Rolle des CIO
| von Pascal Nagel

Rolle des CIODie digitale Transformation verändert die IT-Organisation – und damit die Rolle des CIO. Ein schwieriger Wandel im Spannungsfeld zwischen klassischer und agiler IT.

Die Nachricht als solche ging im sich immer schneller drehenden Personalkarussell des Volkswagen-Konzerns fast unter. Die Wolfsburger haben Johann Jungwirth von Apple abgeworben. Der 42-Jährige war bei dem US-Konzern unter anderem in der Special Projects Group im kalifornischen Cupertino tätig und dort für Innovationen in Technik und Design zuständig. Jungwirth soll laut US-Medien auch am „Projekt Titan“ beteiligt gewesen sein. Hinter dem Begriff verbirgt sich nichts Geringeres als das geheimnisumwitterte Apple-Auto, über das schon seit Jahren spekuliert wird. Jetzt also Volkswagen. Jungwirth leitet seit November den neu geschaffenen Bereich Digitalisierungsstrategie mit direktem Zugang zu Vorstand Matthias Müller. Damit wird auch klar: IT ist auf dem Weg zur Chefsache. Nicht ohne Grund. Die Automobilindustrie steht vor einem gewaltigen Kulturwandel – die IT wird zum Treiber neuer Technologien und Innovationen entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Kein Automobilkonzern kommt mehr an dieser Tatsache vorbei. Und damit rückt die klassische IT-Organisation ins Rampenlicht, ein Umstand, der ihr bis dato schlicht versagt war. Die Aufgabe der IT beruhte primär darauf, die IT-Landschaft in Hintergrund am Laufen zu halten. Und so sieht auch immer noch das eigene Selbstverständnis vieler IT-Chefs aus. Sie sehen sich als Serviceprovider der Fachbereiche – ihr Wirken ist nach innen gerichtet. Bis heute sind die IT-Experten in der Wahrnehmung eher Techniker als Strategen. Doch Strategen sind jetzt gefragt, will man den gewaltigen Wandel schaffen. Neue Geschäftsmodelle und disruptive Ansätze aus der Consumer-Welt haben de facto ein Vakuum in vielen Konzernen geschaffen, das von der klassischen IT bis jetzt nicht gefüllt werden kann. Neue Businessmodelle und Innovationen an der Schnittstelle zum Kunden standen bisher nur in Ausnahmefällen auf der ohnehin umfangreichen To-do-Liste der CIOs.

von Daimler, das im Wesentlichen vom ehemaligen Daimler-CIO Michael Gorriz ausgerollt wurde. Fest steht: Die Automobilindustrie muss eine Metamorphose durchlaufen, will sie die exponentielle Entwicklung in der digitalen Welt mitgehen und nicht zum Getriebenen der großen IT-Player werden. Und sie muss jetzt handeln. Wer zögert, verliert. Volkswagen hat deswegen die neue Position geschaffen. Und ist damit nicht allein. BMW holte Dieter May von der Deutschen Telekom und machte ihn zum Senior Vice President Digital Business Models. Daimler ernannte im Frühsommer den von BMW zurückgekehrten Sajjad Khan zum Vice President Digital Vehicle and Mobility. 1500 Softwareentwickler arbeiten unter Khans Leitung. Dieser berichtet direkt an Entwicklungsvorstand Thomas Weber. Und Automobilzulieferer Schaeffler hat jüngst den Automotive-Chef Gerhard Baum von IBM abgeworben und zum Chief Digital Officer ernannt. Der Raumfahrtingenieur und Informatiker soll unter anderem eine digitale Agenda formulieren. Auf dem Papier grenzen sich die neuen Digitalstrategen von der klassischen IT sauber ab. Doch in der Praxis verläuft deren Positionierung nicht immer reibungslos. Es entstehen Spannungsfelder an den Schnittstellen zur IT – und mitunter auch zu Forschung und Entwicklung, dem heiligen Gral der Entwickler.

Zentrale Frage ist: Wie sieht die künftige Rolle des CIO in dieser komplexen Führungsstruktur aus? Serviceprovider oder Stratege? „Die Diskussion um die Rolle des CIO und deren Veränderung ist historisch betrachtet nicht neu“, sagt Jürgen Lademann, Partner Technology Advisory bei Deloitte. Nach seiner Auffassung gibt es durchaus eine Berechtigung für verschiedene Rollen, er sieht drei grundsätzliche Typen: den zuverlässigen Dienstleister, den Wegbereiter des Wandels und den Impulsgeber für neue Geschäftsstrategien und Technologien. „Wir haben einen guten Set von CIOs, die sich in der Rolle des zuverlässigen Dienstleisters sehen – und sich dort auch zu Recht sehen“, weiß Lademann. Für manchen IT-Chef mag die Ausrichtung passen, zeitgemäß ist das allerdings nicht. Klar ist: Der Wandel verändert die Funktion. Die Position des CIO wird sich zunehmend an den Transformationsprozess und die damit verbundene Ausrichtung des Unternehmens anpassen und letztlich dazu führen, dass sich moderne IT-Chefs zunehmend als Wegbereiter oder Impulsgeber verstehen und ihre Organisation dahingehend ausrichten wollen. Das spiegelt sich auch im „CIO Survey 2015“ von Deloitte wider. Laut der Befragung möchten 60 Prozent der Entscheider die IT-Organisation zu einem aktiven Bestandteil der Produkt- und Serviceentwicklung machen. Mehr als 40 Prozent wollen Businessinnovationen, Strategie und Digitalisierung vorantreiben. Aus diesem Grund plädieren sie auch dafür, in die Entwicklung der Unternehmens- und Technologiestrategie eingebunden zu werden und drängen damit einhergehend darauf, sich vom tradierten Adressaten, dem Personal- oder Finanzvorstand, zu lösen. Ein Viertel der Befragten sucht die Abstimmung mit dem Gesamtvorstand. Nicht zu Unrecht. Der Haken: „Nur wenige CIOs besitzen die Fähigkeit sowie ein Verständnis für disruptive Marktentwicklungen“, so Lademann. Diesbezüglich besteht ein Nachholbedarf und das weiß die Mehrheit der CIOs laut der Befragung auch. Zudem müssen sie sich deutlich stärker mit Marketing und Vertrieb auseinandersetzten und mit den zuständigen Fachbereichen austauschen. „Von dort kommen künftig viele Impulse für Strategie und Innovation“, so Lademann.

Fazit: CIOs, die sich aus ihrer tradierten Rolle lösen können, den Mut zur Veränderung aufbringen und fehlende Kompetenzen sukzessive aufbauen, werden ihre Position stärken und die Digitalisierung mitgestalten können – auch wenn sie dabei in Konflikt mit den neuen Konzernstrategen für Digitalisierung geraten. Für alle anderen IT-Chefs besteht die Gefahr, dass sie in einer sich ausbreitenden Two-Speed-IT als zuverlässiger Dienstleister zurückbleiben.

Autor: Hilmar Dunker

Fotos: Werk

Dieser Artikel erschien erstmals in der automotiveIT 12/2015