Stefan Bratzel

Stefan Bratzel, Leiter des CAM, geht mindestens von einem Absatzrückgang in Höhe von 20 Prozent aus. Bild: CAM

| von Hilmar Dunker

Viele Hersteller fahren die Produktion runter. Steht die europäische Automobilindustrie vor dem Shutdown?

Es dürfte sehr schwierig werden, weil auch in den Werken der Hersteller immer mehr Corona-Fälle auftreten werden. Die Folge: Ganze Abteilungen werden geschlossen – gleiches gilt für die Zulieferindustrie. Damit sind Versorgungsengpässe vorprogrammiert. Die Werke werden also dicht machen für eine bestimmte Zeit und das hat auch Folgen auf der Nachfrageseite: Wir müssen mit einem massiven Downturn rechnen, weil niemand mehr Autos kauft. Im Worst Case kommt alles zum Erliegen.

Was kommt auf den Handel zu?

Das Szenario gleicht dem in China. Wir müssen uns auf der Nachfrageseite auf erhebliche Rückgänge einstellen. In den nächsten Monaten wird der Absatzeinbruch hierzulande deutlich über 50 Prozent liegen. Allerdings muss man dazusagen, dass sich das wahre Ausmaß momentan nur schwer abschätzen lässt, weil wir nicht wissen, welche Maßnahmen noch ergriffen werden. Am Ende hängt alles davon ab, wie schnell man die Krise in den Griff bekommt. Man kann nur hoffen, dass wir ab Mai wieder halbwegs in einen geordneten Betrieb übergehen können.

Was erwarten Sie für das laufende Jahr unter dem Eindruck der aktuellen Ereignisse? 
Das ist Stand heute enorm schwer abzuschätzen. Die entscheidende Frage lautet: Wann erreichen wir den Peak der Krise? Wir müssen aber Stand heute von einem weltweiten Absatzrückgang in Höhe von mindestens 20 Prozent ausgehen. Wichtig dabei: Das ist das positive Szenario, wenn sich die Situation im Mai verbessert.

Müssen wir die Lieferketten massiv überdenken, um solche Krisen künftig bewältigen zu können?

Dort, wo Autos verkauft werden, findet heute in der Regel auch die Wertschöpfung statt. Man muss sich also Gedanken machen, ob sich das Global Sourcing künftig in diesem Umfang aufrechterhalten lässt. Klar ist: Wenn man versucht die Risiken des Global Sourcings zu minimieren, wirkt sich das auf die Kosten aus. Die werden definitiv steigen. Man muss vielleicht mehr das Augenmerk auf die doppelte Absicherung der Lieferkette legen. Aber auch dann darf man sich nichts vormachen: Bei solchen Krisen ist das beste Lieferketten-Management überfordert. Künftig ist viel mehr Adaptionsfähigkeit gefordert, denn große Krisen werden immer kommen.

Wie wird sich die Innovationsgeschwindigkeit durch die Corona-Krise entwickeln?

Durch Krisen werden Strukturen oftmals aufgerüttelt. Bestes Beispiel ist der Dieselskandal bei Volkswagen. Das Unternehmen hat die Kraft aufgebracht, sich auf neue Themen zu konzentrieren, die man ohne den Skandal vermutlich nicht so schnell angepackt hätte. Eine Krise kann auch etwas bewirken. Um Ihre Frage zu beantworten: Zentrale Themen wie Elektromobilität und Connected Car werden vermutlich weitergeführt, vielleicht sogar mit höherem Tempo. Aber wir müssen uns auch auf Untiefen einstellen.

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