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„Ich bemängele, dass die Blockchain aus dem Bitcoin-Kontext herausgelöst und inzwischen als Heiliger Gral angepriesen wird.“ Bild: Secorvo Security Consulting

| von Michael Vogel

automotiveIT: Herr Fox, was stört Sie an der Blockchain?

Grundsätzlich nichts. Die Blockchain ist im Rahmen von Bitcoin eine herausragend elegante Lösung, weil man auf vertrauenswürdige Dritte verzichten kann, auf ein zentral organisiertes Bankensystem. Aber ich bemängele, dass die Blockchain aus dem Bitcoin-Kontext herausgelöst und inzwischen als Heiliger Gral angepriesen wird. Wer das tut, hat die Voraussetzungen für die Blockchain nicht verstanden.

Das müssen Sie uns erklären.

Die Blockchain steht für Transparenz, sie garantiert sozusagen ein öffentliches Kontobuch, in dem alle Transaktionen verzeichnet sind. Sie wird also immer länger. Das gilt auch für Bitcoin: Auch wenn die ausgegebene Geldmenge dort mathematisch auf 21 Millionen Bitcoin begrenzt ist, ist die Zahl der mit Bitcoins getätigten Transaktionen keineswegs limitiert. Die Kette wird also immer länger, je länger der Bitcoin existiert. Bei welcher Anwendung kann ich mir das leisten? Da fehlt mir das Vorstellungsvermögen. Aber es geht ja noch weiter!

Nämlich?

Die Blockchain funktioniert, weil alle Einträge durch die Crowd überprüft werden. Die Motivation für die Überprüfung ist beim Bitcoin monetärer Natur: Man erhält Bitcoin, wenn man die komplizierten Rätsel löst. Wenn ich nun die Blockchain für eine andere Anwendung als Bitcoin – oder allgemeiner: eine Cyber-Währung – nutze, wer hat dann einen Anreiz, zu prüfen? Und zwar öffentlich! Eine Blockchain ohne öffentliche Prüfung verliert eine ihrer wesentlichen Eigenschaften.

Das Grundbuch wird gerne als künftige Blockchain-Anwendung genannt.

Bislang sorgt der Notar dafür, dass bei Grundstücksverkäufen nicht betrogen wird. Wenn ich das Grundbuch nun über eine Blockchain abbilde, brauche ich weiterhin einen Dritten, der ein – letztlich wirtschaftliches – Interesse daran hat, die Richtigkeit eines Grundstücksverkaufs zu bezeugen. Wenn es der Notar nicht ist, wer dann? Käufer und Verkäufer können es nicht sein, weil sie ja direkt an der Transaktion beteiligt sind.

Bei der Supply-Chain, sagen viele Protagonisten, biete die Blockchain den großen Vorteil, Daten dezentral und unveränderlichen speichern zu können – Stichwort: Rückverfolgbarkeit. Völlige Transparenz und aufwändige Verifikationen seien gar nicht nötig oder erwünscht, teils sogar rechtlich unzulässig. Aber alle anderen Methoden der vergangenen Jahrzehnte hätten beim Supply-Chain-Management eben nicht funktioniert.

Rückverfolgbarkeit ist nur eine von mehreren Eigenschaften der Blockchain. Rückverfolgbarkeit kann man aber auch auf andere Art und Weise erreichen, oft sogar viel einfacher – beispielsweise durch elektronische Signaturen eines vertrauenswürdigen Dritten, etwa einem Notar. Das hätte weitere Vorteile: Die Prüfung der Korrektheit einer elektronischen Signatur verursacht keinen Aufwand und kann jederzeit von jedem Nutzer durchgeführt werden.

Ist die Blockchain also jenseits von Cyber-Währungen sinnlos?

Es fällt mir schwer, mir andere Anwendungen vorzustellen, für die eine gleichzeitig dezentrale, komplett transparente und aufwändig zu verifizierende Blockchain die richtige technische Umsetzung ist. Natürlich kann man sagen, dass Blockchain einfach Smart Contracts bedeutet, verbunden mit einer zentralen Instanz und unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Ich kann ja auch eine Schraube mit einem Hammer in die Wand treiben: Es geht, aber besonders elegant ist das nicht.

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