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Die Autoindustrie muss Electronic-Data-Interchange-Formate auf den neuesten Stand bringen – doch der Teufel steckt oftmals im Detail. Fotos: Audi / Illustration: Sabina Vogel

| von Werner Beutnagel

Wenn es um die Digitalisierung der automobilen Lieferkette geht, tauchen immer wieder Themen wie eine möglichst umfassende Vernetzung, Predictive Analytics mit Mitteln künstlicher Intelligenz (KI) oder gar die Blockchain auf. Angesichts einer immer komplexer und globaler werdenden Wertschöpfungskette, die die individuellsten Kundenwünsche mit in die Gesamtrechnung aufnehmen muss, sehen sich Unternehmen gezwungen, solche digitalen Technologien schnellstmöglich zu implementieren. Doch ehe Cloud, KI und Blockchain eine Rolle spielen können, gilt es zunächst die Grundlagen für den Wandel zu schaffen. Der Teufel steckt oftmals im Detail.

Ein Beispiel sind die Datenformate, über die Automobilhersteller mit ihren zahlreichen Lieferanten kommunizieren. Die seit Jahrzehnten vom Verband der Automobilindustrie (VDA) vorgegebenen Nachrichtenstandards sind längst nicht mehr zeitgemäß und müssen durch globale Electronic-Data-Interchange-Formate (EDI) abgelöst werden. Ein Pflichtprogramm, das sich einige Hersteller und Tier-One-Zulieferer im Rahmen des VDA selbst auferlegt haben. Das erklärte Ziel: reduzierte Komplexität der Datenübertragung durch einheitliche Nachrichtenstandards. Mitten in diesem Wandel steckt auch die Group-IT des Volkswagen-Konzerns.

automotiveIT berichtete bereits 2016 über die Bemühungen der Wolfsburger, den sogenannten Lieferabruf, mit dessen Hilfe der OEM den Bedarf für bestimmte Materialien oder Komponenten an Lieferanten übermittelt, auf den Standard VDA 4984 (Global Delfor) umzustellen. Diese erste Welle der Migration wurde Mitte 2017 abgeschlossen. Doch damit war nur ein kleiner Teil der alten Datenformate auf die neuen Anforderungen migriert. Als Nächstes warteten die Lieferscheine, auch als Advanced Shipping Notices (ASN) oder Lieferavis bekannt. Diese schicken Lieferanten an den Wareneingang der Hersteller, um über eine bevorstehende Anlieferung zu informieren. Ein solcher Lieferschein enthält beispielsweise Informationen zur Anzahl der Paletten oder über die Eigenschaften der Behälter. „Die alten Lieferscheine sind wie die Abrufe einfach nicht mehr zeitgemäß“, erklärt Karin Lehniger, IT-Projektleiterin für die EDI-Standardisierung bei Volkswagen. „Wir müssen über den Konzern hinweg zusammen mit unseren Lieferanten auf ein standardisiertes Format umstellen. Ein gewaltiges Migrationsprojekt, das die Grundlage dafür liefert, in Zeiten der Digitalisierung noch mehr Informationen einfacher austauschen zu können.“ Stand heute seien bereits rund 45 Prozent der mehr als 5000 Lieferanten konzernweit produktiv umgestellt worden, berichtet Lehniger. Jeden Monat sollen laut Plan 300 Partnerunternehmen die Migration auf den neuen Standard VDA 4987 (Global Desadv) abschließen.

Ein ambitioniertes Ziel, denn die Umstellung der ASN-Nachricht ist aufwendig. „Bei den Lieferabrufen haben wir auf Konzernseite die Daten selbst erzeugt, der Lieferant musste diese später ‚nur‘ noch verarbeiten“, erklärt Doris Schwerdt von der Marke Audi, die die fachliche Leitung in diesem Konzernprojekt übernommen hat. Im Falle der Lieferscheine müsse sich der Wolfsburger OEM nun jedoch auf die verschiedenen IT-Systeme und -Dienstleister im Lieferantennetzwerk einstellen. „Für die Zulieferer ist es komplizierter, einen Datensatz zu erstellen, als ihn nur zu lesen. Oder lassen sie es mich so sagen: Man kann eine fremde Sprache häufig besser verstehen als sie sprechen“, sagt Schwerdt. Vor allem kleinere Mittelständler benötigten im Falle der Lieferscheine viel mehr Betreuung als bei den Abrufen, erzählt die Logistikexpertin von Audi. Hinzu komme, dass viele auf die Expertise des gleichen Softwarehauses setzen, das mit der Fülle der gleichzeitigen Anfragen oftmals überfordert ist. Anders sieht es bei großen Zulieferern wie Conti oder Bosch aus, die teilweise selbst an der Ausarbeitung der neuen Standards im VDA mitgewirkt haben. „In großen Unternehmen hat man häufig weniger Probleme mit der Datenverarbeitung als mit der gesamten Koordination in der Konzernstruktur an sich“, erläutert Schwerdt. Denn die zahlreichen Standorte der gro­ßen Lieferanten machen die Migration ungleich komplexer – in technischer wie auch organisatorischer Hinsicht. Entlas­tung soll die Möglichkeit bringen, die neuen ASN-Nachrichten zunächst im Testbetrieb laufen zu lassen. „Wir gehen erst online, wenn der Lieferant genügend Zeit hatte, uns eine fehlerfreie, produktive Lieferscheinnachricht zu senden“, versichert Projektleiterin Karin Lehniger.

Das Mammutprojekt der EDI-Standardisierung ist auch konzernintern kein Pappenstiel. Denn der Rollout betrifft nicht nur VW- und Audi-Standorte in Deutschland – er hat globale Auswirkungen auf alle Konzernmarken. Hierfür wurde mit dem Konzernarbeitskreis Inbound eigens ein Gremium geschaffen, dass die Migration markenübergreifend steuern soll. Zudem hat die Group-IT eine Arbeitsgruppe eingerichtet, die sich mit den Mitarbeitern des Wareneingangs austauscht, um gegenseitiges Verständnis aufzubauen. „Dieser fachliche Austausch ist sehr wichtig für uns“, betont Doris Schwerdt. „Der Wareneingang arbeitet im Hier und Jetzt und kann zu viel Reibung bei der Umstellung auf neue Datenformate nicht gebrauchen.“ Doch Reibung und Verzögerungen bleiben bei einem solch komplexen und aufwendigen Projekt kaum aus. Schwerdt und Lehniger haben für die Umstellung der Lieferscheine einen Zielkorridor am Ende des Jahres 2018 gesetzt. Da jedoch die Abhängigkeit von den Geschwindigkeiten der Lieferanten viel höher ist, wird sich die vollständige Migration wohl bis ins Frühjahr 2019 ziehen. Ist dieser gewaltige Prozess dann erst einmal abgeschlossen, könnte dies eine Sogwirkung auf die gesamte Branche haben. „Wir sehen uns selbst als eine Art Schneeräumfahrzeug“, sagt Lehniger. „Lieferanten, die mit Volkswagen erfolgreich auf neue Nachrichtenstandards umgesattelt sind, wollen diese natürlich auch in der Zusammenarbeit mit anderen OEMs einsetzen.“