| von Hilmar Dunker

Die Rückkehr eines Totgesagten: Während sich Covisint in anderen Teilen der Welt inzwischen einen Namen als Cloud-Computing-Anbieter gemacht hat, herrscht in der europäischen Automobilindustrie oftmals noch die Erinnerung an die turbulenten Anfangstage des Unternehmens vor. Der Hintergrund: Mitten in der Hochphase des E Business-Hypes Ende der neunziger Jahre entdecken die „Big Three“ der US-amerikanischen Automobilindustrie – General Motors, Ford und DaimlerChrysler – das Thema Internet-basierende Handelsplattformen für sich und beginnen, über die Einrichtung einer gemeinsamen Plattform für die Anbindung ihrer Zulieferer nachzudenken. Aus diesen Überlegungen heraus entsteht 1999 der weltweit größte elektronische Marktplatz für die Automobilbranche: Das Projekt Covisint war ins Leben gerufen. Das junge Unternehmen erlebt zunächst ein rasantes Wachstum. Im Wissen um die großen Erfolge neuer Online-Anbieter im B2C- und C2C-Bereich sowie bestärkt durch die finanzielle Rückendeckung der US-Automobilgiganten startet Covisint weltweit durch. Die Mitarbeiterzahlen schnellen ebenso nach oben wie die Erwartungen, die Analysten, Marktbeobachter und nicht zuletzt die Gesellschafter selbst mit dem Start-Up verbinden. Bereits im April 2000 tritt Renault gemeinsam mit Nissan dem Gesellschafterverbund bei, im Mai des folgenden Jahres folgt PSA/Peugeot-Citroen. Nach zweieinhalb Jahren Geschäftstätigkeit verzeichnet Covisint auf seiner Plattform 8.000 Firmen mit mehr als 55.000 Anwendern, die bis zu diesem Zeitpunkt Transaktionen im Wert von 82 Milliarden US Dollar gehandelt hatten. Doch der Absturz folgt umgehend. Die goldenen Zeiten sind bereits vorbei – mit dem Platzen der Dotcom-Blase sinkt weltweit das Interesse an elektronischen Marktplätzen. Zudem war der amerikanische Shooting-Star im Bereich der Online-Auktionen auf erhebliche Akzeptanzprobleme seitens der Zulieferer gestoßen. Das Unternehmen wurde als „rechte Hand“ der Hersteller verstanden, die über das Medium der Online-Auktionen lediglich einen preislichen Verdrängungswettbewerb in Gang setzen wollten. Daneben litten Covisints Marktplatz- und Auktionsangebote unter der mangelnden Unterstützung durch die Gründungsgesellschafter: So nutzte keiner der Hersteller die Covisint-Lösungen als alleinige Kommunikationsbasis – alle setzten weiterhin auch eigene, proprietäre Lösungen ein – das Ende war absehbar.

erhebt sich jetzt offensichtlich wie Phoenix aus der Asche. Die Führungsmannschaft wurde erneuert und das Portfolio neu ausgerichtet. Die Auferstehung ist das Resultat der Ausrichtung des Lösungsportfolios am Software-as-a-Service (SaaS) Modell. Die heute vertriebenen Covisint-Services waren von Beginn an als Internet-basierte On-Demand-Lösungen konzipiert und basieren auf der einheitlichen Technologie-Plattform Exchange Link, was die Anpassung an neue Marktanforderungen wesentlich erleichtern soll. Letztlich betreibt das Unternehmen mit dieser Lösung seit seinen Anfangstagen eine eigene Cloud Computing-Plattform, auch wenn die Bezeichnung damals noch unbekannt war. Und die Macher treiben die On-Demand Evolution seitdem kontinuierlich voran. Heute unterstützen die Amerikaner weltweit mehr als 45.000 Unternehmen und Organisationen der Automobilindustrie, des Gesundheitswesen, der Finanzbranche, der Energiewirtschaft und der öffentlichen Verwaltung bei der Implementierung und dem Betrieb von bedarfsgesteuerten B2B-Informations- und Kommunikationsnetzwerken.

Auch in Europa steigt inzwischen die Nachfrage nach Cloud-basierenden B2B-Kommunikations- und Kollaborationslösungen. Vor diesem Hintergrund intensiviert Covisint seit Sommer dieses Jahres seine Aktivitäten in der EMEA-Region. „Natürlich ist uns bewusst, dass viele Marktteilnehmer in Europa den Namen Covisint immer noch mit Auktionen und elektronischen Katalogen in Verbindung bringen – und zwar meist im negativen Sinn. Und wir wissen auch, dass wir daran nicht ganz unschuldig sind, denn es ist uns in der Vergangenheit nicht gelungen, unsere zwischenzeitliche Neu-Positionierung deutlich genug zu kommunizieren“, so Manfred Heisen, als Vice President International Business Development für die Aktivitäten auf dem europäischen Markt zuständig. Daran arbeitet man jetzt – neue Standorte in Europa, die ab 2011 installiert werden, sollen eine breite Basis schaffen. Jürgen Mannheim, Covisints Business Development Manager EMEA, zeigt sich überzeugt, dass das eigene Lösungsangebot letztlich den Nerv der Zeit trifft: „Viele Unternehmen beschäftigen sich seit einiger Zeit mit dem Thema Cloud Computing und stehen vor der Schwierigkeit, sich in einem unübersichtlichen Marktumfeld zurecht zu finden.“ Wichtig ist laut Mannheim vor allem der Sicherheitsaspekt: Gerade in hochsensiblen Branchen wie der Automobilindustrie sei es notwendig, dass das zugrundeliegende Sicherheitskonzept eines Unternehmens auch in der Cloud umgesetzt werden könne. Darin sieht man eine Chance, weil Covisint technische Lösungen im Köcher hat, die sich in anderen Branchen bewährt haben.

Bleibt die Frage, ob Covisint Gefahr läuft, sich nach dem E-Business-Hype nun im Cloud Computing-Hype zu verfangen. Und die Frage ist nicht ganz unberechtigt „Sicher gibt es gegenwärtig ein großes Echo auf alles, was Cloud Computing ist oder zu sein vorgibt. Aber wir von Covisint springen hier ja nicht als Trittbrettfahrer auf einen fahrenden Zug auf, sondern sind selbst die Lokführer“, meint Manfred Heisen. Bleibt zu hoffen, dass der Lokführer die Signale rechtzeitig erkennt.

Autor: Frank Dresen

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