Frank Gaßner, Automotive-Experte bei T-Systems gibt ein Interview gegenüber automotiveIT.

Automotive-Experte Frank Gaßner von T-Systems erwartet nach der Coronakrise einen Digitalisierungsschub. Bild: T-Systems

| von Ralf Bretting

Langsam scheint sich die Lage etwas zu entspannen. Wenn Sie später auf die Coronakrise zurückblicken – an was werden Sie sich erinnern?

Hoffentlich, dass wir die Krise noch halbwegs glimpflich gemeistert haben – sowohl aus gesundheitlicher als auch aus wirtschaftlicher Sicht. Sicher wird es am Ende auch Verlierer in der Branche geben. Was ich aber trotz aller Sorgen aktuell in Gesprächen mit Kunden aus der Automobilindustrie heraushöre: Sie nutzen die Zeit des Lockdowns, um intensiv darüber zu diskutieren, was man aus der Krise lernen kann und suchen Ansatzpunkte, wie sie sich künftig noch besser aufstellen können.

Die Automobilbranche stand auch vor der Krise aufgrund teilweise fundamentaler Änderungen des Business stark unter Druck. Stichwort ACES. Wird es der Industrie jetzt an Finanzkraft fehlen, diesen Wandel zeitnah zu gestalten?

Ich glaube, kein OEM oder OES kann es sich erlauben, Schlüsselprojekte wie Elektromobilität oder Connected Mobility ruhen zu lassen. Was die Krise aber aufgedeckt hat, sind Schwächen der Hersteller. Und diese Schwächen haben viel mit zu zaghafter Digitalisierung und geringer Flexibilität zu tun. Daher wird es einen Digitalisierungsschub geben. Beispielsweise ist die Supply Chain inzwischen zwar nahezu perfekt durchgetaktet. Aber wenn ein kleines Glied in dieser Kette ausfällt, bricht die ganze Produktion zusammen. Die Abhängigkeiten von einzelnen Zulieferern sind sehr groß und es fehlt an Transparenz. Kein OEM weiß wirklich, welcher Zulieferer in der vielstufigen Zulieferpyramide wie genau dasteht. Es gibt aber Technologien, mit denen sich durchgehende Transparenz schaffen lässt.

Ein wichtiges Krisenthema ist die Flexibilität der Unternehmen, nicht nur, um schnell auf Home-Office umschalten zu können, sondern auch, um Kosten zu senken. Welche Rolle spielt hier die IT? Wie wichtig sind die Themen Flexibilität und Kostenreduktion für Ihre Kunden aktuell?

Die IT spielt eine essenzielle Rolle dabei, wie flexibel und agil ein Unternehmen reagieren und – wenigstens vorübergehend – die Kosten runterzufahren kann. Auch wenn Home-Office-Fähigkeit in der Automobilindustrie eine geringere Rolle spielt als in nicht-produzierenden Branchen. Die Entwicklung, das gesamte Management, der Service, das Finanzwesen – alles sollte idealerweise auch im Home-Office-Modus weiterlaufen können. Aber schon hier zeigte sich oftmals, dass die IT-Systeme nicht darauf ausgelegt waren, weder bei Hardware, noch bei der Software oder den Netzkapazitäten. Was natürlich auch an der Dimension der Krise liegt. Die OEMs und großen Supplier haben zwar moderne Arbeitsplatzkonzepte. Aber niemand hat Kapazitäten so eingeplant, dass von heute auf morgen tausende von Beschäftigten von zuhause arbeiten.

Schweißroboter in einem Werk für Automobilproduktion.
Schritt für Schritt erwachen die Werke der Automobilhersteller aus ihrem vierwöchigen Dornröschenschlaf. Bild: Adobe Stock

Wie groß waren denn die kurzfristig benötigten Kapazitäten?

Was vor der Krise in Präsenzmeetings besprochen und entschieden wurde, findet jetzt fast ausschließlich und über den kompletten Tag via Telefon, Webex, Skype oder Teams statt, inklusive Remote Access. Um Ihnen einen Eindruck zu geben: Es gibt Kunden, die hatten bisher 8.600 Remote-Einwahlen pro Tag. Am Höhepunkt der Krise lagen wir dort bei mehr als 100.000. Bei Skype und Webex ist der Anstieg noch stärker: Hier fanden statt 2.000 fast 100.000 Sessions statt – pro Tag wohlgemerkt. Dies bedeutet eine enorme Herausforderung für die IT-Infrastrukturen, aber vor allem auch für die dahinterliegenden Services.

Lassen sich solche Kapazitäten kurzfristig bereitstellen?

Das hängt sehr von der vorhandenen ITK-Infrastruktur ab. Kurz gesagt: Wer stärker auf die Cloud gesetzt hat, war im Vorteil. Dann lassen sich zumindest die benötigten Software- und Rechenkapazitäten fast schon auf Knopfdruck nach oben skalieren. Dann gibt es auch beim Zugriff auf Unternehmensanwendungen wie zum Beispiel SAP keine Engpässe. Oder spezielle Software wie PLM-Systeme sind von überall flexibel zu nutzen. Aber die Cloud bietet nicht nur eine schnelle Skalierung, man kann auch Kosten durch flexible Nutzungsmodell einsparen.

Zu den Kosteneinsparungen gibt es aber auch unterschiedliche Meinungen …

Cloud-Kosten muss man gesamtheitlich betrachten. Ein entscheidender Punkt ist ihre Flexibilität. Als der Lockdown kam, die Produktion stillstand, sank der Bedarf an Rechenkapazitäten schlagartig. In der Cloud entstehen dann auch ad hoc weniger Kosten. Auch Software- oder Servicekosten lassen sich kurzfristig nach unten fahren. Wer sein eigenes Rechenzentrum betreibt, kommt an gewissen Grundkosten für den Betrieb nicht vorbei. Was mich immer wieder wundert: Wenn sie mit den Unternehmen über Kostensenkungen im Zusammenhang mit Zulieferern sprechen, sehen alle sofort die Vorteile. Nicht umsonst ist die Fertigungstiefe bei den OEMs so gering. Aber bei der IT halten viele krampfhaft am eigenen Rechenzentrum fest. Und was auch noch für die Cloud spricht: Wenn wie jetzt die Unternehmen langsam wieder ihren Betrieb hochfahren, lassen sich die Kapazitäten dynamisch anpassen.

Was würden Sie aus IT- und Telekommunikationssicht den Unternehmen der Automobilindustrie empfehlen?

Es haben sich aus meiner Sicht zwei wesentliche Probleme herauskristallisiert. Was aber nicht Automotive-spezifisch ist: die Business-Continuity-Pläne waren nicht ausreichend ausgearbeitet und müssen dringend nachgebessert werden, da es ohne IT heute nicht mehr geht. Es fehlte an Flexibilität, um auf die Krise zu reagieren, was auch viel mit der IT zu tun hat. Daher kann ich nur dringend empfehlen, die IT-Prozesse und IT-Infrastruktur auf Verbesserungs- und Flexibilisierungspotenzial abzuklopfen. Obwohl die IT eine so wichtige Rolle für die Funktionsfähigkeit eines jeden Unternehmens spielt, halten viele Unternehmen an überholten Technologien fest. Dies gilt für alle Bereiche: von der Entwicklung über die Produktion, die Logistik bis hin zum Vertrieb und dem Kundenmanagement. Die Digitalisierung hält hier noch eine ganze Reihe von Optimierungsmöglichkeiten bereit.

Welche Chancen geben Sie der Automobilindustrie, die Krise zu meistern?

Ich mache mir wenig Sorgen bei den OEMs. Selbstverständlich tut ihnen die Krise sehr weh. Aber insgesamt sind sie so gut aufgestellt, dass alle aus der Delle rauskommen. Mehr Sorgen mache ich mir bei den Zulieferern. Hier wird die Krise Spuren hinterlassen. Manche Unternehmen hatten schon vorher unter der sich stark ändernden Technologienentwicklung zu leiden. Wenn ihnen jetzt das Geld für strategische und strukturelle Veränderungen ausgeht, könnte es sehr eng werden. Als Optimist sage ich aber: Jeder sollte in der Krise auch die Chancen sehen. Niemals zuvor haben viele von uns eine solch existenzielle Krise erlebt. Wer hier Veränderungen zulässt, kann am Ende gestärkt herauskommen.

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