Dr. Christian Hort T-Systems

Dr. Christian Hort ist seit Dezember 2020 Senior Vice President Automotive and Manufacturing Industries bei T-Systems International. Bild: T-Systems

Herr Dr. Hort, Volkswagen setzt auf Amazon Web Services, Renault kooperiert mit Google oder BMW nutzt die Azure Cloud von Microsoft. Was ist die richtige Cloud für die Automobilindustrie?
Dr. Christian Hort: Auffällig ist ja zunächst, dass einige der genannten OEMs nicht nur mit einem Cloudanbieter zusammenarbeiten. Das zeigt, es gibt nicht die eine richtige Cloud, die zu jedem Unternehmen und zu jeder Anforderung passt. Wenn wir mit unseren Kunden aus der Automotive- und Manufacturing-Branche Cloud-Migrationsprojekte angehen, kommen wir nicht mit einem „One Size fits all“-Ansatz um die Ecke. Diesen gibt es nicht, auch wenn die Hyperscaler inzwischen immer mehr vertikale, auf die Branche und den Prozess zugeschnitten Lösungen anbieten. Wir stellen in unseren Auswahlüberlegungen stark auf das Thema der technologischen Ergänzung ab, wie kann aus TSI und Hyperscaler Technologie ein deutlicher Mehrwert entstehen. Gemäß unserer Strategie pflegen wir gerade hierzu ein offenes Partnerschaftsnetzwerk und sprechen intensiv mit den einzelnen Anbietern über Technologie sowie spezielle Kundensituationen. Darauf aufbauend erstellen wir mit unseren Kunden einen spezifischen Migrationsplan.

Die Migration in die Cloud stellt sich aber meist als nicht so einfach dar. Wie geht T-Systems vor?
Es gibt leider nicht das Patentrezept für die Migration in die Cloud. Unser Cloud Migration Framework ist aber ein Rezept für den strukturierten Weg in die Public Cloud, angepasst an die Veränderungsgeschwindigkeit die der Kunde wünscht. Wir analysieren zunächst die individuelle Ausgangslage jedes Kunden und überführen dann die Anwendungen automatisch auf die Zielplattform. Weiterhin nutzen wir die Future IT Transformation Suite, kurz FITT, um Altsysteme in die Cloud zu migrieren. Insgesamt sechs Module überführen zum Beispiel unflexible Cobol- oder Java-Programme in moderne Microservices. Sie machen Informationen aus alten Datenbanken und Mainframesystemen nutzbar oder bringen Großrechnersysteme sicher und schrittweise in die Cloud.

Wie gehen sie denn vor, wenn sie Kunden die passende Cloud vorschlagen?
Zunächst stellen wir fest, dass die Cloud deutlich Fahrt aufgenommen hat. Wobei sie noch eher bei den Großunternehmen angekommen ist als im Mittelstand. Dies ist vielleicht auch darauf zurückzuführen, dass die Entscheidung für die Cloud in gewisser Weise eine Zäsur darstellt. Ein Unternehmen muss sich von lang gepflegten Applikationen trennen. Ohne diesen Mut zur Zäsur und etwas Risiko gibt es keine wirkliche Transformation. Wer diesen Schritt wagt, sollte mit einer ausführlichen Analyse der Ist-Situation beginnen und ein klares Zielbild formulieren. Erst wenn es darüber Konsens gibt, stellt sich die Frage nach dem richtigen Cloud-Anbieter. Denn die haben alle ihre Vor- und Nachteile. Also nicht von hinten anfangen, mit dem vordergründig besten Anbieter an den Start gehen. Dann kann es sein, dass man Chancen verpasst.

Es scheint aber auch eine leichte Tendenz weg von den US-Hyperscalern zu geben?
Ich stelle das noch nicht unbedingt fest. Aber grundsätzlich gibt es Anforderungen, die für bestimmte Bereiche, Prozesse und Daten Alternativen erfordern. Es läuft daher in vielen Fällen auf eine hybride Cloud hinaus, mit einer Mischung aus verschiedenen Public Cloud-Anbietern und Anteilen einer Private Cloud. Das gilt zum Beispiel für alle Anwendungen, die datenschutzrelevante Informationen verarbeiten. Wir haben hier als Trusted IT-Provider aus Deutschland, mit eigenen Angeboten wie unserer Open Telekom Cloud oder Verschlüsselungstechnologien für Collaboration-Tools sicher mehr als nur eine Existenzberechtigung.

Hier könnte zukünftig auch Gaia-X eine wichtige Rolle einnehmen?
BMW hat unter anderem zusammen mit der Deutschen Telekom, SAP und den Zulieferern Robert Bosch, Siemens und ZF die Catena-X Allianz gegründet. Diese hat zum Ziel den sicheren, unternehmensübergreifenden Datenaustausch für die Fahrzeugindustrie nach den Prinzipen der europäischen Datensouveränität Gaia-X und IDSA zu ermöglichen. Und da die Allianz offen ist, können sich weitere Unternehmen jeder Größe daran beteiligen – was übrigens sehr rege genutzt wird, so gehören zwischenzeitlich z.B. auch Mercedes-Benz und Schaeffler zu den Unterstützern Dieses  „Catena-X Automotive Network“ verfolgt die Zielsetzung einen einheitlichen Standard für Daten- und Informationsflüsse in der gesamten automobilen Wertschöpfungskette zu schaffen. Catena-X wird der Auto-Industrie einen Lösungsraum basierend auf Cloud-Technologie zur Verfügung stellen. Wir werden im Aufbau dieses Datenraums eine aktive Rolle spielen und ich hoffe, dass wir zusammen wirklich schnell sind und ein tolles Ergebnis abliefern.

Zu einem weiteren wichtigen Thema hat sich im Zuge der Digitalisierung auch Edge Computing entwickelt. Wann lohnt es sich, in eine Edge-Plattform zu investieren?
Ein Unternehmen muss nicht direkt in eine umfassende Plattform investieren. In ausgewählten Bereichen lassen sich erste Erfahrungen sammeln und bereits mit sehr überschaubaren Maßnahmen Erfolge aufzeigen. Es wird sich dann garantiert sehr schnell zeigen, welche Vorteile sich durch Edge Computing ergeben. Da das Datenvolumen durch Maschinendaten enorm ansteigt, lassen sich die ganzen Vorteile der schnellen Datenanalyse quasi nur noch über die Datenverarbeitung nah an der Fertigung erschließen. Der KI-Algorithmus ist dann in der Edge und das deutlich geringere Datenvolumen nach der Analyse geht in die Cloud um dort für weniger zeitkritische Analysen genutzt zu werden.

Ihr persönlicher Eindruck nach einigen Monaten in der IT-Branche bei T-Systems. Was ist anders?
Der Druck der Veränderung ist enorm hoch und ein Lossagen von etablierten Lösungen und Applikationen fällt schwerer als ich dachte. Ich habe bei Kunden Applikationen gesehen, die seit Jahrzenten laufen, programmiert in Sprachen, zu denen sie aus demographischen Gründen keine Entwickler mehr finden. Ein Zeichen für die Tendenz in einigen Bereichen, Systeme lange am Leben zu erhalten. In der Embedded-Systems-Welt ist z.B. eine Headunit nach 5-7 Jahrentechnologisch überholt und sie müssen mit der neuesten Chip-Generation die Neu-Entwicklung starten. Sehr intensiv im positiven Sinn zu sehen ist auch die Umverteilung der Software-Kompetenz mit einer starken Integration durch die OEMs selbst und die zunehmende Branchenspezialisierung der Hyperscaler, die auf allen Seiten den Veränderungsdruck verstärkt.
Das daraus entstehende Umfeld lässt viele Herausforderungen entstehen und macht mir sehr viel Spaß.

Dr. Christian Hort

ist seit Dezember 2020 Senior Vice President Automotive and Manufacturing Industries bei T-Systems International. Zuletzt war der auf Vertriebs- und Unternehmensführung spezialisierte Wirtschaftsingenieur Leiter der CRM- und Sales Service-Abteilung bei Hilti und General Manager der Customer Business Unit Daimler bei Harman International.

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