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DFKI-Chef Wolfgang Wahlster: Deutschland hat bei Industrie 4.0 einen Vorsprung von zwei bis drei Jahren. Bild: Claus Dick

| von Werner Beutnagel

automotiveIT: Herr Wahlster, Sie haben zur Hannover Messe 2011 den Begriff Industrie 4.0 geprägt. Die Bezeichnung hat sich inzwischen weltweit etabliert. Wie gut kommt die deutsche Wirtschaft mit der neuen Produktionslogik zurecht?

Wahlster: Deutschland hat sich im weltweiten Vergleich bei Industrie 4.0 einen Vorsprung von zwei bis drei Jahren erarbeitet. Die Durchdringung in anderen europäischen Ländern, in den USA, Korea, Japan und China ist längst noch nicht so weit fortgeschritten wie hierzulande. Allein im letzten Jahr haben wir 89.000 Veröffentlichungen mit dem Begriff Industrie 4.0 gezählt. Er prägt das Denken und Handeln insbesondere bei Automobilherstellern und Zulieferern stark. Es gibt keinen deutschen OEM, der im Bereich der Montage nicht auf entsprechende Technologien setzt. Ein Unternehmen wie Bosch markiert derzeit die Spitze der Entwicklung, bei der es darum geht, das Internet der Dinge und künstliche Intelligenz in die Fabriken zu bringen.

automotiveIT: Living Labs liegen im Trend. Deutschlandweit gibt es bereits weit mehr als hundert. Warum können gerade diese Einrichtungen neue Entwicklungen gut erproben?

Wahlster: In den Living Labs sorgen wir für realitätsnahe Innovationsumgebungen und bauen mit Demonstratoren zum Anfassen durchgängige Lösungsszenarien auf, die herstellerneutral sind. Sowohl die Großindustrie als auch der gesamte Mittelstand ist eingeladen, dort seine Produkte zu integrieren und Devices im Verbund zu testen. Da zeigt sich relativ schnell, ob und wie sich einzelne Komponenten und Benutzerschnittstellen zueinander verhalten. Das DFKI verfügt über insgesamt sieben Living Labs für unterschiedliche Anwendungsfelder. Das Innovative Retail Laboratory des Forschungsbereichs Intelligente Benutzerschnittstellen zum Beispiel ist ein anwendungsnahes Forschungslabor im Handelsbereich, das Living Lab SmartFactory gehört zum DFKI-Forschungsbereich Innovative Fabriksysteme.

automotiveIT: In Vorträgen warnen Sie vor der Wucht, mit der die zweite Welle der Digitalisierung über Wirtschaft und Gesellschaft hereinbricht. Was macht die augenblickliche Entwicklung, die wir erleben, so spannend?

Wahlster: Sie ist nicht nur quantitativer Natur, sondern beruht auf einem grundlegenden Qualitätssprung. Bisherige Daten wie Texte oder Bilder können digital verarbeitet werden, doch für den Rechner sind sie nur eine Aneinanderreihung von Zeichen oder eine Anordnung von Punkten. In der zweiten Welle werden Computer nun mehr und mehr dazu in der Lage sein, Daten zu verstehen, Inhalte zu beschreiben und Aktionen abzuleiten. Unternehmen, die auf Ballhöhe bleiben wollen, müssen Technologien der künstlichen Intelligenz wie das maschinelle Lernen oder die Informationsgewinnung aus Dokumenten mittels Algorithmen verstehen und beherrschen. Das ist ein dramatischer Paradigmenwechsel von maschinenlesbaren zu maschinenverstehbaren digitalen Daten.

Lesen Sie mehr zum Thema künstliche Intelligenz und Industrie 4.0 in der nächsten Ausgabe von automotiveIT, die am 26. Juni 2018 erscheint.

Das Gespräch führte: Ralf Bretting