Angabe profitieren.

Für den Automotive-Experten Jochen Fauser von der Unternehmensberatung Deloitte sind die Ergebnisse der Top-25-Erhebung nicht überraschend. „Die Digitalisierung unserer Lebenswelten schreitet ungebremst voran. Kunden erwarten, dass sich ihr digitaler Lebensstil auch im Auto fortführt“, sagt er. Gerade aufgrund der aktuellen Marktherausforderungen bestehe fortwährend ein signifikanter Bedarf, „Produkte sowie deren digitale Ökosysteme ‚ready for future‘ zu implementieren“, meint Fauser.

Zudem sieht der Experte neben dem allgemeinen Transformationsdruck eine erhöhte Nachfrage nach Beratungsexpertise im Bereich IT-Compliance und insbesondere der Datenschutzgrundverordnung. Auch für das gute Abschneiden von einigen kleineren Unternehmen hat Fauser eine Erklärung: „Aufgrund der Themenvielfalt im Bereich Digitalisierung nimmt die Spezialisierung innerhalb der Branche zu. Vor allem kleinere Branchenmitglieder konzentrieren sich auf gewisse Nischen wie E-Payment, die Sharing Economy oder Blockchain beziehungsweise bauen diese gemeinsam mit innovativen Start­ups aus.“ Aus der Branche ist zudem zu hören, dass Outsourcing eine gewisse Renaissance erlebt.

Auch Projekte zur künstlichen Intelligenz setzen viele Autohersteller gemeinsam mit den IT-Dienstleistern um, das unterstreicht auch die Umfrage von automotiveIT (siehe Seite 20). Es gibt allerdings auch Herausforderungen, denen sich vor allem die gro­ßen 360-Grad-Anbieter gegenübersehen. Wie ein Branchenkenner gegenüber automotiveIT deutlich macht, klafft derzeit vor allem beim Thema Agilität eine große Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit.

Auf der einen Seite stehen Projekte unter immer höherem Zeitdruck, was bei den IT-Dienstleistern für Chaos sorgt. Gleichzeitig mahlen bei den Herstellern die Mühlen im Hintergrund aber weiterhin langsam, Ergebnisse werden verschleppt. Gleiches gelte für digitale Ideenschmieden. „Die meisten Labs werden nicht richtig gesteuert“, sagt der Manager. Es hakt am Übertragen der Ergebnisse in den Mutterkonzern, der Output ist meist weniger kreativ, als er sein könnte.

Kurz gesagt: Die Autobranche scheint derzeit gefangen zwischen alter und neuer Welt. Und die IT-Dienstleister könnten in diesem Spiel unter die Räder kommen, wenn sie fragile Projekte der OEMs begleiten. Noch färbt das auf die Top 25 in ihrer Gesamtheit nicht ab, auch im nächsten Jahr können sich die Geschäftszahlen wohl wieder sehen lassen. Doch wie automotiveIT bereits im vergangenen Jahr titelte: Es bleibt ein Erfolg unter Vorbehalt.