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Die Spezialisten im Smart Production Lab arbeiten an zukunftsweisenden Technologien für die Fertigung von morgen. Bild: Volkswagen/Roland Hermstein

| von Werner Beutnagel

Sichtlich stolz zeigte sich Matthias Behrens, seit Juli Leiter des Smart Production Lab (SPL) von Volkswagen, angesichts der zahlreichen digitalen Produktionsanwendungen mit Cutting-Edge-Anspruch, die sein Entwickler-Team für den Open Lab Day in der Wolfsburger IT-City ins Schaufenster gestellt hat. „Die Produktion in Wolfsburg ist für uns die größte Spielwiese der Welt. Hier können wir in direktem Austausch mit den Fachleuten in der Fertigung unsere Innovationen auf den harten Produktionsalltag vorbereiten“, sagt Behrens.

Das Smart Production Lab gehört zum Verbund von sieben IT-Labs im Volkswagen-Konzern, darunter auch das Data Lab in München und das Digital Lab in Berlin. Behrens‘ Team besteht aus 38 Software-Entwicklern, Data Scientists und Ingenieuren, die mithilfe agiler Methoden an digitalen Technologien für Produktion und Logistik tüfteln. Das Portfolio reicht von KI-basierter Kommissionierung, über kollaborierende Roboter in der Qualitätssicherung bis hin zu Predictive Maintenance.

„Hier darf auch mal was kaputt gehen“, sagt Volkswagen-CIO Hofmann über das SPL.

„Das Smart Production Lab ist ein Reallabor, in dem unsere eigenen Spezialisten experimentieren und ausprobieren können, was sich für den Realeinsatz im Werk eignet“, sagt auch Volkswagen-CIO Martin Hofmann. Man bewege sich mit den im SPL entwickelten Lösungen im Bereich des sogenannten „Bleeding Edge“, also solchen avantgardistischen Technologien, die zwar großen Fortschritt versprechen, jedoch gleichzeitig ein hohes Fehlerrisiko bei Hard- und Software in sich tragen. „Deswegen brauchen wir eine solche geschützte Umgebung, in dem auch mal was kaputt gehen kann, ohne dass gleich massive Auswirkungen für die reale Fertigung drohen“, betont der Chef der Konzern-IT.

Eines dieser Konzepte wird derzeit in der Kommissionierung auf dem Shopfloor erprobt. So identifiziert im Wareneingang ein KI-basiertes Kamerasystem Komponenten für ein Fahrzeug und erkennt, welches Teil im Warenkorb fehlt. So soll die Fehlerquote in der Fertigung um mehr als 90 Prozent gesenkt werden können.

Ein anderer Use Case beschäftigt sich mit der vorausschauenden Instandhaltung von Klebstoff-Anlagen. Volkswagens Softwareingenieure haben einen Algorithmus entwickelt, der unter Einbezug der Variable Maximaldruck den Verschleiß einer Klebe-Maschine erkennt und voraussagen kann, wann es zu einem Ausfall der Anlage kommt. So lässt sich die Maschine rechtzeitig warten und das Risiko eines Produktionsausfalls erheblich minimieren.

Die Software dahinter wurde ausschließlich von den VW-Entwicklern in der IT-City entworfen. „Der Inhouse-Anteil der Software-Entwicklung im SPL liegt bei 100 Prozent“, betont Leiter Matthias Behrens. Ein wichtiges Merkmal, will man sich doch auch bei Volkswagen in Fertigung oder im Fahrzeug immer stärker in Richtung Digital Player bewegen. Der hohe Eigenanteil bei der Software-Entwicklung spielt beispielsweise auch beim Aufbau der allmächtigen Industrie-Cloud, mit der Volkswagen zusammen mit Amazon sämtliche Konzern-Standorte vernetzen will, eine entscheidende Rolle. In ihr sollen alle Datenströme, die auch von den im Smart Production Lab entwickelten Lösungen ausgehen, zusammenlaufen.

Doch bevor Cloud Computing und künstliche Intelligenz tatsächlich die anvisierten Effizienzgewinne in der Produktion bei Volkswagen einfahren können, wird es wohl noch dauern. Bisher hat noch keines der im SPL erdachten Produkte den Weg in den Realeinsatz im Werk gefunden. „Wir befinden uns auf dem Weg der Industrialisierung unserer Lösungen“, bekräftigt Matthias Behrens. „Vieles hat dabei längst den Status des Proof-of-Concept verlassen.“ Jetzt muss Volkswagen den nächsten Schritt wagen, die kühnen Technologie-Visionen auch in die Tat umzusetzen. Denn der Druck auf dem Kessel der Autoindustrie steigt unaufhörlich.