Matthias Ulbrich, CIO, Porsche

Matthias Ulbrich, CIO, Porsche

Herr Ulbrich, Algorithmen sind die Motoren und Daten der Treibstoff – würden Sie diese Aussage für Porsche unterschreiben?

Das ist ein ganz wunderbares Bild, das ich gerne um einen Aspekt ergänzen möchte: Der Mensch lenkt. Natürlich werten wir Daten aus und nutzen Algorithmen als technische Basis für unterschiedliche Anwendungen, beispielsweise im Bereich künstliche Intelligenz. Aber eine erfolgreiche Digitalisierung braucht zudem Begeisterung und Leidenschaft. Deshalb wird bei Porsche stets der Mensch im Mittelpunkt stehen.

Erklärtes Ziel Ihres Unternehmens ist es, mit digitalen Diensten beim Umsatz mittelfristig auf einen zweistelligen Prozentsatz zu kommen. Welche Hürden müssen Sie noch überspringen, bis es so weit ist?

Die größte Herausforderung heißt sicherlich: Skalierung. Punktuell haben wir bereits eine Menge guter Use Cases erfolgreich umgesetzt. Jetzt müssen wir die gewonnenen Erkenntnisse zügig in die Fläche bringen. Heißt konkret: zusätzliche Teams aufbauen, Themen auch international anschieben und bis 2025 bei Entwicklung wie Rollout konsequent vorangehen. Porsche wird sein Produkt- und Serviceangebot zielgerichtet erweitern. Unsere Aufgabe ist es, IT-seitig zu unterstützen, wo immer es geht.

Geben Sie uns bitte Beispiele …

Anfang April haben wir bei Porsche Design das Onlinebusiness mit einer neuen Digitalplattform auf ein neues Niveau gehoben. Auch Porsche Drive ist und bleibt ein superspannendes Thema für uns: Aus einem Pilotprojekt, das vor viereinhalb Jahren am Stammsitz Zuffenhausen gestartet ist, hat sich ein weltweit einmaliges Mietangebot entwickelt, mit dem Fans der Marke Porsche auf Stunden-, Tages- oder Wochenbasis in den Genuss ihres Traumwagens kommen. Hier steckt viel IT drin. Oder nehmen Sie den Lifestyle-Assistenten Porsche 360+, eine App, mit der Kunden Services buchen können, die ihren Alltag erleichtern und ihnen Zugang zu exklusiven Erlebnissen eröffnen. Diese unterschiedlichen Anwendungsfälle zeigen, dass sich mit personalisierten Services und digitalen Schnittstellen sehr wohl zusätzlicher Umsatz generieren lässt.

Das heißt also, die digitale Transformation bei Porsche  steht für mehr als die Einführung neuer IT-Systeme. Welchen Faktoren widmen Sie dabei besondere Aufmerksamkeit?

Ganz klar: User Experience und Sicherheit. Ob Mitarbeiter, Anwender oder Kunden – auch in der digitalen Welt wollen wir Erlebnisse vermitteln, die zur Marke Porsche passen und die von Anfang bis Ende begeistern. Ein hoher Anspruch, an dem wir uns aber gerne messen lassen. Wir müssen aufhören, in Einzelsystemen zu denken. Wir dürfen die Nutzererfahrung nicht aus den Augen verlieren und sollten noch viel stärker darauf drängen, Unternehmensprozesse zu digitalisieren und zu integrieren. Die täglichen Anforderungen der Porsche-Mitarbeiter an die IT bestimmen unsere Agenda. Durch den Umstieg auf Office 365 mit Teams und Collaborations-Tools wie Video, Planner oder Sway fördern wir die standortübergreifende Zusammenarbeit. Wir pushen mobiles Arbeiten und werden künftig die Cloud noch intensiver nutzen, um Daten vor Ort verfügbar zu machen.

Spätestens dann liegt das Thema Security unübersehbar auf Ihrem Tisch, oder?

Klar – in dem Maße, in dem wir in Digitalisierung investieren, müssen wir uns um ihre Absicherung kümmern. Wir müssen ständig unsere Kompetenz erweitern und zusätzliche Kapazitäten aufbauen. IT-System- und Datensicherheit bilden die Grundlage für alle Aktivitäten in der digitalen Welt und sind eng verknüpft mit dem Aspekt User Experience. In der Vergangenheit mussten mitunter Kompromisse geschlossen werden: Mehr Sicherheit bedeutete oft weniger Bedien- und Nutzungskomfort und anders herum. Heute sind wir so weit, dass die Entwicklungsteams von Anfang an eng zusammenarbeiten.

Künstliche Intelligenz soll Teil der Wertschöpfung sein. Wo genau sehen Sie bei Porsche geeignete Anwendungsfelder für KI-Technologien?

Der Bogen spannt sich von den Geschäftsprozessen über unsere Fahrzeuge bis hin zu den Kunden. KI ist für mich wirklich ein ganz wesentlicher Technologietreiber. Aktuell schulen wir die gesamte IT-Mannschaft – jeder soll wissen, was künstliche Intelligenz bedeutet und welche Anwendungsmöglichkeiten mit ihr verbunden sind. Alle Fachbereiche haben Heatmaps erstellt und prüfen, in welchem Prozessabschnitt KI Sinn ergibt. Gemeinsam mit dem Porsche Digital Lab in Berlin entwickelt dann ein Team aus Technologie- und Softwareexperten sowie Wissenschaftlern ganz konkrete KI-Szenarien.

Zum Beispiel für die Produktion?

Richtig. Ich trage als Porsche-CIO ja zusätzlich Verantwortung für die IT in der Produktion des VW-Konzerns. Und ich kann Ihnen sagen, dass die Anzahl der Pilotprojekte, die wir im Moment allein in der Logistik fahren, noch nie größer war. Angefangen im Wareneingang: Dort denken wir darüber nach, das heute noch weit verbreitete manuelle Scannen durch bildverarbeitende und durch KI-gestützte Verfahren zu automatisieren. In der Disposition wird künstliche Intelligenz die Teileversorgung revolutionieren und uns in die Lage versetzen, die Baureihenfolge noch präziser zu steuern. Auch in der Qualitätssicherung gibt es superinteressante KI-Ansätze: Gemeinsam mit einem Startup in Israel wollen wir künftig sämtliche zur Verfügung stehenden Produktionsdaten so auswerten, dass wir frühzeitig auf potenzielle Qualitätsmängel aufmerksam werden.

Im Sommer 2019 steht der Produktionsstart des Taycan in Ihrem Kalender. Wie eng sind IT und Produktion in Hinblick darauf vernetzt?

Schon in der Pilothalle in Zuffenhausen haben wir die Vorteile des klassischen Fließprinzips mit der Flexibilität einer wandlungsfähigen Montage verbunden. Inzwischen sind alle Gebäude errichtet und die Anlagentechnik ist installiert. Auf dem Weg in die Serie aber sind noch Feinkorrekturen sowie Optimierungen der Produktionsprozesse nötig. Wo immer technisch möglich und wirtschaftlich sinnvoll werden hoch- oder vollautomatisierte Verfahren angewendet. Die Verschränkung von Produktion und IT wird perspektivisch noch stärker.

Porsche wird seine jährlichen Ausgaben für die Business-IT mittelfristig von 500 auf 700 Millionen Euro erhöhen. Intern ist sogar von rund einer Milliarde Euro die Rede. Auf welchen Feldern investieren Sie dabei am meisten?

Außer in die bereits genannten Innovationsthemen fließen große Beträge in die Erneuerung unserer IT-Systeme – immer mit dem Ziel, Performance und Nutzerfreundlichkeit zu steigern. Für uns geht es zunehmend öfter um die Entwicklung ganzer Plattformlösungen. Zuletzt haben wir auf Konzernebene ja den Aufbau einer Industrial Cloud gemeinsam mit Amazon Web Services angekündigt. Eine Digital Production Platform wird Produktionsstätten und Maschinen weltweit so miteinander verknüpfen, dass ein Lagebild in Echtzeit entsteht. Zu den relevanten Daten gehören Produktionszahlen, Leistungsparameter von Maschinen und natürlich auch zeitbezogene Informationen. Auf dieser Grundlage werden wir Microservices aufsetzen – sie ermöglichen uns, Anwendungssoftware wesentlich modularer zu gestalten und flexibler zu nutzen.

Mattias Ulbrich CIO Porsche

Nicht nur die Porsche-IT nutzt agile Methoden, sondern inzwischen auch Fachbereiche wie die technische Entwicklung. Funktioniert die Taktung? Als wie flexibel erleben Sie die Arbeitsprozesse?

Die Zusammenarbeit im Veränderungsprozess funktioniert tadellos und wird durch agile Methoden sogar intensiviert. Das klassische Wasserfallmodell mit starr aufeinander folgenden Projektphasen, vordefinierten Start- und Endpunkten und eindeutig definierten Ergebnissen erweist sich in dynamischen Zeiten wie heute einfach nicht mehr als zielführend. Die Anforderungen der Fachbereiche ändern sich permanent. Heißt im Umkehrschluss: Wir müssen aufeinander zugehen und uns zusammenraufen. Wichtig ist, schnell die richtigen Tools einzusetzen. Zuhause in meinem Werkzeugkoffer liegt ja auch nicht nur ein Hammer, um Nägel in die Wand zu klopfen. Manchmal erleichtert es das Leben, einen Schraubendreher zu verwenden. Bei agilen Arbeitsmethoden ist das nicht anders. Deshalb setzen wir auch hier flächendeckend auf Qualifizierung und bilden unsere Mitarbeiter zielgerichtet aus.

Die Wertschöpfungsketten von gestern werden gerne als die Ökosysteme von heute bezeichnet. Wie gut hat sich die Porsche-IT vernetzt und wie wird sich perspektivisch die Eigenleistungsquote entwickeln?

Wir arbeiten mit einer klaren Aufgabenteilung. Die Porsche-IT kümmert sich um die Geschäftsprozesse, die technische Entwicklung deckt die komplette Fahrzeugvernetzung ab und Porsche Digital hat alle kundenrelevanten Themen auf dem Schirm. Der Digitalisierungsgrad liegt – abhängig vom Geschäftsprozess – heute irgendwo zwischen fünf und 20 Prozent. Ich kann mir gut vorstellen, dass wir Schritt für Schritt auf 30, 40, stellenweise vielleicht sogar auf 50 Prozent erhöhen.

In Tel Aviv hat Porsche ein Innovation Office eingerichtet. Welche Impulse kommen in Zuffenhausen an?

Wir nutzen unsere Präsenz dort vor allem, um Kontakte zur lebhaften Startup-Szene zu knüpfen. Bei meinem letzten Besuch im März lag der Schwerpunkt auf dem Thema Cybersecurity. Aus den Gesprächen haben wir drei vielversprechende Ansätze mitgebracht, deren prinzipielle Umsetzung wir derzeit prüfen. Beim nächsten Termin wollen wir uns Impulse rund um neue Software-Entwicklungstools holen.

Anfang April haben Sie zusätzlich zu Ihren CIO-Aufgaben die Geschäftsführung bei Porsche Digital übernommen. Als Chief Operating Officer steht Ihnen Stefan Zerweck zur Seite. Welchen Hintergrund hat diese Entscheidung?

Es ist erfolgsentscheidend, dass eine Brücke zwischen den Digitaleinheiten und der Unternehmensorganisation existiert. Wir wollen sicherstellen, dass die vielen guten Ideen aus den Labs an den richtigen Stellen ankommen. Der Transfer muss aktiv gestaltet werden. Es geht nicht um eine zentrale Steuerung, sondern um eine enge Zusammenarbeit, aus der wir maximalen Nutzen ziehen wollen. Wir denken darüber nach, IT-Mitarbeiter immer wieder für eine gewisse Zeit ins Digital Lab nach Berlin und ins Innovation Office in Tel Aviv zu entsenden, um uns noch stärker miteinander zu vernetzen. Es geht gar nicht darum, immer gleich mit einer perfekten Produktidee um die Ecke zu kommen, sondern frische Impulse in die Organisation zu tragen.

Zum Schluss: Wann hatten Sie zuletzt einen magischen „digital moment“ – Berührung mit einer innovativen Technik, der Sie überrascht und verblüfft hat?

Tatsächlich haben mich zwei Themen in letzter Zeit stark beeindruckt. Zum einen die Erkenntnis, wie weit die Technik rund um die biometrische Gesichtserkennung vorangeschritten ist und was heute bereits alles möglich ist. Trotz aller kontrovers geführten Diskussionen bin ich davon überzeugt, dass es die derzeit beste Methode ist, um die Identität einer Person festzustellen. Zum anderen hat Boston Dynamics Anfang April ein Update des Roboters Handle vorgestellt, speziell zugeschnitten auf die Anforderungen in der Outbound-Logistik. Als ich das Video gesehen habe, konnte ich kaum glauben, wie schnell und autonom sich dieser Prototyp bewegt.

Bilder: Wilhelm Mierendorf

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