Mercedes-Benz Kunden profitieren von neuen DatendienstenMercedes-Benz customers benefit from new data services

Die Autohersteller gehen dazu über, Fahrzeugdaten auch Drittanbietern zur Verfügung zu stellen. (Bild: Daimler)

Die Autohersteller geben vermehrt wichtige Fahrzeugdaten für unabhängige Unternehmen frei. Jüngstes Beispiel: Daimler. Die Stuttgarter ermöglichen Drittanbietern seit Ende vergangenen Jahres nicht nur den Zugriff auf Fahrzeug-Fehlercodes aus den verbauten Steuergeräten für den „Remote Diagnostic Support“ (RDS), sondern erlauben es Drittanbietern zudem, weitere Dienste über eine spezielle Schnittstelle anzubieten. Diese ist unter anderem für Unternehmen verfügbar, die auf Basis fahrzeuggenerierter Informationen Services wie beispielsweise Versicherungen oder Batterieladezustände zur Verfügung stellen wollen. Für den Autofahrer bedeutet es letztlich mehr Nutzen und Komfort, wenn Drittanbieter auf solche Daten zugreifen können.

Und Mercedes ist nicht alleine. BMW vermarktet bereits seit 2017 die Daten seiner Kunden unter dem Namen „CarData“. Und der VW-Konzern hat sich nun ebenfalls entschlossen, das Fahrzeug vermehrt für Drittanbieter zu öffnen und plant, die Datennutzung durch Dritte aktiv mit dem gerade im Aufbau befindlichen Ökosystem „We“ voranzutreiben. „Ziel ist die Schaffung des weltgrößten automobilen Ökosystems“, so ein Sprecher gegenüber carIT. Das System wird auf der künftigen Volkswagen Automotive Cloud basieren. Letztlich will auch VW seinen Kunden auf diese Weise digitale Mehrwertdienste anbieten.

Die neuen Dienste können die Hersteller aber nicht alleine stemmen – zu umfangreich ist das Portfolio. Partner sind also gefragt, soll der Kunde in den Genuss innovativer Services kommen. Fakt ist: Nur ein intelligent aufgebautes, vielfältiges und nutzerorientiertes Ökosystem löst eine gewisse Gravitationskraft bei den Usern aus – und je höher die Gravitation, desto mächtiger wird das eigene Ökosystem. Ein Beispiel ist Spotify. Der Streaming-Dienst stellt primär die Plattform, die Inhalte kommen von anderen. Je mehr Inhalte, desto  mehr User – Die Tech-Branche macht es also vor.

Die Ökosysteme der meisten OEMs befinden sich dagegen noch in den Anfängen und nur langsam kommt Bewegung ins Spiel. Der Hintergrund: Seit mehreren Jahren diskutiert man über die Hoheit über die Fahrzeugdaten und verzettelt sich. Die Hersteller schützen vehement die Schnittstelle zum Fahrzeug. Und genau dieser Punkt führte in der Vergangenheit immer wieder zu heftigen Diskussionen. Third-Party-Dienstleister witterten ein Datenmonopol und fürchteten Wettbewerbsverzerrungen (siehe carIT 6/2017). Versicherungen und der TÜV liefen teilweise Sturm gegen die Haltung der Hersteller. Doch die OEMs blieben hart. Aus ihrer Sicht sind Fahrzeugdaten aus Gründen des Datenschutzes und der Fahrzeugsicherheit sensible Informationen. Die Autobauer wollen deswegen vermeiden, dass jeder auf die im Fahrzeug generierten Daten zugreifen kann – und unterbinden aus diesem Grund auch jegliche Direktverbindung. Der Verband der Automobilindustrie (VDA) untermauerte dieses Vorgehen bereits vor zweieinhalb Jahren in einem Positionspapier. „Um Risiken für den Kunden und die öffentliche Sicherheit zu vermeiden, wird kein direkter Zugriff auf das Fahrzeug durch Dritte zugelassen.“, heißt es hier. Daten sind aber bares Geld und viele möchten mitverdienen – Streit ist da programmiert.

Doch der VDA hat inzwischen ein Konzept für die Datenübertragung ins Leben gerufen, mit dem man die Diskussionen beruhigen und Lösungen schaffen will. Es basiert im Wesentlichen auf einer Zwei-Wege-Architektur. Uns so funktioniert es:  Der Hersteller übernimmt die Verantwortung für den Transfer der Daten vom Fahrzeug auf ein standardisiertes Business-to-Business-Interface. Drittanbieter können dann über dieses Interface oder über einen neutralen Server, der nicht von einem OEM betrieben wird, auf die Informationen zugreifen. Vier Datenkategorien (siehe Grafik) mit unterschiedlichen Nutzungsgraden sieht der VDA  generell vor. Daten aus der Kategorie eins stehen allen zur Verfügung, sie sind nicht Grundlage für neue Geschäftsmodelle. Ab Kategorie drei hingegen handelt es sich um differenzierende Daten, die der Hersteller unter seiner Kontrolle hat, um unautorisierte Eingriffe zu unterbinden.  Die Anbindung an „Nevada-Share & Secure“, wie der VDA das Konzept nennt, bedarf generell einer Vereinbarung zwischen dem unabhängigen Anbieter und dem OEM, um den Prozess in Gang zu bringen.

Fest steht: Die Autobranche erkennt langsam die Möglichkeiten der eigenen Ökosysteme und öffnet sich Drittanbietern, schließlich winken satte Erlöse mit zweistelligen Wachstumsraten. Laut dem Statistik-Portal Statista beträgt der globale Umsatz im Vehicle-Services-Segment in diesem Jahr bereits 1.020 Milliarden Euro. Stimmen die Prognosen, wird im Jahr 2023 bereits ein Marktvolumen von zwei Milliarden Euro erreicht. Bei solchen Aussichten muss man davon ausgehen, dass der eigentliche Kampf um die Daten erst begonnen hat. Vermutlich gilt auch in diesem Fall: The winner takes it all. Und das muss nicht zwangsläufig ein OEM sein. Entsprechend hoch ist der Druck für die Autobauer ihre Ökosysteme rasch zum Fliegen zu bringen. Ohne Drittanbieter ist das vermutlich gar nicht möglich.

Grafik: VDA

Sie möchten gerne weiterlesen?