Astrid Fontaine, automotiveIT Kongress 2022

Astrid Fontaine diskutiert auf dem automotiveIT Kongress 2022 die Personalstrategien des Volkswagen-Konzerns. (Bild: FacesByFrank)

„Keine andere Krise hat uns jemals so schnell transformiert wie die Corona-Pandemie“, stellt Astrid Fontaine fest, die im Markenvorstand von Volkswagen Nutzfahrzeuge das Ressort People & Transformation verantwortet. Einerseits sei die Branche gezwungen gewesen, kurzfristig auf mobile Arbeitsmodelle umzuschwenken, andererseits habe die Entwicklung aber auch Folgen auf die Mitarbeiterbindung gehabt. Wenn Mitarbeiter ohnehin zuhause am eigenen Laptop arbeiten, spreche deutlich weniger dagegen, einfach das Arbeitgeber-Logo am Gerät auszutauschen, so Fontaine.

Die Autoindustrie müsse daher insbesondere im IT-Bereich an zwei Fronten kämpfen: Einerseits gelte es, passende Fachkräfte zu finden – bei insgesamt 86.000 unbesetzten IT-Stellen alleine in Deutschland und der zunehmenden Konkurrenz mit anderen Branchen keine leichte Aufgabe. Andererseits müsse man Fachkräften mehr bieten als bisher. „Die Frage ist nicht nur, wie finden wir Fachkräfte, sondern auch wie schaffen wir es, diese zu halten“, erklärt Fontaine. Volkswagen adressiere dieses Thema aus mehreren Perspektiven: Einerseits müssten den Mitarbeitern mehr Flexibilität und neue Organisationsformen erlaubt werden, andererseits müsse die IT zunehmend dezentraler gedacht werden und auch Experten aus den Fachbereichen sollten einbezogen werden.

Jobs müssen Sinn machen

Ein zentraler Aspekt sei es jedoch, „purpose-driven jobs“ anzubieten, die es Mitarbeitern erlauben, gemeinsam mit gleichgesinnten Kollegen an Themen mit Begeisterungspotenzial zu arbeiten: etwa an der nachhaltigen, inklusiven und sicheren Mobilität der Zukunft. Zudem brauche es die Möglichkeit für Mitarbeiter, sich individuell weiterzuentwickeln. „IT-Fachkenntnisse sind alle drei bis vier Jahre wieder überholt“, erklärt Fontaine. Daher brauche es Systeme zur Qualifizierung der vorhandenen IT-Belegschaft. Darüber hinaus müsse man allerdings auch über Programme wie die Fakultät 73 für Quereinsteiger den Weg Richtung IT öffnen.

Panel 1, automotiveIT Kongress 2022
Barbara Sichler, Max Senges und Frank Loydl diskutieren die Arbeitswelt der Zukunft. (Bild: FacesByFrank)

Die Arbeitswelt wird demokratischer

Wie sehr sich die Autoindustrie umstellen muss, um auf das Ungleichgewicht von Angebot und Nachfrage bei IT-Profis zu reagieren, wird in der ersten Paneldiskussion des Kongresses deutlich: Auf der Agenda stehen neben der Einführung neuer Organisationsmodelle vor allem die Demokratisierung der Arbeitswelt und der Aufbau starker Communities, die Mitarbeiter längerfristig halten sollen.

Eigene Erfahrungen zeigen, dass im oberen Management zunehmend ein Umdenken stattfinden müsse, sagt etwa Barbara Sichler, Head of Software Engineering bei Skoda. Viele traditionelle Organisationsmodelle seien nicht mehr zeitgemäß. Gleichzeitig müsse die Unternehmensführung darauf achten, sowohl Raum für neue Arbeitsmodelle in agilen IT-Schnellbooten zu schaffen, als auch die Legacy-Organisation sinnvoll zu modernisieren.

Wie oft man grade in Großkonzernen an die Grenzen der Gestaltungsfreiheit stößt, scheint auch Frank Loydl schmerzhaft bewusst zu sein. Das Problem sei oftmals nicht die Verfügbarkeit von Talenten, sondern die fehlende Flexibilität, diesen Menschen individuelle Rahmenbedingungen und Arbeitsmodelle anbieten zu können, so der Audi-CIO. Anders gestalte sich die Lage bei Ausgründungen und Joint Ventures: etwa in dem Gemeinschaftsunternehmen Amplimind, das der Autobauer gemeinsam mit Lufthansa Industry Solutions betreibt. Hier werde im Recruiting und Onboarding neuer Mitarbeiter nicht auf klassische Vorstellungsgespräche und Hierarchieebenen gesetzt, sondern auf ein Kennenlernen und Probearbeiten mit dem jeweiligen Team. Dies könne nicht nur die Fachkenntnisse, sondern auch die Kompatibilität mit der Unternehmenskultur und dem persönlichen Umgang im Unternehmen bewerben.

Dass sich entsprechende Systeme nicht nur im Unternehmen selbst, sondern auch in der Ausbildung von Fachkräften zunehmend durchsetzen, berichtet auch Max Senges, CEO & Headmaster der Software-Schulen 42 Wolfsburg und 42 Berlin. Im Fokus steht hier exklusiv die Softwareentwicklung, die so praktisch wie möglich vermittelt wird. Das Konzept sieht dabei statt dem Frontalunterricht eine enge Kooperation der Menschen vor, die sich bei Coding-Aufgaben gegenseitig kontrollieren und unterstützen sollen. Das Konzept sehe viele Freiheiten vor, aber betone gleichzeitig auch die Verantwortung des Einzelnen, die damit einhergehe, so Senges.

Der Zugang zu den Programmen sei grundsätzliche jedem Menschen möglich, im Fokus stehe zunächst nicht das vorhandene Fachwissen, sondern die Motivation der Bewerber, so der IT-Experte weiter. Gleichzeitig beziehe man die Möglichkeit des lebenslangen Lernens mit ein. „Die Technik entwickelt sich so schnell, eigentlich kann man direkt wieder von vorne anfangen zu studieren, wenn man sein Studium abgeschlossen hat“, kommentiert Senges. Daher stehen die Türen von 42 Wolfsburg und 42 Berlin auch denjenigen offen, die das Programm bereits durchlaufen haben.

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