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| von Werner Beutnagel

, verreißen viele Fahrer das Lenkrad. Doch diese oft verzweifelte letzte Reaktion vor dem drohenden Crash ist viel unfallträchtiger als eine Vollbremsung, die zwar brachial, aber lediglich in die Längsrichtung eines Fahrzeugs eingreift. „Ausweichen ist die quer-dynamische Ergänzung“, sagt Matthias Thomi von Continental. Der 26-jährige Informatiker arbeitet mit an der Entwicklung eines Ausweichassistenten. Sensoren senden Radarsignale bis zu 200 Meter weit voraus und tasten das Umfeld ab. Treffen sie auf ein Hindernis, warnt ein Ton den Fahrer. Falls der meint, der Bremsweg reicht nicht mehr, weicht er intuitiv aus. In diesem Fall errechnet das Computersystem in wenigen Millisekunden den optimalen Weg. Informatiker wie Thomi machen Autofahren sicherer. Und weil die Autos immer mehr zu rollenden Computern werden, braucht die Automobilbranche immer mehr Informatiker. Weltweit beschäftigt Continental 10 000 Informatiker. Tendenz weiterhin stark steigend. Aktuell hat der Automobilzulieferer rund 100 vakante Informatikerstellen in Deutschland. „Wir brauchen sie überall dort, wo Software im Auto eingesetzt wird“, sagt Daniel Förster, der die Abteilung Systemdesign für integrierte Sicherheit leitet. „Grundsätzlich kann jeder Informatiker bei uns arbeiten, er braucht keine speziellen Automobilkenntnisse.“ Im Studium hätten sie logisches Denken und das Handwerkszeug fürs Programmieren gelernt, im Idealfall in den Sprachen C und C++. Den Unterschied zwischen Software, wie wir sie alle zur Textverarbeitung verwenden, und Software fürs Auto beschreibt Förster so: „Unsere Programme müssen bei Hitze und Kälte, Schmutz und Wasser, unebenen Fahrbahnen jahrelang jederzeit zuverlässig funktionieren.“ Autos könnten keine Testobjekte und die Fahrer keine Testpersonen sein. Ausschalten – Einschalten, wie bei Standard-PC-Programmen, wenn eines mal nicht funktioniert, ist im Auto völlig undenkbar. Selbst beim Infotainment.

Fast zeitgleich mit der Einführung der neuen A-Klasse von Daimler erfolgte der Verkaufsstart des iPhone 5 Mitte September 2012. Wer Handy und Auto hatte, konnte beides sofort verbinden. Daimler hat das iPhone in das Anzeige- und Bedienkonzept der neuen A-Klasse integriert. Kabel einstecken und schon hat das Handy Räder. Davor endete die Welt der Digital Natives an der Autotür. Mit der A-Klasse will Daimler junge Kunden gewinnen, Handy und Auto decken sich in der adressierten Zielgruppe. Der Informatiker Alexander Hilliger von Thile (34) war bei Daimler zuständig für die Integration der Daten von Partnern wie Facebook oder Herstellern von Navigationssystemen. Hilliger von Thile hat nach seinem Studium bei Daimler promoviert, 2010 wechselte er ins Silicon Valley und kümmerte sich vom kalifornischen Daimler-Forschungsstandort Palo Alto aus um die Integration des iPhone in die A-Klasse. „Dort sind die wichtigsten Partner für dieses Projekt angesiedelt“, begründet er. Und Hilliger von Thile hatte häufig mit ihnen zu tun. Matthias Stümpfle leitet in Deutschland die Abteilung für die System-architektur des Infotainments im Auto – also Radio, Telefon, Navi. Er hat rund dreißig Mitarbeiter, die meisten sind Informatiker oder Ingenieure der Elektrotechnik. In den vergangenen sechs Jahren hat sich die Anzahl seiner Mitarbeiter verdoppelt. „Bei Berufseinsteigern sind uns reine Informatiker am liebsten, weil sie in der Informatik gründlich ausgebildet sind, das Branchen-Knowhow bringen wir ihnen bei.“ Er hält es für falsch, sich bereits im Studium zu spezialisieren. Michael Würtenberger, Entwicklungsleiter Infotainment bei BMW in München, teilt seine Meinung.

Dieter Nazareth, Studiengangleiter des weltweit einzigartigen Studiengangs Automobilinformatik an der Hochschule Landshut, sieht das anders. „Informatiker brauchen ein Anwendungsgebiet, bei uns ist es das Automobil.“ Neben der Informatik lernen sie die Grundlagen ihres Anwendungsfalls kennen: Wie funktioniert ein Motor, was muss ein Fahrwerk können? „Unsere Studenten beschäftigen sich ausschließlich mit Software, die sich im Fahrzeug befindet.“ In den vergangenen Monaten haben die ersten drei, vier Absolventen ihr Studium abgeschlossen und alle leicht einen Job gefunden, sagt der Professor. Wo die folgenden Semester unterkommen werden, zeige die Zeit. „Die Automobilhersteller müssen sich erst entscheiden, ob sie die Informatik zu ihren Kernkompetenzen zählen oder nicht.“ Dann erst sei klar, ob Hersteller oder Zulieferer die wichtigeren Arbeitgeber für Informatiker sind. Dass sie für die Automobilbranche weiter an Bedeutung gewinnen werden, daran zweifeln beide Seiten nicht.

Autor: Peter Ilg
Foto: photocase/jk2411

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