Dräger
| von Claas Berlin

Deutschland ist ein digitales Entwicklungsland. Das zeigt sich vor allem im Bildungssystem. Im Interview erklärt Jörg Dräger, Mitglied des Vorstandes der Bertelsmann-Stiftung, wieso Schulen, Hochschulen und Unternehmen die Digitalisierung dringend als Chance und nicht als Bedrohung begreifen sollten.

Wir lernen fürs Leben, doch der Beruf ist ein integraler Bestandteil des Lebens. Eine klare Trennung halte ich deswegen für schwierig. Schule hat die Aufgabe, auf das Leben in einer zukünftigen Gesellschaft vorzubereiten. Dazu gehört der Beruf ebenso wie der Umgang mit einer zunehmend digitalen Demokratie. All diese Aspekte eines zukünftigen Lebens müssen Teil der Bildung sein.

Das deutsche Bildungssystem in seiner jetzigen Form scheint kaum darauf ausgelegt zu sein, junge Menschen optimal für die Anforderungen der Arbeit 4.0 auszubilden. An welchen Stellschrauben sollte oder könnte zuerst gedreht werden?

Ursprünglich war unser Bildungssystem auf das Konzept „Wissen wissen“ ausgerichtet. Sprich, Fakten werden vermittelt, die ich dann anwenden kann. Mittlerweile geht es eher darum, „Lernen zu lernen“. In einer sich immer schneller drehenden Welt mit immer kürzeren Halbwertszeiten von Wissen muss ich in der Lage sein, mir selbst etwas beizubringen. Das heißt: Schulen und Hochschulen müssen zur Eigenverantwortung erziehen und individuell fördern. Jeder Mensch ist schließlich unterschiedlich, niemand gleicht dem anderen. Diese Unterschiedlichkeit haben unsere Schulsysteme bisher als Problem gesehen, stand sie doch einer Wissensvermittlung im Gleichschritt im Weg. Der Herausforderung Diversität lässt sich jetzt mit der Digitalisierung viel besser begegnen. Digitale Medien sind Werkzeuge, um ein eigentlich sehr analoges Ziel zu erreichen: die individuelle Förderung jedes Einzelnen.

Ist die Digitalisierung das entscheidende Momentum für die individuelle schulische Förderung?

Ein wirklich guter Lehrer mit entsprechender Ausbildung kriegt das auch analog hin. Mit digitalen Hilfsmitteln ist das jedoch einfacher, gerade bei größeren Klassen. Doch wenn ich heute an eine Schule gehe und über den herannahenden digitalen Wandel spreche, berichten mir Lehrer über ganz andere Probleme: die Einführung der Ganztagsschule, Inklusion, Disziplinlosigkeit und marode Gebäude. Und jetzt auch noch die Digitalisierung. Wir versuchen klarzumachen: Die digitale Transformation ist kein weiteres Problem, sie ist Teil der Lösung. Wichtig ist auch, mit der Digitalisierung arbeiten zu lernen.

Was meinen Sie damit konkret?

Wir alle, auch unsere Schüler, sind großartig, wenn es um den Konsum digitaler Inhalte wie YouTube-Videos geht. Doch wie viele von uns verstehen wirklich, wie Algorithmen oder Machine Learning funktionieren oder wie künstliche Intelligenz mein Leben beeinflusst? Und wer von uns ist in der Lage, digital kreativ zu werden? Das kann beispielsweise ein selbst produziertes Video oder eine selbst geschriebene App sein. Hier sehe ich ein erhebliches Defizit: Wir müssen uns vom Konsumenten zum Erschaffer wandeln, zum aktiven Gestalter der Digitalisierung werden. Da tut unser Bildungssystem viel zu wenig.

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Das Interview führten: Hilmar Dunker und Yannick Polchow
Bild: Claus Dick