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| von Pascal Nagel

Hohmann-Dennhardt: Dazu muss ich, wenn Sie erlauben, etwas ausholen: Als ich 2011 in das Unternehmen kam, stand die Korruptionsbekämpfung an vorderer Stelle und das war auch erst einmal ein Schwerpunkt meiner Tätigkeit im Konzern. Wobei es für mich in meiner Funktion nicht allein um die Compliance als solche geht. Natürlich muss man in diesem Zusammenhang Instrumentarien aufstellen, Kontrollen durchführen und Risikoeinschätzungen vornehmen, aber es ging mir in der Folge viel mehr darum, auch ein richtiges Verständnis für das Thema Compliance im Unternehmen zu schaffen, und deshalb haben wir das Wort Integrität ganz groß geschrieben und sind in den direkten Dialog mit unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gegangen.

Konnten Sie bei den Mitarbeitern das Verständnis schaffen?

Ja, eindeutig. Aber Sie müssen erst ein Bewusstsein für diese schwierige Materie schaffen und Hilfestellung geben, wie man mit komplexen Situationen umgeht. Unsere Mitarbeiter sollen selbstständig Verantwortung übernehmen und nicht aus Angst Entscheidungen nach oben delegieren, vor allem auch in Märkten mit Korruptionsrisiko. Sie müssen die Sicherheit gewinnen, das Richtige im Namen des Unternehmens zu tun. Das ist mir wichtig. Aber um auf Ihre Ausgangsfrage zu kommen: In letzter Zeit verändern neue Technologien tatsächlich auch meinen Fokus. Wir begleiten in meinem Ressort zunehmend Technikthemen.

Können Sie uns das erläutern?

Viele Dinge, die im Rahmen der neuen Technologien und fortschreitenden Digitalisierung in Erscheinung treten, sind rechtlich noch nicht eindeutig gefasst und kontrollierbar. Diesbezüglich müssen Standardisierungen entwickelt werden.

Zum Beispiel beim Datenschutz und bei der Datensicherheit

Ja. Da ist die vermehrt gestellte Frage, wem gehören die Daten aus dem Auto. Gehören sie dem Kunden? Da steht im Vordergrund, wer ist in welcher Situation nutzungsberechtigt und hat Zugriff auf die Daten, und weniger die Eigentumsfrage. Sie müssen letztlich Datenkreise kategorisieren. Es gibt selbstverständlich Daten, über die der Kunde die ausschließliche Hoheit hat, für die er aber auch verantwortlich ist und die er selbst schützen muss. Aber der Sachverhalt ist komplexer, als es oft in den Medien dargestellt wird. In „technischen Daten“ eines Fahrzeugs stecken Entwicklungen und Sicherheitsvorkehrungen des Herstellers, die geschützt werden müssen. Anders verhält es sich bei Daten, die beispielsweise im Rahmen von Reparaturen in Werkstätten verwendet werden, da muss der Kunde Zugang haben. Gleiches gilt für Service-Daten. Wenn das Fahrzeug sensible Daten über das Fahrverhalten aufzeichnet, muss der Kunde sicher sein können, dass diese nach Fahrtende gelöscht werden. Außer der Gesetzgeber sieht etwas anderes vor. Bei einem Unfall werden zum Beispiel künftig, nach dem neuen EU-Recht, Daten kurz vor und nach dem Unfall gespeichert.

Wie wollen Sie denn Vertrauen beim Kunden schaffen? Wie kann er sicher sein, dass Sie nicht mit seinen Daten handeln und die Datenkreise einhalten?

Unser unternehmerisches Ziel, der unternehmerische Gegenstand ist ein ganz anderer. Wir wollen explizit nicht mit Daten handeln, sie sind nicht unser Geschäft, sondern das Auto. Unser Markenzeichen ist Sicherheit. Das wollen wir nicht aufgeben. Dazu gehören natürlich der Datenschutz und die Datensicherheit. Vor allem in Hinblick auf das autonome und vernetzte Auto. Mit diesen wichtigen Themen beschäftigen wir uns intensiv und an dieser Stelle gilt es, Vertrauen aufzubauen. Unser Ziel ist die Unangreifbarkeit der Systeme und den Datenschutz im Sinne des Kunden zu gewährleisten. Das ist unsere Aufgabe. Und nicht der Handel mit Daten.

Gibt es diese Sicherheit wirklich – klingt eher nach Utopie?

Ich weiß, worauf Sie hinaus wollen. Absolute Sicherheit gibt es nie. Darüber müssen wir uns alle im Klaren sein. Ziel muss es aber sein, die Sicherheitsstandards so hoch wie möglich zu setzen. Dafür stehen wir.

Viele Unternehmen wie Versicherungen wollen den Zugriff auf die Daten aus dem Auto, weil dahinter lukrative Geschäftsmodelle lauern …

Ja, Versicherungen bieten neuerdings Tarifkonzepte an, die auf Daten aus dem Fahrzeug aufbauen. Die Frage ist jedoch: Kann das Versicherungsunternehmen im Namen des Kunden die Herausgabe von technischen und personenbezogenen Daten verlangen. Das ist nicht gerade trivial. Wir sind diesbezüglich sehr zurückhaltend, weil das nicht eindeutig geregelt ist. Wir sagen eher nein.

Und wenn der Kunde es freiwillig macht?

Wir diskutieren das momentan intern. Kooperieren wir oder eben nicht? Dazu sollten die Automobilhersteller gemeinsam Stellung beziehen. Wir müssen letztlich klären, was heißt Freiwilligkeit unter Datenschutzkriterien?

Läuft es am Ende des Tages – überspitzt – nicht darauf hinaus, dass der Kunde im Kleingedruckten des Kaufvertrages sowieso alle Rechte abtritt?

Nein. Der Kunde erhält die Hinweise und das darf auch nicht kompliziert verpackt sein. Das gilt für Anleitungen wie auch für Verträge. Damit beschäftigen sich unsere Datenschutzbeauftragten nachhaltig. Der Kunde muss auch in die Lage versetzt werden, bestimmte Dinge aktiv abzustellen, damit kein Datentransfer stattfindet.

 

Das Interview führten: Arjen Bongard und Hilmar Dunker

Foto: Daimler