Seat-CIO Sebastian Grams im Interview mit automotiveIT.

Die Trennlinie zwischen Unternehmens- und Produkt-IT verschwimmt zunehmend, meint Seat-CIO Sebastian Grams. Bild: Seat

| von Ralf Bretting

Warum übernimmt Seat die Verantwortung für die Mikrobilität im VW-Konzern? Woher rekrutiert Seat:Code seine Mitarbeiter und wird die IT künftig mehr Probleme lösen, anstatt sie lediglich zu analysieren? Die Antworten auf diese und weitere Fragen liefert das vollständige Interview mit Sebastian Grams in der aktuellen Ausgabe der automotiveIT (06/2020).

Herr Grams, wenn wir Sie bitten würden, Ihre eigene IT-Strategie so zu erklären, dass sie in einer Nussschale Platz finden würde, wie würde Ihre prägnante Antwort dann lauten?

Wir verstehen die IT als technologischen Enabler für die Digitalisierung bei Seat. Dafür haben wir vier zentrale Säulen definiert: Erstens fungieren wir als strategischer Partner im Unternehmen. Zweites sehen wir uns als kundennahen Player, sowohl intern als auch extern. Drittens verstehen wir uns als effiziente und flexible Liefereinheit. Dazu gehört auch unser Centre of Digital Excellence Seat:Code in Barcelona. Und zu guter Letzt forcieren wir sichere und moderne Technologien.

Begreifen Sie Seat noch als Automobilhersteller oder bereits als Digitalunternehmen?

Wir sind auf einem guten Weg. Ist Seat heute schon ein volldigitales Unternehmen? Nein, sicherlich noch nicht. Das ist aber wohl noch kein Autobauer. Ich denke jedoch, diese Trennlinie zwischen Unternehmens-IT und Produkt-IT verschwimmt zunehmend. Das kann man an unserem Seat:Code ganz schön sehen. Dort versuchen wir genau das: Seat dabei zu unterstützen, ein softwaregetriebener Autohersteller zu werden.

An welchen Stellen verändert die digitale Transformation das Portfolio von Seat – oder sogar die ganze Unternehmensstrategie – am stärksten?

Im Auto ist diese Transformation bereits angekommen. Der neue Leon ist das erste vollvernetzte Auto aus dem Hause Seat. Der Kunde hat dort die Möglichkeit, sein digitales Ökosystem mit ins Fahrzeug zu nehmen. Außerdem haben wir eine neue Mobilitätsmarke ins Leben gerufen: Seat Mó. Da spielt die Digitalisierung im Hintergrund eine ganz entscheidende Rolle. Wir sind im August mit einem Scooter-Sharing in Barcelona an den Start gegangen. Die komplette digitale Lösung für diesen Service stammt aus unserem Seat:Code. Das zeigt deutlich: Wir brauchen zunehmend Softwareentwicklung, ein digitales Backbone würde ich es nennen, um unsere Produkte letztlich zu perfektionieren.

Ihnen hilft ein digitaler Kompass dabei, in Ihren Digital- und IT-Projekten den richtigen Weg zu finden. Was dürfen wir uns darunter vorstellen?

Wir haben diesen Kompass im Rahmen unserer IT-Strategie konzipiert. Im Prinzip ist es ein Achsenkreuz: Die X-Achse visualisiert unsere neuen Geschäftsmodelle, zum Beispiel unser Scooter-Sharing. Die Y-Achse bildet unsere Unternehmensprozesse ab, von der Supply Chain bis zum Finanzwesen. Diesen Kompass nutzen wir, um in unseren internen Abstimmungsrunden unsere Projekte zu visualisieren. Wir sind also in der Lage zu schauen, wie gut unsere Digitalisierungsinitiativen und IT-Projekte zu unserer Strategie passen. Auf dieser Grundlage entscheiden wir dann, welche Projekte wir weiterverfolgen und welche nicht. Letztlich versuchen wir mit dem Kompass auch, eine Balance aus Unternehmens-IT und Produkt-IT herzustellen, damit wir nicht einen Teil zu stark auslasten und den anderen vernachlässigen. Ich hatte es eingangs gesagt: Wir verstehen uns als strategischer Partner des Unternehmens, um Empfehlungen auszusprechen, wohin aus digitaler Sicht die Reise geht. Daher nutzen wir den Kompass auch, um unserem Vorstand strategisch zur Seite zu stehen.

Wie steht es denn um die Digitalisierung der Kernprozesse? Ist die IT bei Seat schon so aufgestellt, dass sie die hohe Geschwindigkeit der neuen, innovativen Themen überhaupt mitgehen kann?

Da sind wir sicherlich noch nicht da, wo wir sein wollen. Wie jeder Automobilhersteller haben wir noch viele Großsysteme aus der Vergangenheit. Da ist es für uns wichtig, dass wir gemeinsam mit unseren Kollegen von der Volkswagen Group-IT daran arbeiten, die alte Legacy-Welt nach und nach zu ersetzen. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Mit unserer neuen Produktionsplattform, die wir unter anderem gemeinsam mit Amazon entwickeln, versuchen wir ja sukzessive, unsere alte Produktionsumgebung in Richtung Industrie 4.0 weiterzuentwickeln. Insgesamt ist da allerdings noch ein weiter Weg zu gehen. Aber da bin ich sicher nicht der einzige CIO, der Ihnen das beschreibt (lacht).

Sie haben die Volkswagen Industrial Cloud angesprochen. Sind denn Standorte von Seat bereits zum Start Teil der Plattform?

Ja, wir sind mit der Plattform vernetzt. Das Projekt läuft ja so, dass die unterschiedlichen Use Cases nach und nach in den verschiedenen Standorten ausgerollt werden. Und da sind wir nicht nur Empfänger: Wir steuern auch selbst Use Cases bei, die etwa aus unserem Seat:Code in Barcelona stammen und dort entwickelt werden.

Zum Beispiel?

Wir kümmern uns unter anderem um Predictive Maintenance und um die Supply Chain. Da haben wir konkrete Anwendungsfälle, die wir zur Zeit in Seat:Code für die Digital Production Platform (DPP) entwickeln und in andere Marken und Werke des Volkswagen-Konzerns bringen.

Der Fahrzeugvertrieb der Zukunft beschäftigt alle Hersteller gleichermaßen. Seat hat in der Vergangenheit bereits einige Projekte zu dem Thema umgesetzt. Wie real ist denn bei Ihnen bereits der nahtlose Übergang vom physischen zum digitalen Autokauf?  
 
Da sind wir auf einem guten Weg. Die Herausforderung liegt natürlich vor allem darin, das Händlernetz auf der einen mit dem Online-Kauf auf der anderen Seite zusammenzubringen. Da hat sicherlich die gesamte Branche noch Arbeit vor sich. Wir sind schließlich kein Tesla, der auf der grünen Wiese starten kann. Aber wir haben auch sehr innovative Ideen, wie wir den Kaufprozess attraktiver gestalten können. wir haben zum Beispiel gemeinsam mit unseren Kollegen der Produktion und des Vertriebs das sogenannte Fast.Lane-Konzept entwickelt und in den Markt gebracht. Wenn ein Käufer diese Option wählt, dann bekommt er sein Fahrzeug 21 Tage nach Bestellung ausgeliefert. Das funktioniert nur deshalb, weil wir in der Lage sind, die Logistikprozesse, auch die unserer angebundenen Lieferanten, vollständig digital auszusteuern. Und in diesem Rahmen haben wir auch eine Tracking-App entwickelt, mit der der Kunde sein Fahrzeug per QR-Code „live“ durch die Produktion verfolgen kann. Das ist ein tolles Kauferlebnis, wenn der Kunde den Entstehungsprozess seines Autos miterleben kann. Zurzeit wird dieser Service in Österreich angeboten und das Feedback unserer Kunden dazu ist sehr gut. Das wird auch sehr gut angenommen.

Wie groß ist denn eigentlich Ihr IT-Team?

Wir beschäftigen in Martorell, wo sich unsere Firmenzentrale und auch unsere Fahrzeugproduktion befindet, über 200 Mitarbeiter, weitere 150 entwickeln Software bei Seat:Code in einem eigenen Office im Herzen Barcelonas. Sie sehen: Wir haben gewissermaßen versucht, dass sich das in etwa die Waage hält, und zudem einen sehr starken Fokus auf technologische Profile gesetzt. Gerade in Barcelona sind die Strukturen besonders schlank: Von 150 Mitarbeitern sind 140 im Grunde Softwareentwickler.

Das Softwareentwicklungszentrum Seat:Code ist heute schon mehrfach angeklungen. Wie fällt denn Ihre Bilanz nach einem Jahr aus?

Total positiv! Wir haben es geschafft, innerhalb von einem Jahr 35 digitale Produkte zu entwickeln und in die Anwendung zu bringen. Vor ein paar Wochen haben wir unser neues Headquarter im Herzen von Barcelona, auf den Ramblas, bezogen. Das ist sehr gut angenommen worden von unseren Mitarbeitern. Viele Entwickler haben kein eigenes Auto, kommen mit dem Rad oder Scooter zur Arbeit. Für die ist der neue Standort daher ideal.

Welche Schwerpunkte setzen Sie dort?

Zum einen beschäftigen wir uns mit dem Thema Mobilität. Wir haben über die Marke Seat Mó ja bereits gesprochen. Zweitens mit Kunden- und Produkterlebnissen. Darunter fallen Konzepte wie unser Tracking-Tool in der Produktion, mit dem der Kunde sein Fahrzeug per QR-Code während der Fertigung verfolgen kann. Und drittens haben wir das Thema Produktion und Logistik ausgewählt, weil wir uns bei Seat in diesen Bereichen sehr gut aufgestellt sehen. Da steuern wir wie gesagt auch für die Digital Production Platform des Konzerns Anwendungen bei. Wir versuchen ganz grundsätzlich in Barcelona, die digitalen Bemühungen von Seat, Cupra, aber auch für den ganzen Konzern zu pushen und auch ein Stück weit von dort aus das Mindset im Unternehmen zu verändern. Es gibt noch eine Besonderheit, die wir im Vorstand für das Seat:Code entschieden haben: Wir gehen mit den Produkten auch an den freien Markt.

Zum Schluss möchten wir Sie bitten, den folgenden Satz zu beenden: Die IT von Seat ist dann erfolgreich, wenn ...

… wir mit unseren Mitarbeitern gemeinsam in einem vollagilen Setting spannende digitale Produkte und Services entwickeln und dann auch noch in der Lage sind, diese am freien Markt zu verkaufen und damit ein Prozent zum Unternehmensgewinn von Seat beitragen zu können.

Zur Person:

Sebastian Grams ist seit September 2018 IT-Chef der Volkswagen-Tochter Seat. Seit 2019 sitzt er zudem im Aufsichtsrat der Softwareschmiede Seat:Code. Bevor Grams zu den Spaniern stieß, verbrachte er seine komplette berufliche Karriere bei der Konzernschwester Audi in verschiedenen Positionen in der Entwicklung und IT. Im Jahr 2000 startete Sebastian Grams ein duales Studium in der Fachrichtung Maschinenbau in der Audi AG. Seine akademische Laufbahn setzte er mit einem weiteren Studium im Bereich Maschinenbau und letztlich der Promotion am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) neben seinem Job fort.

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