Bernhard Winkler, Head of IT Region, Automotive Lighting
| von Hilmar Dunker

In den letzten Jahren haben viele Hersteller innovative Lichttechnologie zu einem markenprägenden Designelement gemacht. Häufig mit an Bord: Automotive Lighting, weltweit die Nummer zwei im Bereich Fahrzeugaußenbeleuchtung. Head of IT Region Bernhard Winkler erklärt im Interview, welche Anforderungen die IT zu schultern hat, um sich in der Entwicklung und Produktion erfolgreich als Businesspartner zu platzieren.

Aber er bildet Arbeitsbeziehungen ab, die in unserem Unternehmen historisch gewachsen sind. Deutschland und Tschechien agieren bei Automotive Lighting schon seit vielen Jahren in einem eng abgestimmten Produktionsverbund mit starken Vernetzungen auf vielen Ebenen. Die Erweiterung dieser organisatorischen Einheit um Russland lag für uns nahe, weil wir den dortigen Automobilmarkt zielgerichtet erschließen wollen.

Ihr Unternehmen ist international tätig, aktuell gibt es 21 Standorte in 15 Ländern. Wie stellen Sie gemeinsam mit Ihren Kollegen in den einzelnen Ländern eine globale ITK-Strategie sicher?

Maßgeblich ist für meine Kollegen und mich die IT-Strategie der Magneti-Marelli-Gruppe. Unser italienisches Mutterhaus in Corbetta, Mailand, setzt wichtige zentrale Standards, an denen sich alle Standorte, an denen Automotive Lighting vertreten ist, orientieren. Hierdurch haben wir globale Synergieeffekte, die wir gerne nutzen. Darüber hinaus gibt es natürlich eine Vielzahl spezifischer lokaler IT-Anforderungen. Es macht schon einen Unterschied, ob in Brasilien, Frankreich oder Indien die Geschäftsprozesse für Produktionswerke unterstützt werden müssen – oder hier in Reutlingen die Unternehmens-zentrale und ein Forschungs- und Entwicklungsbereich mit mehreren hundert Ingenieuren.

Wie viele IT-Mitarbeiter bewegen denn die operativen Tagesthemen?

Weltweit arbeite ich mit circa 80 Kollegen zusammen. Im Vergleich zur Gesamtbelegschaft von rund 14 000 Mitarbeitern mag das als sehr überschaubare Größe erscheinen. Aber sie spiegelt exakt die Einstellung wider, mit der wir hier unterwegs sind. Effizienz und Flexibilität spielen in der Unternehmens-IT von Automotive Lighting und Magneti Marelli eine große Rolle. Wir sind es gewohnt, die Kapazitäten unserer schlanken Stammmannschaft bei Bedarf mit externen Partnern zu verstärken, die schon lang mit uns zusammenarbeiten.

Um wie viel Prozent können Sie denn auf diese Weise Ihre Schlagkraft erhöhen?

Sie können davon ausgehen, dass unsere Atembewegungen in der IT auf den Geschäftsverlauf reagieren. Die richtige Relation zwischen Business und IT muss in jeder Situation gewahrt bleiben. In den letzten Jahren haben wir sehr erfolgreich ein diszipliniertes Kostenmanagement durchlaufen. Ergebnis: Unser IT-Budget ist Benchmark in der Automobilindustrie. Unsere Kosten liegen unterhalb des Branchendurchschnitts. Das soll so bleiben.

Sind Sie bereit, dafür Abstriche bei der Qualität in Kauf zu nehmen?

Im Gegenteil: Wir haben uns mehrwertorientiert aufgestellt. Das erklärte Ziel ist, möglichst nah an den Fachbereichen dran zu sein und sämtliche Möglichkeiten der Informationstechnologie auszuschöpfen. Wir wollen mit unseren Systemen und Lösungen die Qualität der Geschäftsabläufe weiter erhöhen. Jedes Projekt, das wir unterstützen, soll einen eindeutigen Mehrwert bringen und einen aktiven Beitrag zum Geschäftserfolg von Automotive Lighting liefern.

Aber bräuchten Sie gerade dafür nicht eine höhere Wertschöpfungstiefe?

Nein. Wir überlegen uns sehr bewusst, welches Thema bei wem am besten aufgehoben ist. Mit diesem Hybridmodell sind wir immer gut gefahren. Teile unserer Infrastruktur zum Beispiel betreiben wir hier am Standort Reutlingen selbst, andere Zentralrechner stehen bei Magneti Marelli in Italien und werden von dort gemanagt. Dieser Ansatz für das Vorgehen mit dem SAP-System ist ein hervorragendes Beispiel für Synergieeffekte innerhalb Magneti Marelli, denn in den letzten sechs Jahren haben wir das bestehende SAP-Template mit eigenen Ressourcen in unterschiedlichste Länder und Produktlinien ausgerollt. Zusätzlich nutzen wir schon seit vielen Jahren die Möglichkeit, ausgewählte Rechenzentrumsleistungen fremdzuvergeben. Es kommt auf die richtige Mischung an.

Übernehmen andere Standorte diese Vorgehensweise? 

Wettbewerb belebt das Geschäft, auch innerhalb des Konzerns. Wir planen zum Beispiel, künftig unsere Produktionswerke mit einem gruppeninternen Logistik-Award herauszufordern. Die standardisierte Informationstechnik wird dafür mit entsprechenden Kennzahlensystemen eine wichtige Grundlage liefern. Die Idee dahinter ist, standortspezifische Handlungsfelder sichtbar zu machen, Schritt für Schritt zu optimieren und so das Gesamtunternehmen voranzubringen.

Heißt das, dass die Werklogistik noch nicht wirklich vereinheitlicht ist?

Natürlich gibt es Standards. Aber ihnen gegenüber steht eine große Produktbandbreite. Die Werke brauchen die Freiheit, Abläufe spezifisch gestalten zu können. Und da ist es durchaus spannend zu sehen, wer mit welchem Ansatz wie weit kommt.

Kann die IT als Katalysator wirken?

Durchaus. Standards stehen auf unserer Agenda ganz oben und wir investieren auch in entsprechende Tools, beispielsweise in SAP und Managementsysteme in der Fertigung. Diese Lösungen sind eines unserer größten Assets – Lösungen, die in den unterschiedlichen Business Lines entwickelt wurden und proaktiv in anderen Bereichen eingeführt werden können. Zudem haben wir aktuell in eine Telepräsenzlösung investiert, die uns gleich drei Vorteile bietet: Wir können damit die Kommunikation auf Topmanagementebene unterstützen, wertvolle Arbeitszeit wird adäquat genutzt und obendrein sinken die Reisekosten im gesamten Unternehmen spürbar. Die Akzeptanz ist hervorragend. In meiner Wahrnehmung ist die Anzahl kurzfristig einberufener Meetings bereits deutlich gestiegen. Je weiter die Standorte auseinanderliegen, desto größer der Vorteil für alle Beteiligten.

Wie kann die IT darüber hinaus die Zusammenarbeit verteilter Teams stärken und aktiv Partner einbeziehen, die jenseits der Unternehmensgrenzen arbeiten?

Collaboration war für Automotive Lighting schon immer ein Thema, schließlich sind wir 1999 als Joint Venture von Magneti Marelli und der Robert Bosch GmbH gestartet. Schon damals war es eine Kernaufgabe der IT, die Kompetenzträger, die an den verschiedenen Standorten arbeiteten, virtuell zusammenzuführen. Und daran halten wir bis heute fest: Wir vermeiden es, Fachwissen doppelt und dreifach aufzubauen, sondern vernetzen das im Unternehmen vorhandene Wissen, wo immer es geht. Gerade weil bei uns Menschen aus unterschiedlichen Kulturen zusammenarbeiten, entstehen oft kluge und reizvolle Lösungen. Das gilt übrigens auch für unsere IT-Projekte.

Wie viele kundenspezifische Prozesse müssen Sie bei Automotive Lighting abbilden, wie viele unterschiedliche Applikationen vorhalten?

Wir beliefern praktisch alle Hersteller und arbeiten mit ihnen in allen Produktlebenszyklen eng zusammen. In der Designphase sitzen wir lange Zeit vor dem Serienanlauf am Tisch und müssen sowohl für das Seriengeschäft wie auch für das Aftersalesgeschäft – oft Jahrzehnte lang – die Teilebelieferung garantieren. Solche Aufgabenstellungen schlagen natürlich eins zu eins auf die Informationstechnologie durch. Wie andere Zulieferer müssen auch wir dazu bereit sein, Doppelstrukturen zu akzeptieren, zum Beispiel im PLM-Umfeld. Da richten wir uns ganz klar nach den Kundenanforderungen, auch wenn das mehr Aufwand für uns bedeutet.

Lassen Sie Eigenentwicklungen zu?

Mit jeder Anfrage, die wir aus den Fachbereichen erhalten, ist eine Validierungsphase verbunden. In ihr prüfen wir nicht nur, ob bereits passende Standardapplikationen im Konzern vorhanden sind. Wir hinterfragen auch den Sinn und Zweck, die Ziele, die mit dem neuen System erreicht werden sollen. Im Dia-log entsteht dann häufig ein sehr viel breiterer Lösungsansatz. Müssen wir bei der Realisierung Neuland betreten, erfolgt das in enger Abstimmung mit unseren italienischen Kollegen in der Zentrale. Grundsätzlich spricht nichts dagegen, dass wir eine Vorreiterrolle übernehmen, solange damit zu einem späteren Zeitpunkt ein Mehrwert für die Gruppe verbunden ist.

Automotive Lighting entwickelt Software für Lichtsteuergeräte und Body Controller selbst. Hat die Unternehmens-IT daran irgendwelche Anteile?

Noch sehen wir hier eine klare Trennlinie. Auch die Fahrzeughersteller unterscheiden zwischen der Informationstechnik im Fahrzeug und ihrer Business-IT. So ist es auch bei Automotive Lighting. Ich gehe aber davon aus, dass es in wenigen Jahren vollintegrierte Ansätze geben wird. Die Rolle der CIOs wird sich dadurch erheblich verändern. Überhaupt wird sich die IT immer weiter in Richtung Business entwickeln, egal, in welcher Branche. Schon heute sind wir doch näher an allen Fachbereichen dran als alle anderen Querschnittsbereiche – und damit ein prädestiniertes Bindeglied, um die immer komplexer werdenden Kommunikationsanforderungen im Unternehmen zu unterstützen. Der Trend geht für mich eindeutig in Richtung Integration Technology. Wir dürfen uns als Unternehmens-IT nicht mehr ausschließlich darauf beschränken, im Hintergrund die Server am Laufen zu halten, sondern müssen uns aktiv als Businesspartner positionieren.

Könnte dabei ein moderner Cloud-Computing-Ansatz von Nutzen sein? 

Durch das Outsourcing von Serverinfrastruktur arbeiten wir bereits mit einer Art privater Cloud, in der wir weltweit auf ausgelagerte Anwendungsdaten zugreifen können. Bei Software as a Service sind aus unserer Sicht noch einige Themen klärungsbedürftig, gerade im Hinblick auf die Vertraulichkeit der Daten und rechtliche Rahmenbedingungen. Deshalb steht das nicht aktiv auf unserer Agenda. Anders sieht es beim Thema Mobile Device Management aus: Hier versuchen wir aktiv, die Transparenz, die unsere Backend-Systeme bis an den Arbeitsplatz liefern, auch auf mobile Endgeräte wie das iPad zu bringen, selbst obwohl das iPad eher für den privaten Gebrauch entwickelt wurde und noch nicht komplett auf die geschäftlichen Belange ausgerichtet ist. Seit Januar läuft ein Pilotversuch, um Kennzahlenabfragen aus SAP in Echtzeit zu ermöglichen. Eine Herausforderung, die wir bereits sehen, ist die Handhabung. Sie muss so intuitiv wie möglich sein. Damit geht und fällt die Akzeptanz solcher Angebote. Ich bin mir aber sicher, dass sich die Welt der Informationstechnologie stark in diese Richtung entwickeln wird.

 

Das Gespräch führten: Ralf Bretting und Hilmar Dunker

Foto: Claus Dick

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