AUDI (Ungarn)/Produktion
| von Hilmar Dunker

zum Beispiel umfasst die Frozen Zone sechs Tage. Damit erfolgt die Anlieferung der Teile in Perlenkette-Reihen „prozesssicher aus Entfernungen bis zu 1 300 Kilometern. Auch größere Distanzen sind denkbar“, sagt Thomas Heptner, Leiter der Werklogistikplanung Audi A6/A7 im Werk Neckarsulm. Was heute nicht nur für Heptner Stand der Technik ist, hat noch keine lange Geschichte. Vor etwa 15 Jahren starteten deutsche OEMs zunächst recht vorsichtig mit dem Perlenketten-Konzept, den Anfang machte Daimler. Inzwischen ist das Prinzip bei allen Herstellern im Einsatz, aber in unterschiedlichen Formen und nicht bei allen für die gesamte Produktion. Wenn es gut funktioniert, sind die Vorteile offensichtlich. Die festgelegte Reihenfolge erhöht die Termintreue und die Durchlaufgeschwindigkeit. Da kann man in Kauf nehmen, dass andere Parameter der Produktion nachrangig behandelt und nur in engen zeitlichen Grenzen berücksichtigt werden können. Für die Maschinen im Rohbau wäre es günstig, wenn möglichst viele baugleiche Karosserien in einem Block bearbeitet werden, in der Lackiererei gilt das entsprechend für farbgleiche Fahrzeuge. Das widerspricht sehr oft der Reihenfolge in der Perlenkette und würde in der Konsequenz zu Zeitverzögerungen und verstärkter Lagerhaltung führen. Deren Reduzierung ist ein gewichtiges Argument für die Perlenkette. Vor allem bei hochvarianten Teilen habe man den Lagerbestand um bis zu 50 Prozent reduziert, berichtet Heptner am Beispiel Neckarsulm. Dort hat Audi deshalb einige Modellreihen (Audi A8, Audi R8, Audi A4, Audi A5 Cabriolet, Audi A6 und Audi A7) auf die Perlenkette umgestellt, sowohl im Karosserie- als auch im Materialfluss. Auch die Lieferanten können dank der stabilen Abrufe im Produktions- und Anlieferprozess beruhigt werden. Von Audi erhalten sie wöchentlich eine langfristige Bedarfsvorschau mit einem Horizont von sechs Monaten. Die ersten drei Wochen sind sehr detailliert, denn sie beruhen schon auf tatsächlichen Fertigungsaufträgen. Das kann dem Zulieferer die Disposition der Vormaterialien wesentlich erleichtern. Mit der Perlenkette sind die Produktionsprozesse stabil geworden. Der Audi-Logistiker Heptner beziffert die Güte dieser Kette in Neckars-ulm auf 95 Prozent. Das heißt, 95 von 100 Autos werden in der geplanten Reihenfolge produziert, vor Einführung der Kette waren es nur 20 Prozent. Diese Entwicklung gehe unvermindert weiter, sagt Thomas Hußlein, Mitinhaber der auf Optimierungsverfahren vor allem im Bereich Automotive spezialisierten und bei mehreren OEMs aktiven IT-Firma OptWare. Die Perlenkette werde länger, die Prozessstabilität entsprechend größer: „Heute sind es meist vier Tage, aber zehn Tage sind zukünftig auch möglich. Das ermöglicht dann schon Anlieferungen aus Ländern mit einem sehr geringen Lohnniveau und damit Kostenvorteile.“

Oder Zulieferer nutzen die dadurch möglichen längeren Transportwege und konzentrieren ihre oft zahlreichen und verstreuten Produktionsstätten in der Nähe der jeweiligen OEM-Fabriken zu einem zentralen Werk mit intelligenter Produktion, am besten für mehrere OEMs und viele Werke. Algorithmen für eine hohe Lösungsgeschwindigkeit sieht Hußlein als eine Herausforderung an die IT: „Bisher konnten wir eine Perlenkette mit 20 000 Fahrzeugen abbilden, heute schon mit bis zu 500 000 und bald mit einer Million. Das ist mehr als die Jahresproduktion eines Werkes. Eine Perlenketten-Prognose für viele Monate also und damit ein großer Vorteil für die Teilebeschaffung.“ Derzeit wollen viele Automobilhersteller aufgrund der extrem guten Marktlage ihre bestehenden Werke aus- oder neue Werke aufbauen, und auch da könnte die weit vorausschauende Simulation der Produktion nach festgelegter Auftragsreihenfolge hilfreich sein. Auch die Vielfalt der Varianten und Derivate auf einem Produktionsband wird weiter steigen, weil die Autohersteller im Wettbewerb um den Kunden immer stärker auf dessen individuelle Wünsche Rücksicht nehmen müssen. Diese Variantenvielfalt kann die Perlenkette im Prozess und in der Teileanlieferung beherrschen, und sie dürfte auch für wachsende Anforderungen gewappnet sein.

 

Autor: Gert Reiling

Foto: Audi